Skip to main content

Zeichen unserer Zeit – Die Internationale Woche der Semiotik widmet sich dem streitbaren Begriff der Authentizität

Wie authentisch ist es, wenn der Politiker Markus Söder Fotos von seinem Weihnachtsessen auf Instagram postet? Dürfen wir der visuell inszenierten „Street Credibility“ eines Hip-Hop-Künstlers blind Glauben schenken? Und wie viel zeigt die TikTokerin, die ungeschminkt ihre Erfahrungen als Mutter schildert, wirklich von sich? Antworten auf solche Fragen sucht die Semiotische Woche, die vom 9. bis 12. Februar bereits zum 7. Mal stattfindet. Marie Schröer, Professorin für Kultursemiotik und Kulturen romanischer Länder, und Sontje Liebner, wissenschaftliche Mitarbeiterin für angewandte Kulturwissenschaft und Kultursemiotik, sprechen über Fragen von Inszenierung und Authentizität, die nicht nur die Wissenschaft, sondern auch unseren Alltag bestimmen.

Die Internationale Woche der Semiotik findet an der Universität Potsdam bereits zum siebten Mal statt. Für alle, die das Event nicht kennen: Worum geht es bei der Veranstaltung?

Sontje Liebner: Die Semiotische Woche dauert vier Tage und geht auf Eva Kimminich zurück, die inzwischen emeritierte Professorin für Kulturwissenschaften. Die Idee war und ist, dass die Studierenden ab dem ersten Semester mit der Praxis der Kultur- und Wissenschaftsvermittlung in Berührung kommen. Sie sollen Erfahrung sammeln im Organisieren einer Konferenz, die nicht einfach aus frontalen Vorträgen besteht, sondern auch Podiumsdiskussionen und Mitmachformate umfasst.

Marie Schröer: Die Studierenden organisieren die Tagung und erarbeiten parallel auch inhaltlich eigene Dokumentationen oder Podcasts. Gekoppelt ist das Ganze an ein Seminar zur Anwendungspraxis, das entsprechende Prüfungsleistungen umfasst. Eine Konferenz zu gestalten, von der man thematisch zu Beginn noch keine Ahnung hat – das ist schon eine kleine Herausforderung. Studierende merken dadurch schnell, wie man mit solchen Formaten einfach mehr Menschen erreicht, als wenn sie nur eine Arbeit bei ihren Prüfer*innen einreichen.

Was erwartet das Publikum in diesem Jahr?

Liebner: Unser großes Oberthema in diesem Jahr ist Authentizität. Hierzu haben wir eine ganze Reihe von interessanten Gästen aus der Wissenschaft, aus dem Journalismus und Marketing und der Politikwissenschaft eingeladen. Es wird wieder sehr interdisziplinär, zum Beispiel mit Katharina Zindel von der Kunsthochschule Kassel zum Thema Influencer*innen. Wir haben viel im Bereich des Digitalen, aber auch in der Politik, etwa mit Prof. Dr. Isabel Kusche von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, die zum Wandel von Bewertungen in der politischen Kommunikation vortragen wird. Weitere Gäste sind Experten im Musikbereich oder in Sachen Subkulturen.

Welchen der vier Tage würden Sie Besuchern empfehlen, die von Semiotik vielleicht noch nie etwas gehört haben?

Liebner: Für alle mit Interesse an der kritischen Auseinandersetzung ist der Dienstagvormittag ideal. Dann finden mehrere Key Notes und Vorträge von Experten statt, die den Begriff kritisch sehen, angefangen bei Volker Demuth, der im Deutschlandfunk eine Kritik dazu veröffentlicht hat.

Können Besucher*innen auch selbst aktiv werden?

