uni-potsdam.de

Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können die Funktionen dieser Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

Immer einen Schritt voraus – Warum proaktiv zu arbeiten besser und zufriedener macht

Proaktiv arbeiten macht besser und zufriedener. Foto: AdobeStock/Kenishirotie.

Proaktiv arbeiten macht besser und zufriedener. Foto: AdobeStock/Kenishirotie.

The best way to kill an idea is to take it to a meeting. Dieser Spruch – nicht in Stein gemeißelt, aber in Metall geprägt – steht auf dem Beratungstisch, an dem auch die Redaktion dieses Forschungsmagazins ihre Themen plant, Texte diskutiert und an Überschriften feilt. Der Blick auf den unscheinbaren Metallblock mahnt alle, die Kreativität des anderen zu schätzen und neue Ideen nicht im Keim zu ersticken, denn sie haben ihren Ursprung in Köpfen, die mitdenken und sich einbringen wollen. Eigeninitiative nennt das die Redaktion, Proaktivität die Fachfrau. Arbeitspsychologin Doris Fay hat sich näher damit beschäftigt.

Doris Fay interessiert, was Menschen dazu bewegt, sich über das geforderte Maß hinaus am Arbeitsplatz zu engagieren und Neues vorzuschlagen für Dinge, die sie eigentlich gar nicht verantworten müssen. Die Professorin für Arbeitspsychologie erforscht, in welchem Klima solches Verhalten besonders gut gedeiht und welchen Nutzen es bringt – dem Einzelnen wie dem ganzen Team und nicht zuletzt dem Unternehmen. Die Vorstellung, dass Eigeninitiative generell zuträglich sei, hält sie für naiv. „Mitarbeiter, die eingefahrene Gleise verlassen und etwas ändern wollen, verursachen oftmals Stress“, weiß die Psychologin. Überkommene Strukturen aufzubrechen und die Kollegen von den eigenen Ideen zu überzeugen, könne sehr anstrengend sein. Normale Abläufe würden durcheinandergebracht, Zuständigkeiten verändert – das schaffe Unruhe. Und dennoch: „Die Forschung zeigt, dass Eigeninitiative letztlich einen positiven Effekt auf die Arbeitsleistung hat“, so die Professorin, die sich seit ihrem Studium in Gießen immer wieder mit dem Thema auseinandersetzt.

Die eigene Arbeit als bedeutsam erleben

In einer jüngeren Studie hat sie die Proaktivität von 70 Beschäftigten in der Altenpflege untersucht, einem Berufsfeld, das ohnehin schon durch ein hohes Maß an persönlichem Engagement, aber auch durch körperliche wie psychische Überlast gekennzeichnet ist. Die befragten Personen mussten an mehreren Tagen hintereinander via Mini-Computer – vergleichbar einem Smartphone – darüber Auskunft geben, ob sie heute Neues ausprobiert oder versucht haben, etwas voranzutreiben. Zusätzlich wurden mehrmals täglich Speichelproben entnommen, in denen sich besonders gut das Stresshormon Cortisol messen lässt. Das Ergebnis war eindeutig: An Tagen, an denen die Probanden Eigeninitiative zeigten, stiegen die Cortisolwerte an. „Dinge zu ändern, bedeutet also Stress“, sagt Doris Fay. Sie beschreibt den Widerspruch, dass proaktive Menschen dennoch nicht davon ablassen. Deren Eigeninitiative sei trotz des Stresses nicht zu bremsen. „Warum machen die das? Sind sie unfähig, daraus zu lernen?“, fragt die Psychologin provokant und antwortet: „Natürlich nicht! Sie machen das, weil sie ihre Arbeit als bedeutsam erleben. Weil sie nicht nur Bauer auf dem Schachbrett des Lebens sein, sondern spüren wollen, dass sie etwas bewegen können. In den Befragungen sagen sie häufig, wie gut ihnen das tut.“

Ist das vielleicht typisch deutsch? Wie stark ist eine solche Einstellung kulturell überformt? Doris Fay stellte den Vergleich an. Dank einer deutsch-französischen Forschungskooperation konnten 400 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in beiden Ländern befragt werden. „Frankreich hat zwar ähnliche ökonomische Verhältnisse, unterscheidet sich aber kulturell von Deutschland“, sagt die Wissenschaftlerin. Ein Beispiel sei die Zukunftsorientierung. „Unsere Nachbarn leben mehr im Hier und Jetzt, während wir Deutschen immer nach vorn schauen.“ Proaktiv zu sein, heiße etwas vorwegzunehmen, was kommen wird. Die Erfahrung, in die Zukunft hinein bedeutsame Veränderungen bewirken zu können, löse deshalb in Deutschland eher Eigeninitiative aus als in Frankreich.

