Mehr Gold fürs Geld – Wie Urs Granacher mit der PotAS-Kommission die Förderung des deutschen Spitzensports reformiert

Das Bild zeigt die Olymischen Ringe vor blauen Himmel. Das Foto ist von AdobeStock/ink drop.
Photo : AdobeStock/ink drop
Ein neues Evaluationsverfahren soll mehr Erfolge im Sport bringen.

Damit die Förderung des Spitzensports sich wieder deutlicher im Medaillenspiegel von Europa-, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen niederschlägt, hat das Bundesinnenministerium (BMI) 2016 beschlossen, diese zu reformieren. Umsetzen soll diese Aufgabe die sogenannte PotAS-Kommission, in die im Mai 2017 unter anderem der Potsdamer Trainings- und Bewegungswissenschaftler Prof. Dr. Urs Granacher berufen wurde. Gemeinsam haben sie ein Evaluationsverfahren entwickelt, das künftig mehr Erfolge bringen soll, indem es nicht mehr nur auf Erfolge schaut. Was paradox klingt, hat indes Methode und ein wissenschaftliches Fundament – und wird anderswo durchaus schon erfolgreich praktiziert.

Ricarda Funk, Florian Wellbrock, Julia Krajewski – sie paddelten, schwammen und ritten bei den Olympischen Spielen von Tokio im Sommer 2021 zu Gold. Zehn Mal standen deutsche Athleten ganz oben; hinzu kamen elf Silber- und 16 Bronzemedaillen, also 37 Medaillen. 1992, als erstmals ein wiedervereintes Deutschland bei Sommerspielen angetreten war, hatten deutsche Sportlerinnen und Sportler 82 Medaillen geholt, davon 33 goldene. Mit öffentlichen Geldern geförderter Spitzensport wird an Medaillen gemessen. Und doch stehen jährlich steigenden Ausgaben immer weniger Podestplätze bei Großereignissen gegenüber. Um den deutschen Spitzensport weltweit wieder konkurrenzfähiger zu machen, haben BMI und DOSB 2016 die Leistungssportreform auf den Weg gebracht. „Ziel ist die Vergabe von Bundesmitteln an die Spitzenverbände nach objektiven sportwissenschaftlichen und sportfachlichen Kriterien“, erklärt Urs Granacher die herausfordernde Aufgabe, der sich die PotAS-Kommission stellt. Granacher ist Trainings- und Bewegungswissenschaftler und seit Herbst 2017 Vorsitzender des Gremiums. Künftig sollte es mehr Geld für die Disziplinen geben, die in der PotAS-Evaluation besonders gut abschneiden. Bis 2016 basierte die Grundförderung der Spitzenverbände auf der Analyse sportlicher Erfolge bei Olympischen Spielen. „Diese überwiegend retrospektive Betrachtung ist zu eng“, heißt es auf der BMI-Homepage. Die PotAS-Kommission sollte dies ändern, „um die notwendigen Rahmenbedingungen in den Verbänden für spätere Spitzenleistungen deutscher Athletinnen und Athleten auf internationalem Parkett zu schaffen“, so Granacher bei seiner Ernennung.

Am Beginn seiner Arbeit erhielt das Gremium eine ganze Reihe von inhaltlichen Kriterien der Evaluation mit auf den Weg, die im Vorfeld von Vertretern des BMI, des Deutschen Olympischen Sportbunds, den Spitzenverbänden und weiteren Stakeholdern des Spitzensports zusammengestellt wurden. „Diese inhaltlichen Kriterien waren jedoch noch nicht so ausgearbeitet, dass sie im Sinne der Evaluationsforschung hätten operationalisiert werden können“, so der Forscher. „Mit anderen Worten, unsere Aufgabe bestand darin, diese Kriterien in ein Evaluationssystem nach wissenschaftlichen Standards zu überführen.“ Die erste Aufgabe der PotAS-Kommission bestand also darin, ein Evaluationssystem auf der Grundlage der zur Verfügung gestellten inhaltlichen Kriterien zu erarbeiten, das statt der einfachen Bewertung von Erfolgen – „Geld für Gold“ – künftig drei Säulen berücksichtigt: Erfolg, Kaderpotenzial und Strukturen. Wie sind die Verbände strukturell aufgestellt, wenn es um die Aus- und Weiterbildung von Trainern, die Betreuung von Athleten, Training und Wettkämpfe oder das Gesundheitsmanagement geht? Verfügen sie über Athletinnen und Athleten, die das Zeug dazu haben, bei den nächsten Großereignissen auf vorderen Plätzen zu landen? Und welche Ergebnisse in jüngerer Vergangenheit bei Europa-, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen können sie vorweisen? Dabei geht es keineswegs nur um Medaillen, wie Granacher betont. „Bei der PotAS-Bewertung werden die Platzierungen von eins bis acht berücksichtigt.“ Nach der Bewertung aller Kriterien durch die Kommission werden die drei Säulen Erfolg, Kaderpotenzial und Struktur miteinander verrechnet und es wird ein PotAS-Wert gebildet. Im Resultat ergibt sich eine Rangfolge der Disziplinen und Verbände.

