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„Aus Religion können wir Sinn, Selbstwert und Hoffnung schöpfen“ – Die Psychologin Nina Burau über Spiritualität und mentale Gesundheit

Der Glaube kann Berge versetzen, so lautet ein altes Sprichwort. Doch sind gläubige Menschen tatsächlich eher in der Lage, Herausforderungen zu bewältigen? Und wie beeinflusst die Spiritualität das Denken, Fühlen und Handeln? Antworten auf Fragen wie diese sucht die Religionspsychologie. Nina Burau ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Differentielle Psychologie und Diagnostik der Universität Potsdam und forscht auf diesem in Deutschland noch wenig beachteten Gebiet. Im Interview erläutert sie, wie Spiritualität und Psyche zusammenhängen.

Wie steht es um die mentale Gesundheit religiöser Menschen – bietet der Glaube tatsächlich Schutz in Krisenzeiten, wie das Sprichwort besagt?

Aus der Studienlage heraus ist diese Frage nicht eindeutig zu beantworten, hier bräuchte es noch mehr Forschung. Es gibt aber viele Hinweise darauf, dass der Glaube ein positiver Aspekt für die mentale Gesundheit sein kann. Eine Längsschnittdatenstudie etwa hat herausgefunden, dass Religiosität im Elternhaus die Menschen über die Lebenszeit positiv beeinflussen kann. Viele Menschen, die religiös aufgewachsen sind, „blühen“ im Laufe ihres Lebens auf emotionaler, sozialer und psychologischer Ebene auf. Dieser Zusammenhang blieb aber nur bestehen, wenn die Beziehung zur Mutter positiv und von Wärme geprägt war.

Eine Metaanalyse für den deutschsprachigen Raum hat dagegen nur einen sehr kleinen positiven Zusammenhang von Religiosität bzw. Spiritualität und psychischer Gesundheit gefunden. Hier wurde vor allem deutlich, dass die religiöse Bewältigung von Situationen, das sogenannten „Religious Coping“ entscheidend ist. Wenn sich religiöse Menschen zum Beispiel selbst die Schuld für einen Schicksalsschlag geben oder diesen im Zusammenhang mit einer Sünde sehen, beeinträchtigt das eher ihre psychische Gesundheit. Ähnlich ist es, wenn sie Gott weniger als liebendes Gegenüber, sondern vielmehr als streng und strafend empfinden.

Heißt das, dass sich religiöse Menschen darin unterscheiden, wie sie Herausforderungen bewältigen?

In der Religionspsychologie spricht man von verschiedenen religiösen Stilen, sogenannten „Religious Styles“. Dieser Ansatz geht davon aus, dass die Bindung zu Gott im Prinzip wie die zu anderen Bezugspersonen funktioniert. Beim kollaborativen Stil habe ich den Eindruck, dass ich an meiner Lage etwas ändern kann. Menschen mit diesem Stil bauen darauf, dass Gott ihnen bei ihren Bemühungen zur Seite steht. Beim selbstdirektiven Stil gehen Gläubige davon aus, dass sie sich nur selbst helfen können. Und Menschen mit einem delegierenden Stil erleben sich als ohnmächtig einer Situation gegenüber: Nur Gott kann es „richten“. Dies mag etwa im Angesicht einer unheilbaren Krankheit etwas Tröstliches haben. Wenn ich aber eine konkrete Entscheidung treffen will, ist es nicht hilfreich zu denken, dass ich nichts ausrichten kann. Der kollaborative Stil ist daher für Menschen psychisch am dienlichsten, denn er stärkt den Selbstwert; sie erleben sich als selbstwirksam. Eine „gelernte Hilflosigkeit“ dagegen kennen wir auch von Menschen mit Depression, die eine große Ohnmacht empfinden und nicht den Eindruck haben, dass sie eine Situation kontrollieren könnten.

Spiritualität kann also eine Ressource sein – muss es aber nicht?

Ja. Die Ergebnisse des Religionsmonitors 2023 zeigen, dass Christ*innen, die regelmäßig in den Gottesdienst gehen, mehr Vertrauen in andere Menschen, in die Gesellschaft haben. Aktuell befasse ich mich in einem Paper damit, ob Religion Menschen helfen kann, die einen nahen Angehörigen verlieren. Hier nutzen wir längsschnittliche Daten vom Schweizer Haushaltspanel. Tatsächlich scheint Religiosität bei negativen Lebensereignissen eine Art Puffer zu sein, sodass die Betroffenen weniger stark darunter leiden. Wir können nur spekulieren, warum das so ist – vielleicht erhalten sie praktische oder finanzielle Hilfe aus ihrer Gemeinschaft oder der Glaube hilft ihnen, den Verlust in ein Narrativ einzubetten. Manche Menschen können auch mit Gott ins Gespräch über die verstorbene Person gehen.

Bei einer Trennung als weiteres negatives Lebensereignis haben wir diese positive Wirkung des Glaubens jedoch nicht gefunden: Hier verschlimmert der regelmäßige Gottesdienstbesuch eventuell sogar die Situation. Das könnte zum Beispiel an religiösen Normen in Bezug auf Partnerschaft oder Ehe liegen. Das macht deutlich, wo Religiosität eine Ressource und wo sie ein Stressor sein kann.

Gläubig zu sein ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Oft sind religiöse Menschen mit Vorbehalten oder Argwohn konfrontiert. Was macht das mit ihnen?

Sehr religiöse Menschen, gleich ob christlich oder muslimisch, wirken laut einer Untersuchung auf andere eher unsympathisch. Heute ist die Religion eine Privatsache, die eher nicht nach außen getragen werden soll. Dem „Religionsmonitor 2023“ zufolge finden 40 Prozent der Menschen in Deutschland, dass sie nicht mehr in unsere Zeit passe.

Zugleich sind Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus in Deutschland recht weit verbreitet. Diskriminierung gibt es ganz klar bei jüdischer und muslimischer Religiosität, dies wird in Studien regelmäßig gefunden. Hier verschränken sich oftmals Aversionen gegenüber der Religion mit Vorbehalten gegenüber einer möglichen Migrationsgeschichte, es geht also um intersektionale Diskriminierung. Über Vorurteile gegenüber Christ*innen wurde noch nicht viel geforscht. Bekannt ist aber, dass sie vor allem im akademischen Milieu verbreitet sind, wenn zum Beispiel christliche Hochschulgruppen vom hochschulinternen „Markt der Möglichkeiten“ ausgeschlossen werden. Diese Einstellung findet sich manchmal auch in Kitas, wenn Eltern möchten, dass das „Sankt-Martins-Fest“ künftig „Laternenfest“ heißt. Die Soziologin Dr. Yasemin El-Menouar hat hier die Frage gestellt: Heißt Religionsfreiheit, dass unser Leben von Religion „befreit“ ist oder dass wir frei sind, unsere Religiosität auszuleben? Ein Weg könnte sein, dass wir die Vielfalt von Spiritualität im Alltag zulassen – es also zum Beispiel unterschiedliche religiöse Bräuche und Feste in einer Kita gibt. 

Sie befassen sich auch mit sogenannten „Mikroaggressionen“ gegenüber Gläubigen. Worum geht es dabei?

Mikroaggressionen können alltägliche Interaktionen mit anderen Menschen sein, die wie Nadelstiche empfunden werden. Es sind kleine Verletzungen, die in der Gesamtheit einer Person vermitteln, weniger wert zu sein. Religiöse Menschen begegnen im Alltag zum Beispiel dem Vorurteil, dass sie weniger gebildet oder etwa homophob und verurteilend seien. Auch die Verwunderung, dass jemand religiös ist, kann eine Mikroaggression sein. Solche Verletzungen treten aber genauso innerhalb einer Gemeinschaft auf. Seelsorger beispielsweise haben oft eine gewisse Autorität, gleichzeitig erhalten sie intime Einblicke, wenn sie Lebensberatung anbieten. So kann es zu Rollenkonflikten kommen, die nicht selten mit Grenzüberschreitungen einhergehen.

Für queere Menschen, die sehr gläubig sind, sind Mikroaggressionen in Religionsgemeinschaften vermutlich besonders belastend: Studien zeigen, dass Konflikte zwischen geschlechtlicher Identität und dem eigenen Glauben die psychische Gesundheit negativ beeinflussen.

Viele religiöse Menschen erleben Glaubenskrisen. Ist dann die psychische Krise vorprogrammiert?

„Religious Struggles“ sind kulturübergreifend und interreligiös sehr gut erforscht. Sie können mit Angst, Depressionen, zwanghaften Gedanken und sogar einer erhöhten Suizidalität einhergehen. Diese Krisen können sich auf Gott beziehen oder auf das Gefühl, moralisch nicht zu genügen. Es kann um Angst vor bösen Mächten gehen oder Konflikte innerhalb der religiösen Gemeinschaft, etwa über Glaubensfragen. Sie bieten aber auch das Potenzial für spirituelles Wachstum. Die Forschung zeigt, dass es helfen kann, die Krise zu akzeptieren oder einen Sinn darin zu finden. Auch die Erfahrung sogenannter „heiliger Momente“, also Gottesbegegnungen können förderlich sein. Etwas Ähnliches beobachten wir in der klinischen Psychotherapie: Wenn es gelingt, Krisen in die eigene Biografie zu integrieren, wenn sie „Sinn“ ergeben, fördert das die mentale Gesundheit.

Was sind die Gründe dafür, wenn Menschen vom Glauben „abfallen“ oder aus ihrer religiösen Gemeinschaft ausbrechen wollen?

Für das Christentum lassen sich vier Leitmotive ausmachen, warum Menschen aus der Kirche austreten: Es geht um moralische Probleme oder intellektuelle Zweifel, andere fühlen sich in der Identität zerrissen oder in ihrer Gottesbeziehung enttäuscht. Der Abschied von der religiösen Gemeinschaft kann trotzdem schwerfallen und für manch einen bleibt danach ein Gefühl von Leere.

Glaube, Liebe, Hoffnung: Gibt es Werte, die uns guttun, ob wir religiös sind oder nicht?

Ich finde den Gedanken schön, dass wir Menschen die existenziellen Fragen und Herausforderungen gemeinsam haben. Wir machen alle die Erfahrung, dass nicht jedes Problem lösbar ist, es nicht auf jede Frage eine Antwort gibt. Die existenzielle Psychotherapie verfolgt den Ansatz, dass es Leid hervorrufen kann, wenn wir uns dieser grundlegenden Erfahrung nicht stellen. Religion ist eine der Möglichkeiten damit umzugehen. Wir können aus ihr Sinn, Selbstwert und Hoffnung schöpfen. Wenn wir sie als eine Ausprägung menschlicher Vielfalt betrachten, macht uns das sensibel für ihre kulturelle Komponente.


Nina Burau ist seit 2024 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Differentielle Psychologie und Diagnostik der Universität Potsdam.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2025 „Demokratie“.