Bonjour, chers amis! – Frankreich und die DDR: Studierende entdecken den „Eigen-Sinn“ einer ungewöhnlichen Beziehung

Unter den Linden 37, Berlin (DDR)
Anne Pirwitz
Photo : François Trieu
Unter den Linden 37, Berlin (DDR)
Photo : Tobias Hopfgarten
Anne Pirwitz

Warum lernt man eine Sprache, die man nicht sprechen und deren Ursprungsland man vermutlich niemals zu Gesicht bekommen wird? Eine Frage, die sich in der DDR nicht stellte: Wer an der Erweiterten Oberschule Abitur machen wollte, musste neben Russisch noch mindestens eine weitere Fremdsprache lernen. Zur Auswahl standen Englisch und Französisch. Und da es für die meisten Berufe ohnehin egal war, konnte man sich getrost, ja lustvoll der exotischeren, der eleganteren Sprache zuwenden ...

Ganz so unvermittelt, wie es im Rückblick scheint, war diese Entscheidung aber wohl doch nicht gefallen. Zwischen Frankreich und der DDR gab es durchaus politische und vor allem kulturelle Kontakte, wie Anne Pirwitz in einem Lehrprojekt mit Studierenden der Universitäten Potsdam und Bordeaux Montaigne recherchierte und anschließend filmisch dokumentierte. „Wenn wir heute über die deutsch-französischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg sprechen, dann ja meist über Adenauer und De Gaulle, den Elysée-Vertrag und den Jugendaustausch mit der BRD“, sagt die Romanistin. „Was aber geschah zur selben Zeit im anderen Teil Deutschlands?“

Die Filmdokumentation, für die die Studierenden zahlreiche Zeitzeugen befragten, gibt darüber Aufschluss: Bereits 1959, lange bevor Frankreich die DDR offiziell anerkannte, entstand eine erste Städtepartnerschaft, zwischen Cottbus und Montreuil. Dr. Regina Gerber, langjährige Mitarbeiterin im Forschungsdezernat der Uni Potsdam, erinnert sich an die „französischen Delegationen“, die die brandenburgische Industriestadt besuchten, in der sie als junge Lehrerin arbeitete. Mitunter war sie dann als Dolmetscherin gefragt. Eine der seltenen Gelegenheiten, die studierte Sprache in der Praxis anzuwenden. Wie Montreuil waren es vor allem kommunistisch regierte Städte, die aus politischen Gründen Kontakt zu ostdeutschen Städten suchten. Bègles, zum Beispiel, schloss 1962 einen Vertrag mit Suhl, der bis heute mit Leben gefüllt wird, wie die Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Fabienne Fédou den Studierenden berichtet. Ursprünglich sollten die Städtepartnerschaften dazu dienen, ein positives Bild von der DDR zu vermitteln, um die staatliche Anerkennung voranzutreiben. Das erklärt auch, warum viele von ihnen nach 1989 einschliefen, wie jene zwischen Potsdam und Bobigny, die nur noch auf dem Papier existiert. Suhl und Bègles hingegen nutzten die Chance der Grenzöffnung, einen echten, beiderseitigen Austausch zu beginnen.  

Bis dahin jedoch bewegte sich der Besucherverkehr nur in eine Richtung, zum Beispiel mit dem sogenannten Freundschaftszug. Die inzwischen pensionierte Französischdozentin Françoise Bertrand erzählt, dass sie als Schülerin im Jugendaustausch nicht nach Westdeutschland reisen konnte, weil zu Hause kein Platz war, um ein deutsches Kind aufzunehmen. So fuhr sie ins Sprachlager nach Ostdeutschland, ein Gegenbesuch war hier ja nicht zu erwarten. Mehrere Tausend Kinder und Jugendliche kamen jeden Sommer in die Ferienlager der DDR. Gabrielle Robein, heute Dozentin an der Uni Potsdam, war dreimal dabei. Sie erinnert sich, dass die deutschen Kinder viel disziplinierter und besonders auf die Sportwettkämpfe besser vorbereitet waren. Den Fahnenappell der Pioniere fand sie befremdlich und langweilig. Die Propaganda blieb den jungen Gästen nicht verborgen. Und dennoch knüpften sie Freundschaften, schrieben Briefe, kamen später als Lehrkräfte zurück.

Viele der Zeitzeugen, die im Film zu Wort kommen, lud Anne Pirwitz zu einer Konferenz nach Potsdam ein, darunter auch die Romanistin Prof. Dr. Dorothee Röseberg, bei der sie in Halle studierte. Ihre Professorin war es, die sie für die wenig beachtete „andere Seite“ der deutsch-französischen Beziehungen interessierte und dabei ihren Blick auf die kulturellen Einflüsse lenkte, die das Frankreichbild in der DDR prägten. Nahezu in jedem ostdeutschen Bücherregal standen die Werke von Balzac, Zola, Hugo und Merle, erinnert Dorothee Röseberg. Neue Literatur wurde zügig übersetzt. Künstlerinnen und Künstler aus Frankreich traten regelmäßig in Fernsehshows auf, es gab Schallplatten von Chansonniers und im Kino flimmerten alljährlich die „Wochen des französischen Films“ über die Leinwand. Dank eines bilateralen Abkommens öffnete 1984 das einzige Kulturzentrum eines westlichen Staates in Ostberlin: das Centre culturel français. Eine „kleine Blase“ der Freiheit, nennt es die Sprachlehrerin Dr. Sylvie Mutet im Film und erzählt, wie sie, die Überwachung ignorierend, in den Sprachkursen offen und ungezwungen diskutiert hätten. Dorothee Röseberg meint, dass solche Begegnungen einen „Eigen-Sinn“ entstehen ließen und die ostdeutsch-französischen Beziehungen dadurch eine Eigendynamik entwickelten.

Nun aber, drei Jahrzehnte nach der Grenzöffnung, da es so einfach ist, ein Zugticket nach Paris zu lösen, scheint das Interesse aneinander eher gering zu sein, sagt Anne Pirwitz. „Nur vier Prozent derjenigen, die an den vom Deutsch-französischen Jugendwerk geförderten Begegnungen teilnehmen, kommen aus Ostdeutschland.“ Es werde weniger französisch gelernt und auch die Zahl gelebter Städtepartnerschaften sei im Vergleich zu Westdeutschland sehr niedrig. „Jetzt kommt es auf uns an, jetzt sind wir dran, die Beziehungen wieder zu beleben“, sagen die Studierenden am Ende ihres Films. Ihr Projekt, das sie mit ihren französischen Kommilitonen digital und ganz real bei einem Besuch in Bordeaux zusammenbrachte, ist ein guter Anfang.  

Zum Filmhttps://www.youtube.com/watch?v=GGex3MRepJw

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2022 „Artensterben“ (PDF).