„Neue Arbeit“ vor und nach Corona


Was hat man mit „New Work“ gemacht? - Wo geht die Reise hin?

1. Nach Fritjof Bergmann (1990) geht es um die die „Integration der Beschäftigten in die Gestaltung der Arbeit, die Sinn stiftend und nicht belastend ist“  incl. kulturelle Entwicklung, Selbstversorgung und ein Techniksystem, das den Menschen von Knochenarbeit erlöst, verbunden mit einer Vision, „in der die Menschen weitgehend in der Lage wären, sich selbst zu versorgen, wobei sie gleichzeitig eine Aufgabe hätten, die sie mit Leidenschaft und großer Liebe erfüllen“

2. Carsten C. Schermuly  (Berlin) stellt die Frage, wann „New Work“  funktioniert und unterscheidet als Organisationspsychologe zwischen einem psychologischen und einem strukturellen „Empowerment-Ansatz“ für die Mitarbeiter. Der spezifische Hintergrund eines Unternehmens  oder einer Verwaltung im Wirtschaftssystem wird dabei nicht hinterfragt. Immerhin wird die Organisationskultur als wichtiger Moderator angesehen. Dieser Punkt wird  in vielen Untersuchungen durchaus gewürdigt, aber auch übersehen.

Schermuly unterscheidet zwischen verschiedenen „New Work-Maßnahmen“, wobei aktuell gemäß Umfragen die „empowermentorientierte Führung“,  die „Arbeitsortautonomie“, die „Arbeitszeitautonomie“, „Agile Führung“ und die „Verflachung von Hierarchien“ etc. genannt werden. Was sagt Bergmann dazu? Erweiterung, Konkretisierung oder Verwässerung?

3. Hofmann (Fraunhofer) kommt nach einer Analyse von verschiedenen Fallstudien (u.a. Daimler, DKB, BASF, Telekom) zu dem (verständlichen) Ergebnis, dass ein Spannungsfeld zwischen Hierarchie und Selbstorganisation besteht, ein dauerhafter Kulturwandel sowie mehr Selbstverantwortlichkeit, Umgestaltung, Reflexion und „New Mitbestimmung“ erforderlich ist. Und das in einer Zeit, in der von zunehmender Komplexität und Dynamik mit dem Zwang zu Agilität, Technologiedruck, Globalisierung und demografischem Wandel die Rede ist!

4. Nicht zu unterschätzende Bedeutung kommt dem „New Work Habitat“ zu (Endrejat 2020 et al.), also insbesondere diverse Plätze zum Arbeiten, flexible Räume und informelle Räume, um insbesondere Kreativität und Autonomie, Teamarbeit und Eigenverantwortlichkeit. M.E. wird durch diese Räumlichkeiten, die bei vielen start-ups wie eine Modewelle vorzufinden sind, durchaus versucht, eine „New-Work-Athmosphäre“ zu simulieren. Auch hier die Frage: was sagt Bergmann dazu?

5. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie steht nach Ansicht von Heike Bruch (St. Gallen) und Matthias Meifert (Berlin) „New Work vor einer Bewährungsprobe“ . in Ihrem New Work-Index wird zwischen individueller Arbeit, flexibler Arbeit, Desk-Sharing, Mobiles Arbeiten, Flexible Arbeitszeiten, Virtuelle Teams, Digitale Technologien und Digitale Kommunikation unterschieden, die in Corona-Zeiten zugenommen haben. Während der „New Culture-Index“ stagniert: „Top-Management als Vorbild“, „Führung mit Vision und Inspiration“, „Vertrauenskultur“, Selbstkompetenz der Mitarbeitenden“,  „Flexible Strukturen“,  „Nutzung agiler Methoden“. Das ist sicherlich nicht verwunderlich. Eher ist erstaunlich, dass der erstgenannte Index zugenommen hat. Ihn als „New Work-Index“ zu bezeichnen, halte ich allerdings für problematisch.

6. Jutta Allmendinger sieht in Corona eine Bedrohung der Geschlechtergerechtigkeit (WZB 2020):  vor allem in Familien mit kleinen Kindern und Alleinerziehenden sind die Frauen oder die alleinerziehenden Männer die Leidttragenden; kein Wunder, wenn das „New Work Habitat“ (vgl. Punkt 4),  schon strukturell gesehen, häufig wohl nicht vorhanden ist.

7. Der Einsatz Neuer Technologien sollte nach Ansicht von Sharon Parker (vgl. Interview 2020)  enger an die Ideen von „New Work“ ausgerichtet sein. Hier ist noch Einiges nachzujustieren, um das Homeoffice als Bestandteil eines „New Work Habitat“ anzusehen. Dabei gibt es entgegen den Bedenken von Allmendinger auch eine Reihe positiver Meinungsäußerungen, die allerdings einer näheren Untersuchung bedürften. Saskia Sassen und Richard Sennett (amerikanische Soziologen) meinten z.B.: „das Virus setzt auf erstaunliche Weise neue Fantasie         frei“.

8. Ursprünglich war Bergmann der Meinung, das Automatisierung und Digitalisierung traditionelle Arbeitsweisen immer obsoleter machen. Aber sind seine ursprünglichen Ideen nicht inzwischen doch in eine aktuelle, populäre Managementmode, verbunden mit einer entsprechenden Sinnentlehrung umgewandelt geworden? Wie ist das zu beurteilen?

9. Letztlich ist das aktuelle Promotionskolleg bei WISO in Potsdam über „Gute Arbeit“ und das BMBF- und BMAS-Konzept  „Zukunft der Arbeit“  auch von dem Bemühen gekennzeichnet, Bergmanns Ideen nicht aus den Augen zu verlieren.

10. Welchen Beitrag kann hier eine SFN-Arbeitsgruppe leisten, z.B. durch

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