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Von unschätzbarem Wert – Auen halten Wasser, speichern Kohlenstoff und bieten Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen

  • Eine Aue
    Foto: Dr. Stephanie Natho
    Auen halten Wasser, speichern Kohlenstoff und bieten Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen
  • Dr. Stephanie Natho zeigt das Auenmodell
    Foto: Kevin Ryl
    Dr. Stephanie Natho zeigt das Auenmodell

Wenn Stephanie Natho ihr Forschungsgebiet betritt, führt der Weg sie geradewegs in eine der ungewöhnlichsten und abwechslungsreichsten biologischen Sphären unserer Breiten – die Aue. „Einfach gesagt, sind Auen die Überflutungsflächen, die links und rechts von Flüssen liegen und bei Hochwasser überschwemmt werden können“, erklärt die Geoökologin. Diese Gebiete entstehen durch die natürliche Ausdehnung von Flussläufen während starker Regenfälle oder Schneeschmelzen. In diesen Hochwasserphasen tritt Wasser über die Flussufer, sammelt sich in den umliegenden Bereichen und prägt so die Aue nachhaltig. Während der Überflutungsperioden verbinden sich aquatische und terrestrische Systeme, was einzigartige Bedingungen schafft.

„Auen sind von unschätzbarem Wert, da sie einzigartige ökologische Funktionen erfüllen“, erklärt die Forscherin. „Organismen, die auf Wasser angewiesen sind, finden hier ebenso ideale Bedingungen wie solche, die an Land leben.“ In Auen verknüpfen sich diese Systeme, was die Migration und Vernetzung von Arten fördert und zu einer Erhöhung der Biodiversität beiträgt. Zudem sind Auen bedeutend für die Regulierung von Nährstoff- und Wasserzyklen. Überflutungen sorgen für einen hohen Nährstoffeintrag, der von bestimmten Pflanzen und Organismen effektiv genutzt wird. „Diese Vielfalt an Lebensformen und Prozessen schafft ein dynamisches und stabiles Umfeld, das robust genug ist, um verschiedene ökologische Störungen abzufedern.“ 

Doch diese Gebiete sind nicht nur entscheidend für die Biodiversität, sondern auch für zahlreiche Ökosystemleistungen, die sie erbringen. So fungieren Auen unter anderem als natürliche Hochwasserregulierer, die Wassermassen aufnehmen und langsam wieder abgeben. Außerdem übernehmen sie eine wichtige Rolle im Wasserhaushalt und haben Auswirkungen auf den Grundwasserstand – wodurch sie sowohl ökologische als auch ökonomische Vorteile bieten. In einem ihrer Forschungsprojekte hat Stephanie Natho die sogenannten Ökosystemleistungen von Flussauen untersucht, also die Leistungen der Natur quantifiziert. „Dazu gehören – neben der Biodiversität – etwa die Nährstoffretention, die Kohlenstoffspeicherung, der Hochwasserrückhalt und natürlich auch ihre Eigenschaft als Erholungsgebiete.

Vielfach verändert und überformt

Trotz ihrer enormen Bedeutung werden Auen oft unterschätzt und vernachlässigt. Mehr noch: Im Laufe der Jahrhunderte menschlicher Landnutzung wurden sie vielfach degradiert, überformt und ihrer Funktionen beraubt. Die Entstehung von Auen geht auf die Eiszeit zurück, als riesige Gletscher beim Abschmelzen immense Mengen an Wasser und Sedimenten mit sich führten. Diese Prozesse formten die sogenannten Urstromtäler, in denen sich heute die Flüsse mit ihren Auen befinden. Durch zunehmende menschliche Eingriffe veränderte sich ihr Erscheinungsbild dramatisch. Viele Flüsse wurden begradigt und Auenflächen entwässert, um sie landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Dadurch verloren sie jedoch ihre natürliche Funktion, als Pufferzonen zu agieren, und büßten einen Großteil ihrer biologischen Vielfalt ein. Unberührte Flüsse und Auen bieten durch ihre Wasserstandsdynamik Habitate für unterschiedlichste Tiere und Pflanzen, beispielsweise in kurvenreich verschlungenen Flussverläufen, die sich bei geringem Gefälle bilden. In der Außenkurve fließt das Wasser schneller, wodurch im Laufe der Zeit eine steile Uferkante entsteht. An dieser lagert sich überwiegend grobes Material ab. In der Innenkurve, wo es langsamer fließt, bildet sich eher feines Sediment. „Im groben Kies leben andere Tiere als im feinen Sand“, sagt Stephanie Natho, „das sind ganz unterschiedliche Habitate, die in einem kanalisierten Fluss gar nicht mehr vorkommen.“ 

Aber auch das Neben- und Miteinander von Wasser und Land, Trockenheit und Überschwemmung in Auenlandschaften sorgt für eine einzigartige Artenvielfalt und biologische Dynamik. „Das Kommen und Gehen des Wassers ist essenziell für die charakteristischen Bedingungen in Auen. Die Vegetation und die Organismen sind an diese wechselnden Bedingungen angepasst“, so die Forscherin. Und Aue ist nicht gleich Aue. „Sie können feucht, aber auch heiß und trocken sein, es gibt sie in alpinen Regionen ebenso wie im norddeutschen Tiefland. Diese erstaunliche Vielfalt an Lebensräumen auf sehr engem Raum hat mich schon immer fasziniert.“

Stephanie Natho hat in Karlsruhe studiert, bei Professor Emil Dister, der sich als „Auenpapst“ einen Namen gemacht hatte. 2015 kam sie nach Brandenburg und untersucht seitdem, wie es um die hiesigen Auen steht. Ihr Fazit: Schlecht. Brandenburg verfügt zwar über viele Gewässer und damit auch potenzielle Auen. Aber die Praxis der Entwässerung hat auch hier stark dazu beigetragen, dass viele dieser wertvollen Landschaften nicht mehr in ihrem natürlichen Zustand sind. Und das ist gerade für Brandenburg ein Problem. „Man sagt, Brandenburg ist gewässerreich, aber wasserarm.“ In den sandigen Böden des Landes versickern Niederschläge schnell, es fehlt an Flächen, die viel und lange Wasser speichern können. Auen könnten, wie auch intakte Moore, dies ändern.

