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Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes

Die Vorbereitungsphase für meinen Erasmus-Aufenthalt in Estland verlief recht reibungslos. Sowohl die zahlreichen Informationsveranstaltungen der Universität Potsdam als auch die Informationen der Universität Tartu waren hilfreich und leicht zu finden. Annika Kalda, die Erasmus-Koordinatorin in Tartu, war immer hilfsbereit und bei Fragen gut erreichbar. Alle Bewerbungsunterlagen konnten unkompliziert über das Online-Portal der Universität Tartu hochgeladen werden. Grundsätzlich ist es empfehlenswert, die entsprechenden Unterlagen so früh wie möglich bereit zu haben und zu organisieren, um unnötigen Stress bei fehlenden Dokumenten zu vermeiden. Annika Kalda hat mir alle Informationen rechtzeitig per E-Mail zukommen lassen und die Informationen waren übersichtlich und klar, welche Unterlagen benötigt werden und wie der weitere Prozess ist. Auch die Kommunikation mit dem International Office der Universität Potsdam verlief super und die Kolleg:innen waren sowohl per Mail als auch telefonisch gut erreichbar, zum Beispiel für Fragen bezüglich des Grant Agreements. Gleiches gilt für Frau Kletzin in Bezug auf die Zuständigkeiten für das Online Learning Agreement (OLA) für die WiSo-Fakultät.


Studienfach: Politikwissenschaft (M.A.)

Aufenthaltsdauer: 02/2023 - 06/2023

Gastuniversität: Universität Tartu

Gastland: Estland

Studium an der Gastuniversität

Während meines Erasmus-Aufenthaltes befand ich mich bereits im vierten und letzten Mastersemester. Daher hatte ich nur noch 21 offene ECTS und musste dementsprechend nur eine überschaubare Anzahl an Kursen in Tartu belegen. Zu Beginn des Semesters war die Studiensituation recht entspannt, da einige Kurse erst im März richtig anfingen. Das kam mir sehr gelegen, da ich im Februar noch zwei Prüfungsleistungen aus Potsdam in Tartu schreiben beziehungsweise finalisieren musste. Außerdem habe ich während meines Semesters in Tartu meine Werkstudententätigkeit remote weitergeführt. Da diese mit 20 Stunden pro Woche recht umfangreich ist, war dies natürlich eine Einschränkung, aber angesichts der geringeren Anzahl an ETS, die ich zu leisten hatte, durchaus machbar. Das Sommersemester begann mit einer allgemeinen Informationsveranstaltung über die Einschreibung, die Semesteranfangsveranstaltungen und nützliche Hinweise zur Universitätsstruktur. Dabei wurde auch die Funktionsweise von SIS (ähnlich wie PULS an der Uni Potsdam) und Moodle erklärt. Dank SIS konnte ich problemlos meine gewünschten Kurse belegen und hatte im Vergleich zu meinen Kommiliton:innen keine Schwierigkeiten, in die Kurse meiner Wahl aufgenommen zu werden. Einige Wochen nach Semesterbeginn war es noch möglich, sich von Kursen abzumelden oder diese zu wechseln, um den Stundenplan inhaltlich und zeitlich optimal zu gestalten. Die Fristen für diese Änderungen waren jedoch von Fakultät zu Fakultät und auch innerhalb einer Fakultät unterschiedlich. Auch diese Informationen konnten im SIS eingesehen werden. Das Niveau der Lehre war insgesamt sehr gut. Die Vorlesungen und Seminare waren deutlich praxisorientierter als in Potsdam. Besonders hervorzuheben ist ein Seminar, das eine Security Simulation Exercise beinhaltete. Das Schreiben ist generell stärker auf das Verfassen von Policy Briefs ausgerichtet, was den Unterschied zum deutschen akademischen System verdeutlicht. Die Studienorganisation unterscheidet sich deutlich von der in Potsdam, da während des Semesters eine Vielzahl kleinerer Leistungen erbracht werden müssen, die in die Endnote einfließen. In den meisten Kursen werden sowohl ein midterm exam als auch ein final exam sowie eine Hausarbeit in Form eines Essays oder Policy Papers verlangt. Andere Seminare werden durch 4-5 reflection papers oder pre-reading notes strukturiert. Das bedeutet, dass nicht die gesamte Note von der letzten Prüfung abhängt, sondern dass man sich intensiv mit den Inhalten auseinandersetzt. Es gibt Unterschiede von Kurs zu Kurs, aber die meisten Dozent:innen haben einen sehr anschaulichen, digital unterstützten Unterricht gehalten und es fand regelmäßig eine aktive Diskussion statt. Ich war beeindruckt von der Ansprechbarkeit und Erreichbarkeit der Lehrenden. Sie boten eine enge Betreuung und gaben regelmäßig Feedback während des Semesters. Zudem hatte ich das Glück, zwei Kurse bei internationalen Gastprofessor:innen zu belegen, was die internationale Ausrichtung des Johan Skytte Instituts verdeutlichte. Darüber hinaus bot das Institut regelmäßig interessante Veranstaltungen mit hochrangigen externen Gästen an und es bestand sogar die Möglichkeit, Veranstaltungen am Baltic Defense College zu besuchen. Thematisch habe ich vor allem Seminare aus dem Bereich der Internationalen Beziehungen belegt, was mir sowohl spannende Perspektiven auf die Sicherheitspolitik in der Ostseeregion als auch auf die Rolle Chinas in den internationalen Beziehungen ermöglicht hat. Das akademische und englischsprachige Niveau der Kommiliton:innen variierte teilweise von Seminar zu Seminar und war nicht immer auf dem gleichen Level. Dies wirkte sich natürlich auch auf die Qualität des Kurses aus. Die Leistungsbewertung empfand ich im Allgemeinen als fair, auch wenn man bei der Vielzahl der eingereichten Arbeiten manchmal das Gefühl hatte, dass die Dozierenden aufgrund der Fülle der Arbeiten nicht immer alle Arbeiten mit ausreichend Zeit bewerten konnten, was sich dann z.B. durch spärliches Feedback im Vergleich zu anderen Arbeiten bemerkbar machte. Die Bewertung war in den meisten Fällen auch sehr transparent und die Leistungsanforderungen für zum Beispiel sehr gute und gute Paper wurden klar aufgezeigt und besprochen. Die Universität war technisch super ausgestattet mit Computerpools und vor allem die Bibliothek überzeugte mit einer recht günstigen und sehr leckeren Mensa.  Das sogenannte Delta-Gebäude war ein beliebter Ort zum Arbeiten und ist sehr modern ausgestattet und lädt auch nach einer langen Bibliothekssession auf seinen schönen Terrassen zum Verweilen ein.

