Psychologische Methoden und Open Science
Hier finden Sie eine Übersicht über die von der Abteilung (mit-)entwickelten Messinstrumente.
Für eine Übersicht zu den Messinstrumente bei Zwangsstörungen möchten wir auf folgendes Buchkapitel hinweisen:
- Fink-Lamotte, J. (2023). Klinische Erhebungsmethoden und Instrumente der Zwangsstörung. In: U. Voderholzer, N. Kathmann, & B. Reuter (Hrsg.). Praxishandbuch Zwangsstörung. München: Elsevier.
Validierung und deutsche Übersetzung der Dimensionalen Obsessive-Compulsive Scale (DOCS)
Die Erfassung des Schweregrads der Zwangsstörungen ist aufgrund der Multidimensionalität des Störungsbildes bisher oft nur eingeschränkt darstellbar. So werden zum Beispiel Menschen mit multiplen Symptomtypen in manchen Fragebögen höhere Scores erzielen, einfach, weil mehr Items auf sie zutreffen. Außerdem werden Menschen höhere Scores erreichen, wenn ihre Symptombilder mit den in den Items beschriebenen Symptombildern übereinstimmen. Daneben wird die Zwangsstörung mit einigen aktuellen Screening- und Diagnostikinstrumente oft eindimensional erfasst (z.B. nur Stress). Um diese Limitationen zu reduzieren, wurde die Dimensionale Obsessive-Compulsive Scale (DOCS; Abramowitz et al., 2010) als Instrument zur Erfassung von Zwangsstörungen entwickelt.
Hier geht es zur deutschsprachigen Version der DOCS und zur Validierungsstudie
Dimensional Obsessive-Compulsive Scale - English and German Short Forms (DOCS-SF)
Der DOCS-SF ist ein Kurzfragebogen, der das Vorhandensein von Zwangssymptomen auf vier Dimensionen (bspw. Verunreinigung) erfragt, und anschließend die Ausprägung für den aktuell belastendsten Bereich (bspw. Zeitaufwand, Vermeidung) erfasst.
The DOCS-SF is available in German and English.
- Kühne, F., Paunov, T., Abramowitz, J.S., Fink-Lamotte, J., Hansen, B., Kvale, G., & Weck, F. (2021). Screening for Obsessive-Compulsive Symptoms: Validation of the Dimensional Obsessive-Compulsive Scale - English and German Short Forms. Journal of Obsessive-Compulsive and Related Disorders, 29, 100625. https://doi.org/10.1016/j.jocrd.2021.100625
Validierung und Übersetzung des Obsessive-Compulsive Inventory-Revised OCI-12 und Obsessive-Compulsive Inventory Screening OCI-4
Gemeinsam mit einem nationalen und internationalen Konsortium haben wir das OCI-12 validiert, eine syndromal verfeinerte deutsche Version des Obsessive-Compulsive Inventory (OCI-R), die in einer deutschen klinischen und nicht-klinischen Stichprobe hervorragende psychometrische Eigenschaften aufweist (Müller et al., in press).
Zusätzlich validierten wir das OCI-4, ein ultrakurzes Screening-Instrument, das sich besonders für die Primärversorgung und groß angelegte Studien eignet (Müller, Fink-Lamotte et al., 2025).
Validierung und Übersetzung der Family Accommodation Scale (FAS-Z) für Zwangsstörung
Die Patientenversion der FAS (Wu, Pinto, et al., 2016) basiert auf der Family Accommodation Scale – Interviewer Rated (FAS-IR; Calvocoressi et al., 1999) und erfasst Zwangssymptome und Akkommodationsverhalten, jeweils eingeschätzt durch die zwangserkrankte Person. Der erste Teil der Skala fragt anhand einer Liste mit Beispielen gegenwärtig vorhandene Zwangssymptome ab. Im zweiten Teil erfassen 19 Items die Häufigkeit von verschiedenen Akkommodationsverhaltensweisen, welches durch eine Bezugsperson während der letzten Woche gezeigt wurden. Jedes der 19 Items misst die Häufigkeit auf einer 5-stufigen Skala von 0 zu 4 (0 = nie, 1 = 1 Tag, 2 = 2-3 Tage, 3 = 4-6 Tage, 4 = jeden Tag). Der Gesamtscore setzt sich aus allen markierten Itemwerten zusammen. Je höher der Score, desto häufiger wird Akkommodationsverhalten gezeigt. Von den Entwickler:innen durchgeführte psychometrische Analysen über die 19 Items zeigen gute Kennwerte sowohl für die Reliabilität (internale Konsistenz des FAS-PV Gesamtscore berechnet mittels Cronbach’s Alpha (α) = .88 und Test-Retest-Reliabilität berechnet mittels Intraklassenkoeffizient (ICC = .62) als auch für die Validität (konvergente Validität durch starken positiven Zusammenhang der FAS-PV mit der Clinical Global Impression-Severity Scale (CGI-S; National Institute of Mental Health, 1997) r = .53, p < .001).
