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Nachruf

Honorarprofessor Dr. Walther Stützle (1941 – 2016)


In Deutschland ist der berufliche Wechsel zwischen Wissenschaft, Publizistik und Politik sehr selten, und es gibt wenige Perso­nen, die wie Walther Stützle hochrangige Positionen in diesen drei Bereichen inne gehabt haben. Von 1986 bis 1991 war er Direktor des international sehr renommierten Stockholm International Peace Research Institute. Im Bundesministerium der Verteidigung war er als Leiter des Planungsstabes und als Staatssekretär tätig. Im Journalismus arbeitete er als Chefredakteur des Tagesspiegel Berlin. Durch seine berufliche Laufbahn hat Herrn Walther Stützle eine besondere Kombination von Wissen, prakti­schen Erfahrungen und persönlichen Kontakten erworben, die er seit dem Wintersemester 2004/05 in seine Lehrtätigkeit an der Universität Potsdam einbrachte. In Würdigung seiner wissenschaftlichen Leistungen in Forschung und Lehre hat ihn die Universität Potsdam im Jahr 2005 zum Honorarprofessor ernannt.

Geboren wurde Walther Stützle im Jahr 1941 auf Sylt. Nach dem Abitur und einem freiwillig verlängerten Wehrdienst, bei dem er die Ausbildung zum Reserveoffizier absol­vierte, studierte er Politikwissenschaft an den Universitäten Berlin, Hamburg und Bordeaux. Auf den Studienabschluss 1996 mit dem Diplom an der Freien Universität Berlin folgte eine berufliche Tätigkeit als Dozent an der Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Naumann–Stiftung (1967), als Research Associate am Institute for Strategic Studies, London (1968) und als Wissenschaft­licher Mitarbeiter am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (1969).

Im Jahr 1972 promovierte er an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über Adenauer und Kennedy in der Berlin-Krise 1961/62, die er 1973 als Buch veröffentlichte. Die Jahre 1961 und 1962 markieren einen Höhepunkt des Kalten Kriegs mit der Krise um Berlin, die im August 1961 zum Bau der Berliner Mauer führte, und der Kuba-Krise im Spätherbst 1962, die die Welt an den Abgrund eines Nuklearkriegs brachte. Bereits vor diesen Krisen waren die deutsch-amerikanischen Beziehungen in eine schwierige Phase geraten, da die Politik des im November 1960 gewählten amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy mit zentralen Prinzipien der Deutschlandpolitik Adenauers in Konflikt geriet. Walther Stützle analysiert die Beziehungen zwischen Adenauer und Kennedy auf der Grundlage eines reichen Detailwissens. Er arbeitet den Gegensatz in den Prinzipien der Außenpolitik dieser beiden Politiker heraus und entgeht damit der Gefahr einer Verengung der Politik auf persönliche Faktoren.

Von 1969 bis 1982 war Walther Stützle im Bundesministerium der Verteidigung tätig, Bis 1972 arbeitete er im Planungsstab von Bundesminister Helmut Schmidt. Die Schwerpunkte seiner Arbeit lagen in dieser Zeit auf den Gebieten der Rüstungsbeschränkung und Abrüstung sowie der Wehrstruktur. Von 1972 bis 1976 war er Persönlicher Referent von Verteidigungsminister Georg Leber und leitete das Ministerbüro. In den Jahren 1976 bis 1982 leitete er den Planungsstab.

Es folgten drei Jahre als Korrespondent für Außen- und Sicherheitspolitik bei der Stuttgarter Zeitung. 1983 veröffentlichte Walther Stützle sein zweites Buch mit dem Titel „Politik und Kräfteverhältnis“. Auf dem Hintergrund der Intensivierung des Ost-West-Konflikts nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan Ende 1979 und der politischen Auseinandersetzung um die Reaktion der NATO auf die Stationierung von nuklearen Mittelstreckenraketen durch die Sowjetunion analysiert er das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Seiten im Kalten Krieg sowohl im Bereich der nuklearen als auch der konventionellen Waffen. Das an einen breiteren Leserkreis gerichtete Buch ist geleitet von der Frage, wie angesichts der neuen Belastungen des Ost-West-Verhältnisses das Ziel einer auf militärischem Gleichgewicht basierenden Friedensordnung realisiert werden kann.

