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Ist ein Pferd mit Sturmmaske ein Demonstrant? – Kunststudierende der Uni Potsdam brachten beim Localize-Festival „Protest und Poesie“ auf den Brauhausberg

  • Da steht ein Pferd vor der Tür - und es wurde später noch tätowiert.
    Foto: Thomas Roese
    Da steht ein Pferd vor der Tür - und es wurde später noch tätowiert.
  • Prof. Dr. Maja Linke und Karen Winzer im Gespräch.
    Foto: Thomas Roese
    Prof. Dr. Maja Linke und Karen Winzer im Gespräch.
  • Karen Winzer erklärt die Symbolik des Hungertuchs.
    Foto: Thomas Roese
    Karen Winzer erklärt die Symbolik des Hungertuchs.
  • Neben den Garagen gab es auch im Keller des ehemaligen Landtags Kunst.
    Foto: Thomas Roese
    Neben den Garagen gab es auch im Keller des ehemaligen Landtags Kunst.
  • Beim Localize Festival konnte man sich auch ein Bild des zukünftigen Campus auf dem Brauhausberg machen.
    Foto: Thomas Roese
    Beim Localize Festival konnte man sich auch ein Bild des zukünftigen Campus auf dem Brauhausberg machen.

Ein Sofa, das nicht mehr ganz der aktuellen Mode entspricht. Politische Poster an den Wänden. Zusammengestückeltes Mobiliar. Eine typische Studierenden-WG, wie man sie in jeder Universitätsstadt findet. Wenn da nicht das weiße Pferd im Eingangsbereich gewesen wäre. „Das Pferd haben wir extra für dieses Wochenende mitgebracht. Das wird nachher noch tätowiert“, kündigte eine der Bewohnerinnen an.

Das für die WG genutzte Gebäude war – selbst in Zeiten akuter Wohnungsnot – eher ungewöhnlich: eine Garage des ehemaligen Landtags auf dem über Potsdam thronenden Brauhausberg, wo in diesem Jahr das Localize-Festival stattfand. Dessen ehrenamtliche Veranstalter*innen verwandeln seit 2008 regelmäßig ausgesuchte Orte in Potsdam in temporäre Räume für Kunst, Kultur und Musik. Zuvor gastierte das Festival etwa auf der Freundschaftsinsel, im Rathaus oder auf dem Gelände um den Aradosee – und stellte dort immer auch Fragen nach der Nutzung des öffentlichen Raums. 2026, zur wohl letzten Ausgabe, wählte das Localize nun jenen Ort, an dem der vierte Campus der Universität Potsdam entstehen wird.

Vom Zeigen und Bezeugen

Mit auf den Berg gezogen waren Kunststudierende der Universität, um unter dem Motto „Protest und Poesie“ eine WG-Ausstellung zu zeigen, die in Kursen von Prof. Dr. Maja Linke und Dozentin Karen Winzer entstanden war. „Wir hatten im Sommersemester beide Kurse, die sich mit Protest in der künstlerischen Praxis auseinandersetzten. Dabei fiel uns auf, wie viele Anliegen die Studierenden haben. Und die ganze Bandbreite an Affekten, die damit assoziiert sind: Wut, Angst, Sorge und eben auch Liebe“, erklärte Maja Linke zwischen dem lebensgroßen Pappmaché-Pferd und einem Schreibtisch voller Notizzettel.

Das Konzept der Gruppe passte hervorragend zur Ausschreibung des Localize 2026 und dessen Motto „The Power of Love“. Denn schnell zeigte sich, dass Protest nicht zwangsläufig gegen etwas gerichtet sein muss. So stellte eine Studentin ein aufwendig gestaltetes Hungertuch in Blau, Weiß und Gold aus. „In ihrem Werk setzt sie sich mit ihrem Glauben auseinander, den sie lange eher verborgen hielt. Sie demonstriert ihren Glauben“, sagte Karen Winzer und erinnerte daran, dass demonstrieren vom lateinischen ‚monstrare‘ für ‚zeigen‘ kommt. Auch Protest bedeute in seinem lateinischen Wortsinn: etwas öffentlich bezeugen.

Andere Mitglieder des Kollektivs befassten sich mit der rechtlichen Dimension von Protest – und lasen dafür das Versammlungsgesetz mit seiner juristisch-wasserdichten Amtssprache. „Dabei haben wir zum Beispiel gelernt, dass Demonstration und Gegendemonstration mindestens einen Steinwurf voneinander entfernt sein müssen“, berichtete Karen Winzer und schmunzelte. Bei der Lektüre sei auch die Idee für das weiße Pferd entstanden, zu dem eine rote Bordüre gehörte, die sich unter der Decke der WG einmal um das komplette Zimmer wand. Darauf stand: „Wenn ich zufällig mit mehr als zwei politisch tätowierten Pferden mit Sturmmaske und Hut meine Meinung vortrage, wie groß muss dann der Abstand der Pferde sein?“ Auch die Potsdamer Polizei wusste auf telefonische Nachfrage der Studierenden keine Antwort darauf.

