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Gefahren sichtbar machen – Wie sich mögliche Auswirkungen von Starkregen in Berlin und Brandenburg besser vermitteln lassen

  • Portrait von Prof. Dr. Annegret Thieken
    Foto: Tobias Hopfgarten
    Prof. Dr. Annegret Thieken ist Professorin für Geographie und Naturrisikenforschung und leitet die AG Geographie und Naturrisikenforschung der Universität Potsdam.

Autos, die wie losgerissene Bojen davonschwimmen, ganze Orts teile unter Wasser, Keller, die zur Falle werden – Überflutungen aus extremen Niederschlägen können hohe Schäden verursachen und im schlimmsten Fall sogar Menschenleben kosten. Um Land und Leute besser zu wappnen, entwickelten Forschende des Instituts für Umweltwissenschaften und Geographie der Universität Potsdam ein Verfahren, das mögliche Auswirkungen von Überflutungen nach Starkregen visualisiert. Ihre Verschneidung von Gefahrenkarten, Kataster- und Bevölkerungsdaten kann im Ernstfall helfen, Leben zu retten.

Im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt haben sie für die Bundeshauptstadtflächen deckend mögliche Auswirkungen abgeschätzt. Ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit der UP Transfer GmbH an der Uni Potsdam umgesetzt werden konnte. Die Ergebnisse können künftig Rettungskräfte wirkungsvoll unterstützen, indem sie aufzeigen, wo sich die Wassermassen besonders stark stauen. Welche Verkehrswege sind bei Überflutungen überhaupt begeh- und befahrbar? Wo müssen insbesondere Kinder oder Senioren evakuiert werden, die den Fluten körperlich wenig entgegensetzen können? Und wie gefährdet sind kritische Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge? Wichtige Informationen, die Politik und Verwaltung benötigen, um Entscheidungen zu treffen.

Blinde Flecken aufzeigen 

Die Besonderheit liegt in der Zusammenstellung von topografischen, statistischen und städtebaulichen Daten, sagt Projektleiterin Annegret Thieken, Professorin für Geographie und Naturrisikenforschung. Ihr Team hat ein interaktives Dashboard konzipiert, das die Gefahren-Hotspots für Mensch, Fahrzeuge, Haus und Hof anzeigt. Höhendaten und potenzielle Gebäudeschäden fließen dabei genauso in die Risikobewertung ein wie Angaben zur Bevölkerung, etwa wie viele Bewohner in einem Block gemeldet sind und wie viele davon jünger als zehn oder älter als 65 Jahre sind. „Ein wichtiges Lagebild für Einsatzkräfte“, sagt Annegret Thieken. „Insbesondere zur Unterkellerung des Stadtraums lagen uns aber leider keine Daten vor, obwohl Keller wichtige Gefahrenherde darstellen. Etwa ein Viertel der 49 Todesopfer der letzten Flutkatastrophe 2021 in Nordrhein-Westfalen starb in Kellern“, erinnert die Forscherin. „Die Leute wollten nach ihrer Pumpe oder einfach nach dem Rechten sehen und gelangten dann nicht mehr nach draußen, weil Wasser nachströmte oder sie sich bei der Rettung von Hab und Gut völlig verausgabt und überfordert hatten.“ Umso wichtiger sei es, potenzielle Gefahren sichtbar zu machen.

Unterschätzte Gefahr 

Was für die stark verdichtete Großstadt Berlin bereits existiert, soll nun ins Flächenland Brandenburg übertragen werden. Als erste Kommune in der Mark bekommt die Stadt Oranienburg eine solche Visualisierung der Auswirkungen pluvialer, also durch Regen verursachter Überflutungen. Betrachtet wird dabei ein statistisch sehr seltenes Extremwetterereignis mit einer hypothetischen Niederschlagsmenge von 100 Millimetern pro Quadratmeter in einer Stunde. Dass solche Extremereignisse sich im Zuge der globalen Erderwärmung häufen, lässt sich für kurze Niederschläge bereits in Messreihen nachweisen. Heftige Regenfälle, die zu lokalen Überflutungen führen, können überall in Deutschland auftreten und sind nicht an Gewässer gebunden. 

„Wenn Menschen einen Fluss sehen, denken sie tendenziell eher an die Gefahren durch Überschwemmung, als wenn sie kilometerweit entfernt eine Senke im Wald betrachten“, sagt Sarah Lindenlaub von der Arbeitsgruppe für Geographie und Naturrisikenforschung. „Dabei reichen schon Wassertiefen von 20 Zentimetern, um Schäden an Fahrzeugen zu verursachen oder Menschen in einem Keller einzuschließen, weil sie ihre Türen nicht mehr aufbekommen.“ Spätestens ab 30 Zentimetern ist für die meisten Pkw ein sicheres Fortkommen kaum mehr möglich. Ohnehin raten Fachleute davon ab, mit dem Auto durch überflutete Bereiche zu fahren. Schließlich haben viele Todesopfer vergangener Hochwasserereignisse Überflutungen unterschätzt, weil sie die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren haben oder aber ausgestiegen sind und von den Wassermassen mitgerissen wurden.


Prof. Dr. Annegret Thieken ist Professorin für Geographie und Naturrisikenforschung und leitet die AG Geographie und Naturrisikenforschung der Universität Potsdam. 

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2026 „Wasser“.