Eine Validierungsstudie der deutschsprachigen Version der FAS-Z ist derzeit in Arbeit.
Hier geht es zur deutschsprachigen FAS Patientenversion und zur FAS Angehörigenversion.
Entwicklung der Family Accommodation Scale für Depressionen (FAS-D)
Für die Untersuchung von Akkommodationsverhalten im Kontext von depressiven Erkrankungen wurden die FAS-SR und FAS-PV für depressive Erankungen adaptiert. Dafür wurden Items, die in den ursprünglichen Versionen die Akkommodation von den bei Zwangsstörungen relevanten Symptombereichen der Zwangsgedanken und Zwangsverhalten abfragen, äquivalent auf depressive Gedanken und Stimmungen sowie Rückzugsverhalten angepasst. Auch die bei einigen Items zur näheren Erläuterung gegebenen Beispiele wurden auf depressionsspezifische Situationen angepasst (siehe u. a. Item 4: „Mein:e Angehörige:r tat Dinge, die es mir möglich machten, mich aufgrund der depressiven Gedanken oder Stimmungen zurückzuziehen. Beispiele: eine Einladung für mich ablehnen, weil ich mich zurückziehen muss, bei der Arbeit anrufen, dass ich nicht kommen könne.“). Items 4 und 6 wurden als sehr zwangsspezifische Items bewertet, die nicht sinnvoll auf Depressionen übertragen werden können und wurden daher aus der Skala entfernt. Somit beinhalteten die schlussendlichen Skalen, die FAS für Depressionen (FAS-DEP) in einer Angehörigen- und einer Patient:innenversion 17 Items. Der Summenwert der FAS-DEP ist ein Maß für den Umfang von Akkommodationsverhalten.
Eine Validierungsstudie der deutschsprachigen Version der FAS-DEP ist derzeit in Arbeit.
Hier geht es zur deutschsprachigen FAS_DEP Patient:innenversion und zur FAS-DEP Angehörigenversion.
Entwicklung und Validierung eines Imaginations- und Videobasierten Chain of Contagion Task
Mit dem CCT wird die Wahrnehmung gemessen, zu welchem Grad Kontamination zwischen vorher neutralen Objekten übertragen wird. Die Aufgabe besteht darin, dass Versuchspersonen das Level der Kontamination von Objekten, die sich sequenziell von einem kontaminierten Index-Objekt entfernen, einschätzen. Aufgrund der Heterogenität von Kontaminationsängsten dürfen sich die Versuchspersonen das kontaminierte Objekt selbst aussuchen. Dazu werden sie aufgefordert, das für sie am stärksten kontaminierte Objekt im Gebäude zu identifizieren (z.B. Toilette, Mülleimer) und dieses in Bezug auf den Kontaminationsgrad auf einer Skala von 0–100 % zu bewerten. Die Einschätzung wird von der versuchsleitenden Person notiert. Im nächsten Schritt öffnet die versuchsleitende Person eine neue Schachtel mit 12 Bleistiften, nimmt einen Bleistift heraus und stellt sicher, dass der neue Bleistift als unkontaminiert wahrgenommen wird; dann wird dieser systematisch an dem kontaminierten Objekt gerieben. Der Raum mit dem kontaminierten Objekt wird mit den Bleistiften verlassen und die Versuchspersonen schätzen den Grad der Kontamination von Bleistift Nr. 1 auf einer Skala von 0–100 % ein; das kontaminierte ursprüngliche Objekt ist dabei nicht länger sichtbar. Im Anschluss wird Bleistift Nr. 2 aus der Schachtel genommen und an Bleistift Nr. 1, der Kontakt mit dem kontaminierten Objekt hatte, gerieben. Nun schätzt die Versuchsperson den Kontaminationsgrad des Bleistiftes Nr. 2 ein. Diese Prozedur wird mit allen 12 Bleistiften in der Schachtel durchgeführt, d.h. es gibt 12 Stufen der graduellen Entfernung vom ursprünglichen kontaminierten Objekt, für die jedes Mal eine Kontaminationsbewertung abgefragt wird. In diesem Sinne ist Bleistift Nr. 1 eine Stufe und Bleistift Nr. 12 zwölf Stufen vom kontaminierten Index-Objekt entfernt. Zur Diagnostik von rigidem Kontaminations-/Ekelerleben (Fink-Lamotte, Bieber et al., 2024) haben wir eine imaginationsbasierte und einen videobasierte Version entwickelt, die in Experimenten und in der klinischen Praxis angewendet werden kann:
