uni-potsdam.de

Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können die Funktionen dieser Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

Unterwegs in den Anden – 6. März 2019: Der Teufel ist im Berg – Von extremen Klimabedingungen, Bergstürzen und tektonischer Aktivität

Reisetagebuch: Doktoranden auf Exkursion in Nordwestargentinien
Mirador Piedra del Molino. Foto: Gregor Lauer-Dünkelberg.

Mirador Piedra del Molino. Foto: Gregor Lauer-Dünkelberg.

Einige der größten Herausforderungen der tektonischen Geomorphologie sind das Entschlüsseln des Zusammenspiels von Klima und Tektonik und deren Einflüsse auf Erosions- und Sedimentationsprozesse, die wiederum die Landschaften und Ökosysteme prägen, in denen wir leben. Während der gesamten Geländeschule lernen wir, dass die Anden eine einzigartige Geschichte solch eines Zusammenspiels dokumentieren. Feuchte Luftmassen, mit Ursprung im Atlantik, werden gen Westen getragen und stoßen an den östlichen Anden auf eine orografische Barriere, an der sie aufsteigen, abkühlen und letztlich abregnen. Dieses Phänomen wird als Steigungsregen bezeichnet und führt zu ausgeprägten Gradienten der Erdoberflächenprozesse, die auf das aufsteigende Gebirge einwirken.
Ziel der heutigen Geländeschule ist es, die Effekte dieses Ost-West-Klimagradienten entlang der Strecke vom semi-ariden Calchaqui Tal bis zum hochgelegenen ariden Puna-Plateau zu beobachten. Wir reisen nach Nordosten in Richtung Salta, denn wir müssen das semi-aride Calchaquí-Tal zunächst über einen hohen Pass in östlicher Richtung verlassen, um über einen weiteren Pass auf die Puna zu gelangen – Huayra Huasi, das „Haus des Windes“. Der Name überrascht nicht, denn wir werden uns wieder auf 4000 Meter Höhe begeben. Während der Fahrt zum ersten Pass spüren wir abermals die Effekte der zunehmenden Höhe. Glücklicherweise kommen die meisten recht gut damit zurecht, trotz Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen. Der Gebirgspass Piedra de Molino auf 3457 Metern über dem Meeresspiegel erlaubt uns einen Blick auf ein tief eingeschnittenes, mit Puna-Gras bewachsenes Tal mit steilen Flanken, auf denen wir Wildblumen in violetten und gelben Nuancen bewundern. Eigentlich zieht sich dieses Tal weiter nach Osten und vereinigt sich mit dem Lerma-Tal. Allerdings können wir diesen Talabschnitt nicht einsehen, da sich eine dichte Wolkendecke darüber gelegt hat. Trotz des friedlichen Eindrucks, den diese Landschaft vermittelt, zeigen Schluchten und Erosionsfurchen von ehemaligen Murenabgängen sowie Risse im Berg, dass sich hier Abrisskanten für zukünftige Hangrutsche und Bergstürze bilden. El Pulljay vive en la montaña, „der Teufel lebt im Inneren des Berges“ – das verstehen wir jetzt nur allzu gut. Bei extremen Niederschlägen werden diese Hänge lebensgefährlich für die Menschen in den Tälern, da es zahlreiche Murengänge und Erdrutsche gibt; hinzu kommen nach einigen Wochen die großen Bergstürze. Bodo Bookhagen berichtet über die Ergebnisse der Satellitenbildanalyse dieser steilen Hanglagen, die darauf hinweisen, dass die großen Massenbewegungen etwa einen Monat nach Beginn der jährlichen Regenzeit ihr Maximum erreichen. Wir sehen aber auch gleichzeitig junge Verwerfungen, die für das Zerbrechen der ursprünglich festen Gesteinseinheiten verantwortlich sind. Zusammengenommen ergeben diese Prozesse eine effiziente Möglichkeit, die steilen Berghänge trotz anhaltender tektonischer Heraushebung immer wieder abzutragen.
In Salta angekommen, verabschieden wir Professor Fernando Hongn, der während der Exkursion unser lokaler Experte für Strukturgeologie war. Von Salta aus beginnen wir unseren Aufstieg auf das Puna-Plateau über die Quebrada del Toro, ebenfalls ein steiles Gebirgstal mit einem ausgeprägten klimatischen Gefälle von feuchtem, subtropischem Klima am Talausgang, zu einem halbtrockenen Klima weiter talaufwärts. Im trockenen Bereich dieses Tals gibt es sechs Millionen Jahre alte Seesedimente, die fossile Vegetationsreste von Farnen und anderen Feuchtigkeitsanzeigern enthalten und auf ein Klima mit jährlich mindestens 1000 Millimeter Niederschlag schließen lassen. Außerdem gibt es Laven, die zu jener Zeit mit Wasser in Verbindung kamen und charakteristische Texturen aufweisen, sowie Fossilreste von Pflanzen fressenden Capybaras, deren Nachfahren zu den größten Nagetieren der Welt zählen. Dies alles deutet darauf hin, dass das Klima in diesem Tal vor sechs Millionen Jahren etwa dem heutigen Klima des Lerma-Tals ähnelte. Wenn wir diese Beobachtungen mit den anderen auf dieser Reise kombinieren, können wir daraus schließen, dass die orografische Barriere vor sechs Millionen Jahren etwa 25–50 Kilometer weiter westlich lag als heute und tektonische Prozesse für die Aridifizierung des Gebirgsinneren verantwortlich waren. Somit wandern Habitate für Fauna und Flora immer weiter in das feuchte Andenvorland.
Am Ende des Tages erreichen wir erschöpft San Antonio de los Cobres auf ca. 3800 Metern über dem Meeresspiegel. Es gibt  typische Andengerichte wie Quinoasuppe, Humitas und Lamabraten. Diejenigen von uns, die nach diesem langen Reisetag noch wach bleiben können, nutzen die extrem geringe Lichtverschmutzung in dieser einsamen Gegend, um die Milchstraße und Konstellationen wie das Kreuz des Südens am Himmel zu sehen, wie wir sie aus der nördlichen Hemisphäre nicht kennen.
Trotz brummender Schädel und Kurzatmigkeit gehen wir schließlich zufrieden in unsere Unterkunft.

Hintergrundinformationen zur Reise der Potsdamer Geowissenschaftler

Alle Einträge in einer Übersicht

Text: Marisa Repasch, Gregor Lauer-Dünkelberg
Online gestellt: Marieke Bäumer
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde