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Wachsende Wasserspeicher – Gletscherseen sind zugleich Ressource und schützenswerter Lebensraum

Medieninformation 28-01-2026 / Nr. 013

Sollen wachsende Gletscherseen für die Energie- und Wasserversorgung genutzt werden – oder als ökologisch wertvolle Systeme geschützt bleiben? Ein Forschungsteam der Universität Potsdam hat zusammen mit Partnern der University of Leeds Verteilung und Volumen von Gletscherseen weltweit erfasst. Aus ihren Ergebnissen lassen sich verschiedene Nutzungsszenarien ableiten, insbesondere dort, wo heute noch die mächtigsten Gletscher existieren. Ihr Fachartikel ist in „Nature Water“ erschienen.

In nur wenigen Jahrzehnten hat sich das Erscheinungsbild vergletscherter Regionen weltweit stark verändert. Wo einst mächtige Eismassen Täler und Senken aushöhlten, erstrecken sich heute immer häufiger Gletscherseen. Mehr als 71.000 solcher Seen wurden jüngst weltweit erfasst. Ihre Zahl sowie ihre Fläche wachsen weiter, da sich die Gletscherschmelze infolge des Klimawandels beschleunigt. Wissenschaftler der Universitäten Potsdam und Leeds haben untersucht, wie sich durch die abschmelzenden Eismassen das global verfügbare Wasservolumen in Gletscherseen verändert hat – und welches Nutzungspotenzial sich daraus künftig ergeben könnte.

Bislang ist das Volumen von nur etwas mehr als 300 Gletscherseen durch direkte Tiefenmessungen bekannt. Solche Messungen sind logistisch aufwendig und nicht zuletzt auch risikoreich, da viele Seen in instabilen Hochgebirgsregionen liegen. Die Forschenden entwickelten daher eine neue Methode, mit der sich auf Basis dieser bekannten Volumina das Wasservolumen aller gletschergespeisten Seen im Umkreis von zehn Kilometern um heutige Gletscher abschätzen lässt. Die Ergebnisse zeigen: Gletscherseen speichern weltweit rund 2.000 Kubikkilometer Süßwasser – das entspricht mehr als dem 40-fachen Volumen des Bodensees.

Dieses enorme Wasservolumen ist jedoch äußerst ungleich verteilt, betont Dr. Georg Veh, Erstautor und Wissenschaftler in der Arbeitsgruppe Naturgefahren an der Universität Potsdam.Mehr als 80 Prozent aller Gletscherseen sind kleiner als 0,1 Quadratkilometer und speichern zusammen weniger als ein Prozent des Gesamtvolumens.” Den Löwenanteil stellen dagegen die 40 größten Seen, die gemeinsam mehr als die Hälfte des globalen Schmelzwassers in Gletscherseen enthalten.

Diese stetig wachsenden Wasserspeicher wecken zunehmend Begehrlichkeiten – etwa als touristische Attraktionen im Hochgebirge, als potenzielle Trinkwasser- und Bewässerungsreservoirs oder als Energiequelle für die Wasserkraft. Doch wo lässt sich dieses Nutzungspotenzial verorten? Die größten Seen und Wasservolumina finden sich dort, wo auch heute noch die mächtigsten Gletscher existieren: Rund zwei Drittel des globalen Gletscherseevolumens entfallen auf Grönland, Alaska und die kanadische Arktis. Unter heutigen infrastrukturellen Bedingungen ist es jedoch schwierig, aus diesen meist abgelegenen Seen einen ökonomischen Nutzen zu ziehen.

In den europäischen Alpen hingegen liegt nur etwa 0,2 Prozent des globalen Gletscherseevolumens – eine im weltweiten Vergleich vernachlässigbare Menge. Auch künftig wird sich das Gesamtvolumen hier nur geringfügig verändern, da ein Großteil der Gletschermasse bereits verloren gegangen ist und die letzten Rückzugsorte im steilen Hochgebirge nur noch Platz für kleinere Seen bieten. Zudem ist das Wasserkraftpotenzial der meisten großen alpinen Seen bereits ausgeschöpft. Dennoch könnten gezielte Eingriffe das Volumen einzelner Seen deutlich erhöhen: So sieht etwa das Gornerli-Projekt in den Schweizer Alpen den Bau einer rund 85 Meter hohen Staumauer am Auslass eines kleinen natürlichen Sees in den frühen 2030er-Jahren vor. Dadurch würde ein Stausee mit über 150 Millionen Kubikmetern Wasser entstehen, der Wasserkraft für mehr als 140.000 Haushalte liefern könnte – bei geschätzten Baukosten von rund 375 Millionen US-Dollar, sagt Georg Veh.

Gleichzeitig gilt es, eine Balance zwischen wirtschaftlicher Nutzung und dem Schutz natürlicher Systeme zu finden. Gletscherseen sind hochdynamische Lebensräume, deren Form und Tiefe sich durch große Sedimentfrachten aus einmündenden Flüssen rasch verändern können. Die Wissenschaftler simulierten diese Verfüllung und stellten fest, dass besonders kleine Gletscherseen nur wenige hundert Jahre bestehen werden, bevor sie durch Sedimente allmählich verlanden. In den europäischen Alpen könnten sich ihre Volumina bis zum Jahr 2200 bereits um 10 bis 50 Prozent verringert haben.

Da Gletscherseen ein öffentliches Gut darstellen, erfordert ein nachhaltiges Management die Abwägung mehrerer Funktionen, von Wasserkraft und Tourismus bis hin zum Erhalt sensibler Ökosysteme. Die neuen Schätzungen zum Volumen und zur Lebensdauer von Gletscherseen liefern einen wichtigen Entscheidungsrahmen für politische Entscheidungsträger und Planerinnen, um regionale Süßwasserversorgung und Ökosystemleistungen künftig besser einschätzen zu können.

 

Link zur Publikation: Georg Veh, Wolfgang Schwanghart, Oliver Korup & Jonathan L. Carrivick, Evolving resource potential of glacial lakes with ongoing deglaciation, Nature Water, 2026
https://www.nature.com/articles/s44221-025-00578-6

Foto 1: Ein moränen-gedämmerter See unterhalb des Finger-Gletschers im Glacier Bay National Park, Alaska, in 2023 (Foto: Georg Veh)

Foto 2: Ein kürzlich entstandener Gletschersee in der Nähe von Terrace, British Columbia, Kanada in 2022 (Foto: Georg Veh)

Foto 3: Tasman Lake, gespeist durch den Tasman Glacier im Hintergrund, in Neuseeland (Foto: Jonathan L. Carrivick)

Kontakt:
Dr. Georg Veh, Institut für Umweltwissenschaften und Geographie
Tel.: 0331 977-5875
georg.veh@uni-potsdam.de

 

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