Wenn Sie – als Forscher – tun könnten, was Sie wollten, was wäre das?
Bis vor einigen Jahren wäre meine Antwort klar in Richtung Biomedizin gegangen. Es wäre fantastisch, in Echtzeit in einen Körper schauen zu können, um genau zu verstehen, was geschieht und welche Ursachen und Wirkungen bestimmte Krankheiten haben. Im besten Fall würden wir dann auch gezielte Interventionen starten, die verhindern, dass Krankheiten überhaupt entstehen –ein wahrhaft traumhaftes Bild. Doch es bleibt die Frage: Wer würde diese Technologie nutzen, und wer würde sie möglicherweise missbrauchen? In meiner Zeit beim Robert Koch-Institut habe ich mich mit den umfangreichen Herausforderungen im Bereich von Public Health befasst – und erkannt, dass die großen Ursachen für Krankheiten oft auf Bevölkerungsebene wirken. Um diese zu untersuchen, wäre es notwendig und bahnbrechend, in ganzen Regionen Gesundheitsinterventionen durchzuführen und über Jahre hinweg zu beobachten. Dies würde es ermöglichen, langfristig zu erforschen, welche Faktoren Menschengesund oder krank machen. Also: Wie wirkt sich die Einführung eines Grundeinkommens aus? Oder was passiert, wenn wir aktiv gegen Bildungsungleichheiten vorgehen? Was hilft vulnerablen Gruppen wirklich? Unser aktuelles Gesundheitssystemarbeitet zu 90 Prozent als Reparatursystem und finanziert Krankheitsheilung statt Krankheitsverhinderung. Ein Präventionssystem, das Ursachen von Krankheiten minimiert, wäre eine revolutionäre Veränderung. Und obwohl die Mehrheit der Fachleute dies weiß, bleibt es ein Traum.
Welches Hindernis steht dem im Weg?
Es ist ethisch und moralisch nicht tragbar, Menschen als zufällige Versuchspersonen zu beobachten und gesellschaftliche Gruppen über lange Zeiträume so zu untersuchen, wie es nötig wäre. Unter realen Bedingungen sind Räume und Faktoren zudem nicht ausreichend trennbar, und Verzerrungen nicht zu beseitigen. Außerdem gibt es in demokratischen Systemen hohe Variabilität durch Wahlen, was solche langzeitlichen Studienzusätzlich erschweren würde, denn Gesundheitssysteme sind in besonders hohem Maße politischen Wahlzyklen unterworfen.
Welche Forschungsfrage blieb Ihnen bislang verwehrt? Warum?
Die größte Herausforderung war sicherlich während der COVID-19-Pandemie, als ich in der wissenschaftlich beratenden Funktion tätig war. Mein Bestreben war es, der Politik auf Bundesebene exakte Wahrheiten zu bieten und nicht nur statistische Möglichkeiten oder wahrscheinliche Ergebnisse zu liefern. Es wäre befriedigend gewesen, noch mehr detaillierte Kenntnisse zu haben, um den politischen Entscheidern ganz klare und fundierte Empfehlungen für die richtige Intervention zum richtigen Zeitpunkt zu geben. Leider wird dies nie vollständig machbar sein. Doch selbst bei exaktem Kenntnisstand werden politische Entscheidungen oft von anderen Faktorenbeeinflusst, sodass trotz fundierter wissenschaftlicher Beratung andere Gründe zu Entscheidungenführen.
Was schien Ihnen früher außer Reichweite, ist inzwischen aber enträtselt?
Es gibt viele Fortschritte, die früher undenkbar schienen. Ein Beispiel aus dem Bereich Public Health ist das Wissen zu den gesundheitlichen Folgen des Rauchens: Es dauerte Jahrzehnte, bis eindeutig bewiesen wurde, dass Rauchen Gesundheitsrisiken birgt – etwas, das heute allgemeinbekannt ist. Auch bei der Umweltverschmutzung hat es mehrere Jahrzehnte gedauert, bis klar war, welche Stoffe in Luft, Wasser und Boden gesundheitlich bedenklich sind. Selbstbei einem so komplexen Thema wie dem Klimawandel, der nur von wenigen noch grundsätzlich infragestellt wird, werden Ursachen und Folgenzunehmend verstanden. Natürlich sind hier noch viele Fragen offen, aber Fortschritte wie diese sind ermutigend.
Was gehen Sie als Forscher aktuell an?
Mein aktuelles Herzensprojekt zielt darauf ab, gesundheitliche Ungleichheiten in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu bekämpfen. In Deutschland existieren diese Ungleichheiten ebenfalls, beruhen aber nicht auf fehlenden Ressourcen, sondern sind durch unzureichende politische Rahmenbedingungen und falsche Inzentivierungen im Gesundheitssystembedingt. Wir wollen beispielsweise mit einem Projekt zur Kindermortalität in neun verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens zur Aufklärung der Ursachen beitragen und durch gezielte Informationen sowie die Entwicklung digitaler Werkzeuge helfen, die Sterberaten zu senken. Ein weiteres spannendes Projekt befasst sich mitdigitalem Storytelling bei gesundheitlicher Aufklärung. Wir wollen generative KI nutzen, um bestimmten Zielgruppen Informationen auf eine Weise zu vermitteln, die deren Sprach- und Bildungshintergründen gerecht wird. Generative KI ermöglicht uns in bislang unvorstellbarem Maße, alle Gruppen dort abzuholen, wo sie sich geradebefinden, um ihr Wissen zu erweitern und zu festigen. Eine grundsätzliche Vision unseres Fachbereiches ist es, durch Digitalisierung hervorgerufene Ungleichheiten zu vermindern.
Prof. Dr. Lothar Wieler ist seit 2023 Professor für Digital Global Public Health an der gemeinsam von Hasso-Plattner- Institut und Universität Potsdam getragenen Digital Engineering Fakultät.
Zu mehr Informationen: https://hpi.de/en/wieler/
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.