Von 1986 bis 1991 leitete Walther Stützle das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), eines der größten und weltweit führenden Institute für Friedens­forschung und Sicherheitspolitik. Als Direktor verantwortete Walther Stützle die Heraus­gabe des SIPRI Yearbook. Dieses jährlich erscheinende Standardwerk berichtet fortlaufend über die Rüstung mit Nuklearwaffen, chemischen und biologischen Waffen, ferner über die neuesten Entwicklungen der Militärtechnologie, die Verteidigungsausgaben und den interna­tionalen Handel mit Waffen. Walther Stützle hat in dieser Zeit neue Projekte für das SIPRI initiiert und war als Mitautor und Mitherausgeber an weiteren Buchpublikationen zusätzlich zum Yearbook beteiligt. Eines dieser Bücher „The ABM Treaty“ (Mitherausgeber Bhupendra Jasanbi und Regina Cowen) brachte Autoren aus Ost und West zusammen, um die Relevanz des Vertrages zur Beschränkung der Abwehrsysteme gegen ballistische Nuklearwaffen (ABM Treaty) zu analysieren und gegen die Infragestellung dieses Vertrags durch die US-amerikanische Regierung unter Präsident Reagan zu verteidigen. An dieser Publikation waren als Autoren auch die Verhandlungsführer der USA und Russlands beteiligt, die Anfang der siebziger Jahre diesen Vertrag ausgehandelt hatten. Ein anderes Buch „Germany and Europe in Transition“ (1991, Mitherausgeber Adam Rotfeld) veröffentlicht die Beiträge einer Konferenz zur Vereinigung Deutschlands, die im Februar 1990 in Potsdam stattfand, und ergänzt diese durch einen umfassende Dokumentation von politischen Texten zum Vereinigungsprozess.

In der Zeit des Umbruchs von 1989/1990 hat Walther Stützle in weiteren Schriften zu aktuellen Fragen der europäischen Sicherheitsordnung publiziert, so in „Die Architektur europäischer Sicherheit“ (1989, zusammen mit Werner Weidenfeld, Curt Gasteyger und Josef Janning) und in „“Abschied von der alten Ordnung“ (1990, zusammen mit Werner Weidenfeld). Von 2002 bis 2004 hat er in der Transatlantic Stratetgy Goup on Security mitgearbeitet und deren Abschlussbericht „From Alliance to Coalitions: The Future of Transatlantic Relations“ mit herausgegeben.

Von der wissenschaftlichen Forschung in Stockholm führte der berufliche Weg von Walther Stützle nach Berlin zur Publizistik. In den Jahren 1991 bis 1998 arbeitete er für die Zeitung Der Tagesspiegel, zunächst drei Jahre als Stellvertretender Chefredakteur, dann vier Jahre als Chefredakteur. Im September 1998 wurde Walther Stützle vom Verleger als Mitherausgeber des Tagesspiegels designiert. Noch bevor er die neue Position antreten konnte, wechselte er im November 1998 wieder in den Bereich der Politik und wurde beamteter Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung. In dieser Position war er vier Jahre tätig.

Seit 2002 war Walther Stützle als freier Autor tätig. Als Co-Chairman der von der Bertelsmann-Stiftung einberufenen Transatlantic Strategy Group hat er sich für den in den vergangenen Jahren sehr schwierig gewordenen transatlantischen Dialog eingesetzt und als Mitherausgeber den 2004 unter dem Titel „From Alliance to Coalitions: The Future of Transatlantic Rela­tions“ erschienen Bericht dieser hochkarätigen Gruppe verantwortet. Er hat weiterhin in der allgemeinen und in der wissenschaftlichen Presse publiziert, etwa in der von der Deutschen Gesellschaft für Internationalen Politik herausgegebenen Zeitschrift Internationale Politik.

Seit dem Wintersemester 2004/05 lehrte Walther Stützle an der Universität Potsdam, zunächst im Rahmen eines Lehrauftrags ohne Vergütung Seminare im Hauptstudium für Studierende der Politik- und Verwaltungswissen­schaft. In Würdigung seiner wissenschaftlichen Leistungen in Forschung und Lehre hat ihn die Universität Potsdam im Jahr 2005 zum Honorarprofessor ernannt. Für das Lehrangebot im Fachgebiet Internationale Politik waren die Seminare von Walther Stützle durch ihre Thematik und ihre Praxisorientierung eine wertvolle Ergän­zung. Er lehrte weit über die übliche Altersgrenze hinaus bis zum Jahr 2014. An seinen Hauptseminaren zur Sicherheits­politik schätzten die Studierenden, dass sie auf einer umfassenden wissenschaftlichen Kompetenz beruhten, zu vielen Punkten Informationen aus eigener Erfahrung einbrachten und hochrangige Zeitzeugen einbezogen, von denen er viele durch seine berufliche Tätigkeit persönlich kannte..

Wir werden Walther Stützle mit Respekt vor seiner außerordentlichen  Lebensleistung und mit Dankbarkeit für seine Lehrtätigkeit im Gedächtnis behalten.

Prof. Dr. Otto Keck und Prof. Dr. Andrea Liese