Liebner: An den Vormittagen sind theoretische Inputs vorgesehen. Die Nachmittage laden dann mit Workshops zum Mitmachen ein. Kevin Junk wird eine Schreibwerkstatt zum Entwickeln eigener Geschichten leiten, ein anderer Workshop widmet sich der Analyse von Bildern. Und dann haben wir noch einen Tag, der gänzlich von den Studierenden geplant wird – hierfür wird der Szenenbildner Ulrich Hanisch dazu stoßen, der an vielen Kino- und TV-Produktionen mitgewirkt hat. Marketing ist ein weiteres Berufsfeld, das zum Thema Authentizität und angewandte Semiotik sehr anschlussfähig ist, und mit Nadja Hilse haben wir eine ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet im Programm.

Ein intrinsisches Interesse der Studierenden lag außerdem im Erschaffen von Welten und Charakteren in Videospielen. Wie kann ich authentische Figuren entwickeln? Wie kann ich authentische Umgebungen bauen? Überhaupt finden sich von der kulturwissenschaftlich-philosophischen Betrachtungsweise immer wieder Abzweigungen zum Kreativen.

Kunst, Marketing, Werbung und Politik: In vielen Lebensbereichen spielt der Anspruch von Authentizität eine Rolle. Auch in Hinblick auf unsere Alltagskultur drängt sich die Frage nach dem Sinn und Zweck des Begriffs geradezu auf.

Schröer: Es ist ein sehr großer Begriff. In der Kunst denkt man vielleicht an Fälschung und Original oder die Frage nach der vermeintlichen Aura eines Kunstwerks. In der Wissenschaft gibt es das Kriterium der Authentizität eines Dokuments oder einer Quelle. Selbst im Fremdsprachenunterricht  geht es häufig darum, welche Kommunikationssituationen wir als authentisch behandeln können. Was uns in der Semiotik besonders interessiert, sind die Zuschreibungs- und Codierungsprozesse und auch die Rezeption: Was wird als authentisch wahrgenommen? Was sind die Codes – also die bildlichen und sprachlichen Zeichen – die etwa in Social Media angewandt werden? Wie wird Authentizität inszeniert? Wir haben uns mit der Inszenierung von Politiker*innen auf Social Media auseinandergesetzt. Da wird schnell klar, warum zum Beispiel in einem Social-Media-Post die Kaffeetasse nicht ganz zufällig im Bild zu sehen ist. Der Semiotiker Roland Barthes bezeichnete so etwas als Realitätseffekte, also Kleinigkeiten, die ganz und gar nicht zufällig im Bild platziert werden. Das erkennen zu können und zu dekonstruieren: Das ist eigentlich das Spannende.

Ihre vielen Anknüpfungspunkte zu unserer Lebenswirklichkeit machen die Authentizität zu einem sehr ambivalenten Begriff, der oft mehr über jene verrät, die etwas als „authentisch“ adeln, als über die so bezeichnete Sache.

Schröer: Mein diesbezügliches Aha-Erlebnis war eine studentische Arbeit im Bereich Food Studies. Der Student hat sich damit auseinandergesetzt, wie wir den Begriff des Authentischen in Deutschland für thailändische Restaurants verwenden, und natürlich auch hinterfragt: Warum müssen die auf ihre Tafeln „authentische Küche“ schreiben? An so einer Kleinigkeit sieht man ganz gut, was für Stereotypen bei derartiger Küche mitschwingen, weil zum Beispiel erwartet wird, dass die kochenden Personen so aussehen, wie ich mir das vorstelle. Das Adjektiv wird bevorzugt in diesem Bereich der Gastronomie vergeben, jedoch kaum in der Haute Cuisine. Den einen wird Authentizität zugestanden, den anderen Raffinesse. Manchmal nimmt das essentialistische Züge an, wenn darüber befunden wird, wer was darf oder nicht darf.

Warum geht die Semiotik solcher Zeichen und kulturellen Codes uns alle etwas an?