Erstmals eingesetzt wurde die PotAS-Evaluation in 2018. Nach den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang begann die Kommission damit, auch die Sommersportarten nach einem weiterentwickelten System zu bewerten. Auf Wunsch der Verbände wurden zunächst in einem zweistufigen Verfahren nur die Strukturen bewertet und in Form eines Zwischenberichts in 2019 veröffentlicht. Erst nach den Olympischen Spielen in Tokio im Sommer 2020 sollten dann auch die Erfolge und Potenziale hinzugerechnet werden. Doch durch die Corona-Pandemie und die Verschiebung der Sommerspiele verzögerte sich dies um ein Jahr, sodass der PotAS-Endbericht erst im September 2021 vorlag. In diesem wurden die 26 Verbände bzw. 103 Disziplinen des Sommersports nach ihrem Abschneiden bei der PotAS-Evaluation in eine Rangliste gebracht.

In Tokio rutsche der zuletzt weltweit dominierende Speerwerfer Johannes Vetter auf der weichen Anlaufbahn weg, im Modernen Fünfkampf scheiterte die in Führung liegende Annika Schleu an einem bockenden Pferd. Medaillen, die scheinbar fest eingeplant sind und dann doch ausbleiben, sollen künftig ebenso wenig allein ausschlaggebend sein wie – natürlich erfreuliche – unerwartete Außenseitererfolge. Denn die kombinierte Bewertung von Strukturen, Potenzialen und Ergebnissen soll dafür sorgen, dass Ausreißer – nach oben und unten – nicht entscheidend ins Gewicht fallen. Der erste Bericht der PotAS-Kommission für den olympischen Sommersport bestätigt das: Trotz nur einer Goldmedaille in Tokio von Weitspringerin Malaika Mihambo führt der Deutsche Leichtathletikverband die Rangliste an. Da der Verband in den anderen beiden Säulen Kaderpotenzial und Struktur sehr gut abschneidet, fallen der Ausrutscher von Johannes Vetter oder das schlechte Abschneiden der erfolgsverwöhnten Werfer nicht so sehr ins Gewicht. Umgekehrt gilt: Spitzenresultate allein genügen nicht, wenn im Bereich Erfolge nur eine Disziplin, d.h. Tennis Männer nicht aber Frauen gut abschneidet und Strukturen oder Kaderpotenziale ausbaufähig sind. Obwohl Alexander Zverev als gefeierter Olympiasieger heimkehrte, findet sich der Deutsche Tennisbund aufgrund schlechterer Strukturen und Potenziale nur auf Rang 16 wieder. Und auch exzellente Strukturen allein bringen eine Disziplin nicht ganz nach oben, denn ohne erfolgversprechendes Athletenpotenzial bleiben kurz- wie mittelfristig die Ergebnisse aus, wie der Badmintonverband (Rang 15) belegt.

Zudem kam beim olympischen Sommersport erstmals eine sogenannte Transformationsregel zum Einsatz, mit der das Ergebnis der PotAS-Evaluation, d. h. die Rangliste finanzwirksam übersetzt wurde. Und zwar mit Blick auf die Disziplinen, nicht die Verbände: Innerhalb des Schwimmverbandes belegten Freiwasserschwimmen Männer Platz 1 und die Synchronschwimmen Frauen Platz 103. Die Goldmedaillen von Mihambo im Weitsprung und Wellbrock im Freiwasserschwimmen „spülen“ deren Disziplinen auf die Ränge 3 und 1 – aber auch, weil die Verbände in diesen Disziplinen gute Potenziale bzw. Strukturen vorhalten können. Das Herren-Tennis landet mit Platz 52 abermals nur im Mittelfeld: Eine Goldmedaille garantiert noch keine Top-Platzierung in der PotAS-Rangliste. Auch bei den Ruderern sorgen schlechtere Ergebnisse bei Struktur- und Potenzialanalyse für hintere Ränge – und weniger Fördergelder. „Natürlich war nach der erstmaligen Anwendung der Transformationsregel durch BMI und DOSB das mediale Echo groß“, sagt Urs Granacher. „Kritik kam auch von einigen Verbänden, die schlecht abgeschnitten haben. Damit müssen wir aber als ‚Reformer der Spitzensportförderung‘ und angesichts des neuen Mittelverteilungskampfs leben. Zugleich versuchen wir, die konstruktiven Hinweise aus der Kritik der Enttäuschten zu extrahieren und in das ‚lernende System‘ PotAS zu integrieren.“