Kontakt zu einheimischen und internationalen Studierenden

Es war recht einfach, schnell Kontakte zu anderen Erasmus-Studierenden zu knüpfen, da das Erasmus Student Network in der Anfangsphase viele Veranstaltungen organisierte. Von Quiznights, Partys und Kneipentouren bis hin zu Spieleabenden und Spaziergängen gab es viele Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen. Auch in den Seminaren und Vorlesungen konnte man schnell neue Kontakte knüpfen. Das Studentenwohnheim „Raatuse“ war dabei der zentrale Treffpunkt für die meisten internationalen Studierenden und ich habe dort viele Abende in den verschiedenen Dorms verbracht. Der Kontakt zu estnischen Studierenden war für mich persönlich weniger intensiv, jedoch konnte ich durch meine Vorlesungen und andere Begegnungen auch einige Bekanntschaften mit estnischen Studierenden knüpfen, die jedoch nicht so ausgeprägt waren wie mit den anderen internationalen Studierenden. Dies liegt zum einen an der generellen Zurückhaltung der Est:innen (kulturell in dieser Hinsicht sehr nordisch orientiert), aber natürlich auch an der Tatsache, dass man als Erasmusstudent nur eine sehr begrenzte Zeit in Tartu ist, was den estnischen Studierenden natürlich auch bewusst ist. Die meisten Est:innen in Tartu sind sehr zurückhaltend, aber die manchmal etwas mürrische Art der Mitarbeiter:innen in Supermärkten oder Cafés ist nicht mit Unfreundlichkeit zu verwechseln und eine nettes Aitäh (Danke) bringt meist zumindest ein kleines Lächeln oder Anerkennung. Generell können fast alle Est:innen jeden Alters solides Englisch sprechen, was natürlich die Sprachbarriere verringert und das tägliche Leben sehr einfach macht.

Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt

Vor meinem Erasmussemester war ich auf dem Niveau C2 zertifiziert. Da ich bereits in Potsdam die meisten Seminare auf Englisch besucht habe und dementsprechend auch die meisten Hausarbeiten auf Englisch geschrieben habe und auch in meiner Werkstudententätigkeit zur Hälfte auf Englisch arbeite, hat sich mein Schreibniveau nicht wesentlich verbessert. Allerdings haben die Vorlesungen auf Englisch mein akademisches Vokabular erweitert und verbessert. Darüber hinaus hat sich vor allem mein alltäglicher Sprachgebrauch und Wortschatz in Englisch enorm verbessert. Hier hat sich vor allem meine intensive Freundschaft mit englischen Muttersprachler:innen aus UK und den USA besonders positiv auf meine Sprachkompetenz ausgewirkt. Ich habe mich bewusst gegen einen Sprachkurs in Estnisch entschieden. Aufgrund des Schwierigkeitsgrades der Sprache und der begrenzten Zeit halte ich dies für die richtige Entscheidung, was mir auch von den meisten, die einen Sprachkurs belegt haben, bestätigt wurde. Wenn man aber länger als ein Semester in Tartu bleiben möchte oder sich von vornherein vorstellen kann, den Aufenthalt zu verlängern, ist es sicher sinnvoll, einen Sprachkurs zu belegen. Mit gebrochenem Estnisch nach ein paar Wochen kommt man jedoch nicht weit, da auch die Aussprache nicht einfach ist und die meisten Est:innen dann sowieso direkt auf Englisch wechseln.

Wohn- und Lebenssituation

Auch die Suche nach einer Unterkunft verlief für mich recht unkompliziert. Bereits Anfang Januar konnte man sich für das Studentenwohnheim in Tartu anmelden und wenige Tage später bekam ich die Zusage für ein Einzelzimmer in einem Appartement. In jedem Appartement können bis zu 6 Studierende untergebracht werden. In meinem Fall waren wir nur zu dritt in einem Appartement (alle mit Einzelzimmer), was sich als Glücksfall herausstellte, da es natürlich nur eine kleine Küche und ein gemeinsames Bad gibt. Die Apartments sind gut ausgestattet, wobei es neuere und ältere Apartments gibt, was sich vor allem auf die Gemeinschaftsküchen auswirkt. Generell kann man sich auch überlegen, in einer WG unterzukommen, dafür gibt es über Facebook zahlreiche Möglichkeiten, die oft auch günstiger sind als ein Zimmer im Studentenwohnheim. Einige Freund:innen haben damit gute, andere weniger gute Erfahrungen gemacht. Generell spielt sich ein Großteil des Lebens und der Aktivitäten rund um das Wohnheim ab, bzw. ist es Ausgangspunkt für viele Aktivitäten. Das internationale Wohnheim ist sicherlich die sicherste und einfachste Möglichkeit, was den Aufwand bei der Wohnungssuche betrifft. In Tartu ist man eigentlich gar nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, da alles zu Fuß erreichbar ist, besonders wenn man im Studentenwohnheim wohnt. Ansonsten kann man sich einfach per App ein Fahrrad mieten. Es gibt aber auch vergünstigte Bustickets für Studierende, für die man einen Kartenantrag stellen muss. Für Fahrten über Tartu hinaus gibt es die blauen Busse, mit denen Studierende kostenlos fahren können. Für längere Reisen innerhalb Estlands (Tallinn, Narva, Pärnu) oder nach Lettland und Litauen empfiehlt sich LuxExpress. Die Tickets sind sehr günstig und das Reisen ist sehr komfortabel, mit einer stabilen Internetverbindung und relativ kurzen Reisezeiten. In Estland kann man überall mit EC-Karte bezahlen. Und mit überall ist wirklich überall gemeint, sei es das Eis oder Erdbeeren auf der Straße oder euer Ticket für eine Schlittenfahrt mitten im Nirgendwo. Eine Kreditkarte kann hilfreich sein, wenn ihr zum Beispiel ein Auto mieten wollt. In der Regel kommt man in Estland aber auch ohne Kreditkarte aus, wenn man zumindest Bekannte mit Kreditkarte hat, die im Bedarfsfall ein Auto mieten, oder wenn bestimmte Zahlungen (selten, wenn dann online) nur mit Kreditkarte möglich sind. Die Lebenshaltungskosten in Estland sind mit denen in Deutschland vergleichbar. Allerdings sind die Lebensmittelpreise teilweise sehr hoch, da Estland mit am stärksten von der durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine ausgelösten Inflation betroffen ist. Für den wöchentlichen Großeinkauf empfiehlt es sich daher, etwas außerhalb mit dem Bus oder Fahrrad zu Lidl zu fahren, anstatt die teuren Supermärkte direkt am Wohnheim zu nutzen. In Tartu gibt es zahlreiche Freizeitmöglichkeiten. Die Universität bietet zahlreiche Sportkurse an, aber natürlich kann man auch auf eigene Faust die wunderschöne Natur Estlands und der Umgebung erkunden. Bei eurer Planung solltet ihr bedenken, dass es in Estland im Spring Semester bis Ende März, in meinem Fall sogar bis Anfang April, noch ordentlich schneien kann. Aber auch dann könnt ihr Schlitten fahren, ins alternative Kino gehen oder euch Langlaufskier ausleihen. Die Kneipenszene in Tartu ist sehr übersichtlich, hat aber mit dem Möku und der Barlova (weniger überlaufener Geheimtipp) tolle Möglichkeiten. Das gilt auch für die Museumslandschaft und den Botanischen Garten: klein, aber fein! Generell lohnt es sich, in Estland viel zu reisen, da es ein kleines Land ist und fast alles sehr gut zu erreichen ist. Das ESN-Netzwerk bietet beispielsweise zahlreiche Reisen innerhalb und außerhalb Estlands an. Mögliche Ziele sind Riga, Tallinn, Vilnius, Kaunas, Helsinki (leicht mit der Fähre über Tallinn zu erreichen), Stockholm und alle anderen benachbarten osteuropäischen Länder. Ich persönlich habe keine ESN-Reise absolviert und meine Trips gemeinsam mit Freund:innen geplant, aber das ist sicherlich Geschmackssache. Eine Reise in einen der vielen Nationalparks und nach Saaremaa sollte man sich aber auf keinen Fall entgehen lassen. Hier gibt es, wenn man etwas im Voraus plant, tolle Unterkünfte und AirBnBs, die eine malerische Landschaft inklusive Sauna garantieren.