Liebner: Ich finde es sehr hilfreich, sich bewusst zu machen, dass das, was wir erkennen und verstehen, abweichen kann von dem, was andere erkennen und verstehen. Gerade in den digitalen Medien geht es ganz stark um die Frage: Was ist inszeniert, was wirkt authentisch und was soll mir damit vielleicht verkauft werden, um mein Konsum- oder Wahlverhalten zu beeinflussen? Letztlich sind das alles miteinander interagierende Zeichensysteme. Sich das bewusst zu machen es vielleicht auch zu hinterfragen, ist enorm wichtig. Semiotik sucht nach wiederkehrenden Zeichen, die in bestimmten Kommunikationssituationen gebraucht werden. Diese Codes und Zeichen zu dechiffrieren ist eine kritische Fähigkeit, die wir alle ein Stück weit lernen können.

Können Sie das an einem Beispiel illustrieren?

Schröer: Ein konkretes Beispiel aus unserem Unterricht dazu sind die Food Postings auf den Social-Media-Profilen von Markus Söder von der CSU. Er verwendet diese Postings, die zeigen, wie er etwas isst, gezielt mit Attributen wie „Bodenständigkeit“ oder „Essen, wie es früher war“. Also einer gewissen nostalgischen Verklärung der Vergangenheit. Auf visueller Ebene sind das Ästhetiken, die nicht so poliert sind und spontan wirken sollen. Dabei sollen diese Aufnahmen, auf denen wir sehen, wie Markus Söder in seinen Burger beißt, bestimmte Assoziationen in uns hervorrufen. Besonders bei Wähler*innen, die Sorge haben, dass Sprache oder Essgewohnheiten einem Wandel unterliegen.

Liebner: Kleidung und Subkulturen funktionieren ebenfalls stark über Authentizität. Wie zeige ich meine Zugehörigkeit? Man denke nur an die Inszenierung von Stars und Musikgrößen, etwa die Street Credibility im Hip-Hop. Da wird gefragt, ob die Acts wirklich von der sprichwörtlichen Straße kommen und legitimiert sind, sich in dieser Form zu äußern.

Die Sehnsucht nach Authentizität birgt oftmals herbe Enttäuschungen und Reality Checks, wenn zum Beispiel die Erlebnisse auf einer Reise nicht so waren, wie erhofft.

Schröer: Das beschreibt Tucholsky in seinem Gedicht „Es gibt keinen Neuschnee“. Also an jedem Ort ist immer schon ein anderer vorher gewesen. Das liest sich auch heute noch sehr aktuell. Wir erleben gleichzeitig eine Hinwendung zu Formaten, in denen Menschen sich vermeintlich ungeschönt und nahbar geben, sich als wirklich „authentisch“ inszenieren. Auf Instagram, TikTok und dergleichen kann jeder sagen: Schaut mich an, ich bin authentisch, ich bin eine von euch. Aber letztlich steckt auch hinter der überforderten, ungeschminkten Mutter, die uns die „Wahrheit“ sagt über Work-Life-Balance und Kinderkrankheiten noch viel Show und Inszenierung.

Stichwort KI: In Zeiten computergenerierter Bilder, Texte, Musik und Videos kommen wir um die Auseinandersetzung mit Begriffen wie Echtheit und Fake kaum herum.

Schröer: Aus semiotischer Sicht ist KI interessant, weil sie uns genau die Allgemeinplätze und Stereotypen generiert, die unsere kulturellen Codes eben so vermitteln. Roland Barthes hat in den 1970er-Jahren vom „Tod des Autors“ geschrieben und schon damals eine Umkehrung postuliert, wonach nicht Autor*innen die Macht über die Texte haben, sondern deren Sinnzusammenhänge erst von den Lesenden konstruiert werden. Der Autor ist danach einfach jemand, durch den alle möglichen Einflüsse auf dem Papier zusammenkommen. Ganz ähnlich, wie wir es heute mit der KI erleben.


Sontje Liebner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für angewandte Kulturwissenschaft und Kultursemiotik.

Marie Schröer ist Professorin für Kultursemiotik und Kulturen romanischer Länder.

Das vollständige Programm der Internationalen Woche der Semiotik gibt es online unter www.instagram.com/kultursemiotik oder https://kultursemiotik-potsdam.de