140 Hektar Auenwald gepflanzt

„Brandenburg könnte mit den richtigen Schutzmaßnahmen und Renaturierungsprojekten wie der zu einem idealen Ort für intakte Auen werden“, sagt die Geoökologin. Nicht zuletzt deshalb läuft hier seit 2010 das größte Vorhaben dieser Art in Europa: die Renaturierung der Unteren Havel. Bis Ende 2024 hat der Naturschutzbund NABU, der die Maßnahmen umsetzt, nach eigenen Angaben 26 Kilometer Deckwerk entfernt, 23 Altarme angeschlossen, 746 Hektar Überflutungsgebiet geschaffen, 63 Flutrinnen reaktiviert und 140 Hektar Auenwald gepflanzt. 

Und Stephanie Natho ist mittendrin, denn sie untersucht in sechs ausgewählten Gebieten, wie es den Auen vor und nach einer Renaturierung geht. Gemeinsam mit Masterstudierenden erprobt sie seit 2025 ein Verfahren, das an der Universität Duisburg-Essen entwickelt wurde. Mit ihm soll der ökologische Zustand von Landschaften nach einer Renaturierung ermittelt werden. Ein besonderer Glücksfall für die Untersuchungen: Die Ökologische Station der Universität Potsdam liegt nahe der kleinen Ortschaft Gülpe – inmitten des Renaturierungsgebiets. Von hier ausgehend, verbringen die Forscherin und ihre Studierenden über Wochen hinweg regelmäßig viele Stunden an verschiedenen Orten entlang der Havel und beobachten, erfassen und zählen sogenannte Indikatorarten – also Tierarten, die anzeigen, wie es um die Biodiversität der Auenlandschaft bestellt ist. „Wir fokussieren uns auf Vögel und Amphibien“, erklärt sie. 

Ausschließlich auf Vögel schaut – und hört – Nura Alaya. Sechsmal war sie im Frühjahr 2026 für mehrere Tage an der Havel in Gülpe und Umgebung und hat zum Sonnenaufgang die Vögel kartiert. „Es ist schon was Besonderes, in so einer renaturierten Aue durch hüfthohes Wasser zu waten und vor der aufgehenden Sonne spezialisierte Wasservögel zu beobachten“, sagt sie. Die Studentin testet verschiedene Methoden, um Vögel zu kartieren, also zu bestimmen, wann wo welche Arten aktiv sind. Für ihre Masterarbeit geht sie insbesondere der Frage nach, ob Audiorekorder dabei helfen können. Denn wenn Kartierungen ausschließlich durch Beobachtungen im Feld zum Sonnenaufgang erfolgen, ist es durch aus möglich, dass manche Arten nicht erfasst werden, weil sie zu dieser Zeit weniger aktiv sind. Insgesamt 15 Rekorder hatte die Studentin auf den Auenflächen platziert, die von März bis Juni die Umgebungsgeräusche zum Sonnenaufgang, aber auch tagsüber und nachts aufgenommen haben. „Auch wenn die Auswertung der Daten noch nicht abgeschlossen ist, zeichnet sich schon ab, dass die Audiorekorder einige Arten aufgezeichnet haben, die wir bislang nicht kartiert hatten“, sagt sie.

Auf einem guten Weg

Insgesamt kann das Potsdamer Forschungsteam inzwischen zeigen, dass die Havelauen aufgrund der Überflutungen, die Ziel der Renaturierung sind, ein wertvolles Habitat für Vögel insgesamt und für auentypische Vögel insbesondere bieten. „Wir haben bereits 99 Vogelarten identifiziert, darunter 47 seltene, bedrohte und oder geschützte Arten wie die Flussseeschwalbe, den Wachtelkönig oder Fisch- und Seeadler, was die ökologische Bedeutung dieser Maßnahmen unterstreicht.“ Gleichzeitig betont die Forscherin, dass der Weg zu einer weitgehend naturbelassenen Auenlandschaft noch weit ist, selbst im Renaturierungsgebiet der Unteren Havel. „Der Fluss ist weiterhin durch viele Wehre staureguliert, was dazu führt, dass er nicht natürlich fließen kann.“ Andererseits macht genau diese Verbindung aus Stauregulierung und Renaturierung die Untere Havel einzigartig, wie Stephanie Natho erklärt: „In den Wintermonaten wird der Wasserstand erhöht, wodurch die Auen überflutet werden.“ So können sich die Grundwasserspeicher füllen und die Böden trocknen auch bei ausbleibenden Niederschlägen während der Sommer nicht so schnell aus.


Dr. Stephanie Natho ist Leiterin der Arbeitsgruppe Landschaftsmanagement am Institut für Umweltwissenschaften und Geographie der Universität Potsdam.

Nura Alaya forscht für ihre Masterarbeit im Renaturierungsgebiet der Unteren Havel.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2026 „Wasser“.