Handlungsspielräume gewähren

Hier wie da spielten aber das Arbeitsklima und der Führungsstil eine entscheidende Rolle: Werden proaktive Kollegen als Störer empfunden, weil sie Routinen durchbrechen? Unterstellt man ihnen egoistische Motive? Finden Vorgesetzte solches Verhalten aufmüpfig, weil es doch deren Sache ist, Dinge zu ändern? Doris Fay nennt nur einige Widerstände, denen veränderungswillige Menschen in ihrem Arbeitsumfeld begegnen. Entscheidend sei oft die Machtdistanz, also der Abstand zwischen Führungsperson und Geführten. „Bei hoher Distanz weiß ich nicht, wie der Chef das findet, was ich vorhabe. Ich kann auch falsch liegen“, so die Psychologin. Natürlich gebe es Arbeitsbereiche etwa in Behörden oder auf Baustellen, wo klare Hierarchien unerlässlich sind. Dort sei es wichtig, dass sich alle an die vorgeschriebenen Abläufe halten. In Start-ups sehe es schon anders aus. „Eigeninitiative entsteht immer dort, wo Handlungsspielräume ‚gewährt‘ und die Menschen ermutigt werden, etwas auszuprobieren und Verantwortung zu übernehmen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Voraussetzung sei natürlich eine hohe Qualifikation. „Ich muss meinen Beruf gut können und daraus das Selbstvertrauen ziehen, dass ich etwas ändern kann.“ Führungskräfte seien deshalb gut beraten, das Selbstwirksamkeitserleben ihrer Mitarbeiter zu fördern, etwa indem sie ihnen anspruchsvolle Aufgaben übertragen und genügend Gestaltungsfreiräume lassen.

Proaktive Menschen schaffen mehr

Führt zu viel Proaktivität aber nicht auch zu Selbstausbeutung und Überlastung? Wer eine gute Idee einbringt, hat die dazugehörige Arbeit dann oft selbst auf dem Tisch. „In der Tat“, sagt Doris Fay, „Menschen, die über längere Zeit Eigeninitiative zeigen, haben auf Dauer mehr zu tun. Andererseits lernen sie viel dazu, knüpfen neue Kontakte, die Arbeit geht ihnen besser von der Hand. Ihr Netzwerk vergrößert sich, ihre Expertise wächst. Sie schaffen auch mehr.“ Um sich dennoch nicht zu überfordern und gesund zu bleiben, müssen andere Mechanismen greifen, die in der Arbeitspsychologie der Universität Potsdam einen zweiten Schwerpunkt bilden: Stressabbau und Erholung von den Belastungen im Beruf. Wie gelingt es abzuschalten, sich von der Arbeit zu lösen, in der Freizeit einen Ausgleich zu finden mit Sport, Musik oder Freunden? „Die Kanne Kaffee, die am Morgen voll war, ist am Abend leer und muss wieder aufgefüllt werden“, sagt die Psychologin mit dem so berufstypischen Nachdruck, auf sich selbst Acht zu geben. Eine Ermutigung zur Proaktivität. In eigener Sache.

Das Projekt

What hurts today may pay off tomorrow: An integrative perspective on the well-being consequences of proactive behavior at work
Laufzeit: 2017–2020
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und Agence Nationale de la Recherche (ANR)
Leitung: Prof. Dr. Doris Fay und Prof. Dr. Karoline Strauss (ESSEC Business School Paris)

Die Wissenschaftlerin

Prof. Dr. Doris Fay studierte Psychologie in Gießen und promovierte in Amsterdam. Seit 2007 ist sie Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Potsdam.
E-Mail: doris.fayuni-potsdamde

Text: Antje Horn-Conrad
Online gestellt: Sabine Schwarz
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde