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„Demokratie wird von unten nach oben gebaut“ – Wissenschaftsministerin Dr. Manja Schüle über Gefahren und Chancen für eine demokratische Gesellschaft

Manja Schüle ist seit 2019 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, zuvor war sie drei Jahre lang Mitglied des Bundestags. Durch diese Arbeit kennt sie die politischen Sphären und Prozesse Brandenburgs, aber auch bundesweit sehr genau – und weiß, wie sie sich verändern. Am 27. Januar hält sie in der Ringvorlesung „Demokratien in der Krise“ einen Vortrag über den „Kampf um die Köpfe“ und die Zuversicht, dass sich „Die Kunst des Kompromisses gegen populistische Eindeutigkeit“ behaupten kann. Matthias Zimmermann sprach mit ihr im Vorfeld über Gefahren für unsere Demokratie, wie sie sich ändern muss, um zukunftsfähig zu sein, und die Frage, was wir alle für eine stabile und zugleich lebendige demokratische Ordnung tun können.

Sehen Sie unsere Demokratie in Gefahr – und, wenn ja, was bedroht sie am meisten?
Der Wunsch der Menschen nach Demokratie, nach gleichberechtigter Teilhabe, ist ungebrochen – bei uns wie weltweit, was die vielen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Umfragen in freien Gesellschaften oder auch Protestbewegungen in autoritären Staaten wie Iran zeigen. Was unsere liberale Demokratie in Deutschland und Europa aber aktuell stärker bedroht als noch vor 10 oder 20 Jahren sind das Erstarken rechtsextremer Strukturen, die zunehmende soziale Ungleichheit sowie die Flut an Desinformation und Propaganda im Netz. In ihrer Wechselwirkung untergraben sie die Grundlagen einer offenen Gesellschaft, indem sie Angst und Misstrauen schüren und die Fähigkeit zur politischen Vernunft und Verständigung gefährden. So entsteht ein Nährboden für autoritäre Tendenzen und Verschwörungstheorien.

(Wie) Muss sich Demokratie, müssen sich deren Mitwirkungsformen ändern, um zukunftsfähig zu sein?
Die Demokratie muss sich an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen, vor allem mit Blick auf die digitale Transformation und die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaft. Demokratische Prozesse und die politische Teilhabe müssen auch mehr im digitalen Raum stattfinden, etwa durch mehr Transparenz, E-Government und die Förderung von digitalen Bürgerräten. Das ist aber nur ein Aspekt. Vor allem müssen wir die Mitwirkung in der Demokratie breiter fassen, indem wir beispielweise kontinuierliche, zugängliche Beteiligungsformen wie Bürgerdialoge und partizipative Entscheidungsprozesse vor Ort stärken. Demokratie lebt nicht nur im formellen politischen System, sondern ist in der Gesellschaft selbst verankert und wird von unten nach oben gebaut.

Was kann jede/r einzelne für eine stabile und zugleich lebendige demokratische Ordnung tun?
Erstens, aktive politische Teilhabe: Nicht nur alle paar Jahre wählen gehen, sondern sich mit anderen zusammentun und ehrenamtlich engagieren. Zweitens, Förderung eines respektvollen Diskurses: Ohne die Bereitschaft zuzuhören und sich selbst infrage zu stellen, gibt es keinen echten Dialog. Im digitalen Raum heißt das: kritisch hinterfragen, was man liest und teilt, in der Meinungsbildung auf Fakten und seriöse Quellen zurückgreifen, und beim Pöbeln nicht mitmachen. Vor allem aber: Raus aus dem digitalen Raum und der scheinbaren Interaktion und rein in die analogen Räume, wo man sich in die Augen schaut, in den Arm nimmt und buchstäblich zusammen anpackt. Ob es das Engagement im Verein, in sozialen Projekten oder in der politischen Bildung ist: Nichts stärkt den Zusammenhalt der Demokratie mehr, als wenn Menschen mit allen Sinnen zusammenwirken.

 

Weitere Informationen zum Vortrag von Dr. Manja Schüle in der Ringvorlesung „Demokratien in der Krise“:https://www.uni-potsdam.de/de/veranstaltungen/detail/2026-01-27-ringvorlesung-demokratien-in-der-krise-vortrag-kampf-um-die-koepfe-die-kunst-d