Einmischen und mitgestalten

Während einige Studierende sich auf dem Sofa mit einem Sandwichmaker ein kleines Mittagsessen zubereiteten, sprach Maja Linke über die Entstehung der Arbeiten in der WG: „Wir haben die 26 Studierenden gefragt: ‚Wenn ihr alle Themen, die euch beschäftigen, ansprechen könntet, was würdet ihr dann sagen? Und wem?‘ Mit Kunst können wir reflektieren und spekulieren, sie kann sich einmischen und mitgestalten.“ Dafür sollten die Studierenden ein Gespür entwickeln, um als künftige Lehrkräfte selbst zur kritischen Reflexion der Umwelt anregen zu können. „Die Studierenden haben nicht den Druck, ihre Kunst verkaufen zu müssen. Das erlaubt es ihnen, sich freier auszudrücken und auch ihre Themen unabhängiger zu wählen“, erklärte Karen Winzer. So entstand für die WG eine Vielfalt von Kunstwerken, mal introspektiv, mal appellativ, groß wie ein Pferd oder klein wie Aufkleber mit persönlichen Slogans. Aber immer als Protest, der öffentlich bezeugt, und als Poesie, die abgenutzte Parolen ersetzt.  

Die Macht der Liebe

Generell waren viele der Festivalbeiträge explizit politisch und setzten sich mal mehr, mal weniger direkt mit der bewegten und wechselvollen Geschichte des Ortes auseinander. Wer als Gast die baufällige Treppe zum mächtigen Gebäudekomplex erklomm, wurde von einer langen Reihe von Trichterlautsprechern begrüßt, die Radiosendungen aus den 1930er-Jahren in verschiedenen Sprachen zu einer Kakophonie der Propaganda vermengten. Um die Ecke fand sich eine „Antifaschistische Hüpfburg“, die dem Hambacher Schloss nachempfunden war und auch als Podium für Performances und Diskussionsrunden diente. Vorbei an der vermutlich größten Sandkiste der Stadt gelangten die Besucherinnen und Besucher in den Hof des Gebäudes, dem zentralen Festivalplatz, auf dem unter anderem die Performance „Marx in Love“ des Berliner Kollektiv Panzerkreuzer Rotkäppchen aufgeführt wurde. Eine Sängerin interpretierte „The Power of Love“ von Jennifer Rush, während in einem Trabi eine Frau zeitgleich aus Christa Wolfs „Was bleibt“ vorlas und ein riesiger aufblasbarer Karl-Marx-Kopf über den Platz gerollt wurde.

Auch das Gebäude selbst konnte betreten werden. Über eine Treppe stiegen Neugierige, mit einem Helm ausgerüstet, in das ehemalige Archiv im Keller hinab, wo weitere Installationen zum Betrachten und teilweise auch zum Mitmachen einluden. An einer Station konnten sich Personen fotografieren und mittels künstlicher Intelligenz „verschönern“ lassen. In den angrenzenden Räumen stellten Baseballschläger aus Porzellan Fragen nach Gewalt und Fragilität, zeigten überlappende Bildschirme verzerrte Liebeserklärungen aus dem Reality TV und „sangen“ Drucker, Scanner und andere Bürogeräte gemeinsam ihre melancholischen Lieder.

Aus dem Keller aufsteigend ließ sich ein Blick auf das zentrale Treppenhaus im Eingangsbereich des Gebäudes erhaschen. Hier hingen, an Drähten aufgespannt, kleine Schmetterlingsskulpturen in der Luft – eine Anspielung auf den Philosophen und Kritiker Walter Benjamin, dessen Familie auf dem Brauhausberg eine Sommerwohnung besaß. In einer Episode seines autobiografischen Werks „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ heißt es: „So zittert durch die schmetterlingserfüllte Luft das Wort ‚Brauhausberg‘.“

Das vom Festival bespielte Gelände vermittelte einen guten Eindruck von den Dimensionen, die der zukünftige Campus Brauhausberg haben wird. Wohnraum für Studierende ist hier fester Teil der Planungen. Ein Thema, das für Potsdamer Studierende höchst aktuell ist. Dass die Gruppe „Protest und Poesie“ ihre Werke in einer WG präsentierte, war also kein Zufall.


Zum Video „Protest & Poesie auf dem Brauhausberg“


Maja Linke ist seit 2023 Professorin für künstlerische Praxis mit dem Schwerpunkt Malerei/Grafik an der Universität Potsdam.

Karen Winzer ist künstlerische und akademische Mitarbeiterin an der Professur für Künstlerische Praxis.