- Imaginationsbasierte Ansteckungskettenaufgabe als PDF (deutsch) und (englisch)
- Alle Materialien für die Ansteckungskettenaufgabe als Audio (Imaginationsbasiert) und als Videofile für experimentelle oder therapeutische Zwecke
Entwicklung und Validierung einer Skala zur Erfassung von Situativem Ekelerleben (MSDQ - Multidimensional State Disgust Questionnaire)
Um die Messung von State-Ekel zu verbessern, haben wir den MDQ entwickelt. Der MDQ unterscheidet im Gegensatz zu früheren eindimensionalen Instrumenten zwischen vier Ekelmechanismen: objektbezogen, selbstbezogen, normbezogen und prozessbezogen. In fünf Studien zeigte er eine robuste Faktorenstruktur, hohe Zuverlässigkeit und gute diskriminante Validität. Der MDQ liegt sowohl in deutscher als auch englischer Sprache vor und stellt ein präzises Messinstrument für die klinische Diagnostik und experimentelle Forschung dar.
Aktuelle Version des Fragebogens sowie zugehörige Daten finden Sie unter:
https://osf.io/5w8x2/?view_only=f8345d2cebaf492da2412b349f1c4148
Entwicklung und Validierung einer ekelbezogenen Scrambled Sentences Task zur Messung von Interpretationsverzerrungen
Die Scrambled Sentences Task (SST) ist ein verbreitetes Verfahren zur Messung von Interpretationsverzerrungen (Würtz et al., 2022). Wir entwickelten eine ekelbezogene Version und übersetzten sie ins Englische. Dabei erhalten die Teilnehmenden Sätze aus sechs zufällig angeordneten Wörtern (z. B. „she - forearm - her - scrab - scratched - on“) und sollen daraus so schnell wie möglich einen grammatikalisch korrekten Fünf-Wort-Satz bilden. Abhängig von der Wortwahl kann der Satzinhalt entweder neutral oder ekelbezogen sein.
In einer aktuellen Studie werden die SST sowie zwei weitere Messinstrumente – die Encoding Recognition Task (Charash & McKay, 2009) und die Ambiguous Scenario Task (Wong et al., 2022) – zur Erfassung ekelbezogener Interpretationsverzerrungen validiert, um das robusteste Instrument für Forschung und klinische Anwendung zu identifizieren.
Open Science in der Klinischen Psychologie
Wir setzen uns dafür ein, Transparenz, Replizierbarkeit und methodische Innovation in der Klinischen Psychologie zu stärken, indem wir praktische Anleitungen und Projekte entwickeln, die Open-Science-Prinzipien mit den Anforderungen klinischer Forschung verbinden.
Ein wichtiger Schritt dieser Arbeit ist ein Positionspapier (Fink-Lamotte et al., 2024), in dem wir aufzeigen, wie Transparenz, Datenaustausch und methodische Genauigkeit in der Klinischen Psychologie sinnvoll bewertet werden können, ohne ethische Grenzen zu überschreiten.
Außerdem haben wir untersucht, wie sich der RESQUE-Rahmen (Research Quality Evaluation Scheme for Psychological Research) auf die Klinische Psychologie anwenden lässt (Heller et al., in Vorbereitung). Unsere Ergebnisse zeigen, dass RESQUE zwar eine wirksame Differenzierung der Open-Science-Praktiken ermöglicht, jedoch Anpassungen nötig sind, um die besonderen ethischen und rechtlichen Anforderungen klinischer Forschung zu berücksichtigen. Dies verdeutlicht, dass es maßgeschneiderte Standards und Bewertungsinstrumente braucht, um Open Science in der Klinischen Psychologie fair und praktikabel umzusetzen.