Und damit haben Granacher und Co nicht lange gewartet. Nach intensivem Literaturstudium, Vergleichen mit anderen nationalen Fördersystemen sowie Befragungen von Funktionären, Trainern und Athleten hat die Kommission für die jetzt anstehende Evaluation der Wintersportarten bereits in allen drei Säulen der Evaluation Veränderungen vorgenommen. Die sportlichen Erfolge werden nicht mehr relativ zur besten Nation in der jeweiligen Disziplin ausgedrückt, sondern relativ zu den drei besten Nationen. Bei ausschließlicher Berücksichtigung der besten Nation kann eine Schieflage entstehen, wenn eine Nation in der jeweiligen Disziplin deutlich dominiert. Dies ist bspw. im Tischtennis mit China der Fall. Bei den Potenzialen wiederum gilt künftig nicht mehr wie bisher die Einschätzung von Verbandsvertretern. „Das ist eine subjektive Herangehensweise, die oftmals zur Überschätzung des tatsächlichen Potenzials innerhalb einer Disziplin führte“, erklärt Granacher. Stattdessen greift PotAS auf die sogenannte Gracenote Datenbank zurück, die auf Wettkampfdaten aller Athletinnen und Athleten weltweit basiert, die jemals an internationalen Wettkämpfen teilgenommen haben. „Auf diese Weise können wir disziplinscharf prüfen, ob eine Disziplin Athletenpotenzial hat, bei den nächsten Spielen Platz 1 bis 8 zu belegen.“ Bei den Strukturen wiederum versucht die Kommission, den Verbänden mehr Spielräume zu bieten, eigene Innovationen auf den Weg zu bringen. Bisher habe man konkrete Kriterien vorgegeben, die die Verbände erfüllen mussten, um positiv bewertet zu werden. „Dies verhindert jedoch ein gewisses Innovationsstreben der Verbände und entspricht auch nicht der teilweise heterogenen Struktur von Verbänden“, so Granacher. „Deshalb haben wir für die Wintersportevaluation 2022 zum ersten Mal sogenannte ‚funktionale Äquivalente‘ eingeführt.“ Das trage der Heterogenität der Verbände Rechnung und belohne Innovationsstreben. „Das Feedback der Verbände zu diesen Neuerungen im Wintersportsystem 22 ist gut“, sagt Granacher. „Mit ‚Athleten Deutschland‘, der unabhängigen Vertretung der Kaderathletinnen und -athleten in Deutschland, stehen wir ebenfalls in regelmäßigem Austausch und besprechen die Weiterentwicklungen des PotAS-Systems.“

PotAS-Kommission

Die zentrale Aufgabe der PotAS-Kommission ist die objektive und transparente Bewertung der Disziplinen in den olympischen Spitzenverbänden nach sportwissenschaftlichen und sportfachlichen Kriterien. Die Ergebnisse der PotAS-Evaluation werden in einem Abschlussbericht in Form einer Rangliste der Disziplinen dargestellt und sind die  Grundlage für die Mittelvergabe des Bundes an die Spitzenverbände. Die im Mai 2017 berufene Kommission besteht aus vier sportfachlichen sowie vier sportwissenschaftlichen Vertreterinnen und Vertretern und einer Geschäftsstelle mit fünf hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und -mitarbeitern. Hinzu kommt ihr Vorsitzender, Prof. Dr. Urs Granacher von der Universität Potsdam. Das PotAS-Evaluationssystem wird gemäß des Koalitionsvertrags der neuen Ampelregierung weiterentwickelt.

Zum Bericht: https://www.potas.de/startseite/Sommersport.html