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Die Historikerin Prof. Dr. Monika Wienfort antwortet auf die Frage: Was bedeutete die Familie für den preußischen Adel im 19. Jahrhundert?

  • Illustration. In der Form einer Hand findet sich der Innenraum einer Kirche mit langgezogenen Kirchenfenstern in allen Fingern außer dem Daumen. Im Ringfinger ist zudem die Figur einer Braut zu sehen, der Ehering bildet einen engen Gürtel über ihrem Kleid. Rechts neben ihr im Mittelfinger befindet sich der Bräutigam. Beide schauen sich mit großen Augen an.
    Foto: Andreas Töpfer/NR

Wer heute über „den“ Adel redet, der meint meist den hohen Adel, die europäischen Königsfamilien. Die einzelnen Mitglieder der europäischen Dynastien sind weltbekannt und tragische Geschichten wie die von Diana, der Prinzessin von Wales, liefern den Medien Stoff für Jahrzehnte. Neu ist das nicht. Die Royals waren auch schon im 19. Jahrhundert prominenter als alle anderen. Nach der Revolution 1918/19 wurde in Deutschland der Adel als Stand abgeschafft. Seitdem gibt es hier rechtlich keinen Adel und keine Privilegien mehr. Titel sind zu Namensbestandteilen geworden. Aber was mit den Namengeblieben ist, ist die Zugehörigkeit zur Familie als Grund für gesellschaftliches Ansehen und Medieninteresse. 

Im 19. Jahrhundert hatte der Adel zwar schon einige seiner alten Rechte verloren, fungierte aber immer noch als Elite der Gesellschaft. Die Weitergabe des Adels an die nächste Generation erfolgte immer über die Männer. Sämtliche Kindererbten einen Adelstitel, etwa Graf, Gräfin oder ein „von“. Während Männer ihren Adel an Ehefrauen und Kinder weitergaben, konnten Frauen das nicht. Frauen, die nicht adlig heirateten, verloren den Adel für immer. Kein Wunder also, dass Familie und die Entscheidungen, die damit zusammenhingen, wie etwa eine Heirat, große Bedeutung hatten. Mit dem Erbe des Namens war meist ein besonderer Stolz auf die Familie und eine enge Verbindung zu einer bestimmten Region verbunden. Es ging um Landbesitz, aber auch um die Erinnerung an eine ferne Vergangenheit und die Leistungen der Vorfahren. Allerdings waren nicht sämtliche Mitglieder der Adelsfamilie gleich bedeutsam. Weit heraus ragte der fast stets männliche Familienchef. Er besaß idealerweise ein Rittergut, übte ein Amt in der Verwaltung aus, zum Beispiel als Landrat oder war Mitglied des Preußischen Herrenhauses. Als Ehemann und Vater lenkte er die Familiengeschäfte. Seine Ehefrau leitete als Gutsherrin den Haushalt, kümmerte sich um die Kinder und organisierte die familiäre Geselligkeit. Alle Hoffnungen richteten sich auf die Geburt eines Stammhalters. Jüngere Söhne waren aus Familiensicht weniger wichtig, sie erbten wenig und sollten Beamte oder Offiziere werden. Für Frauen war die Eheschließung die wichtigste Lebensentscheidung überhaupt. Davon hing alles ab: sozialer Status, Wohlstand, Alltagsleben. 

Im 19. Jahrhundert gründeten viele preußische Adelsfamilien Familienverbände, die den Zusammenhaltstärken, den männlichen Nachwuchs mit Stipendien und ganz allgemein den Familienstolz fördern sollten. Die Familienverbände erstellten Familiengeschichten, oft sogar mit dem Abdruckalter Urkunden. Sie schufen damit gegenwärtige Identität aus der Vergangenheit ihrer Familie. Und manche Familien, nicht nur die Royals, führen das bis heute fort.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.