Studienfach: Politikwissenschaft (M.A.)

Aufenthaltsdauer: 02/2023 - 06/2023

Gastuniversität: Universität Tartu

Gastland: Estland


Rückblick

Alles in allem war mein Auslandssemester in Tartu eine tolle Erfahrung mit vielen neuen Bekanntschaften und Freundschaften. Wenn man Lust auf eine kleine Universitätsstadt mit kurzen Wegen hat, sich für die Natur begeistern kann und sich außerdem für die baltischen Länder (vor allem auch politisch) interessiert, dann ist Tartu genau das Richtige für einen Auslandsaufenthalt. Natürlich gibt es auch in Tartu und Estland Dinge, die man vermissen kann. Dazu gehören vor allem eine ausgeprägte Kulinarik und eine Vielfalt an unterschiedlichen Essensangeboten, wie man sie aus Berlin oder anderen europäischen Großstädten kennt. Hier ist das Angebot eher begrenzt. Dies gilt auch für die vegetarische oder gar vegane Küche, obwohl es hier in Tartu mittlerweile einige Vorreiter gibt (Vegmachine, Karlova Café).

Tipps:

  • Besorgt euch vor eurem Aufenthalt einen internationalen Studierendenausweis, da die Universität Tartu keine Studierendenausweise ausstellt. Damit bekommt ihr in vielen Cafés, Geschäften und Restaurants Rabatt.

  • Auf der Website Autolevi könnt ihr Autos zu sehr günstigen Preisen von Privatpersonen mieten. Hier könnt ihr mit Freund:innen wirklich preiswerte Ausflüge ins Umland und durch Estland im Allgemeinen machen.

  • Mietet mit euren Freund:innen das Hausboot auf dem Fluss Emajõgi. Das garantiert ein unvergessliches Erlebnis und ist sehr preiswert. Internationaler Studierendenausweis.

  • Nehmt euch nach dem Semester wenn möglich Zeit, um zumindest ein bisschen durch Estland zu reisen. Dies ist eine besonders schöne und wertvolle Erfahrung. Vor allem, wenn ihr im Sommersemester ins Ausland geht, habt ihr auch wegen der unterschiedlichen Semesterzeiten entsprechend viel Zeit, bis das Wintersemester in Deutschland wieder beginnt.

  • Tartu ist im Jahr 2024 Kulturhauptstadt Europas und wir haben daher ein noch größeres kulturelles Angebot als sonst. Dies bietet eine großartige und sicherlich noch unvergesslichere Gelegenheit, im schönsten Land des Baltikums zu studieren.           

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