Im 19. Jahrhundert hatte der Adel zwar schon einige seiner alten Rechte verloren, fungierte aber immer noch als Elite der Gesellschaft. Die Weitergabe des Adels an die nächste Generation erfolgte immer über die Männer. Sämtliche Kindererbten einen Adelstitel, etwa Graf, Gräfin oder ein „von“. Während Männer ihren Adel an Ehefrauen und Kinder weitergaben, konnten Frauen das nicht. Frauen, die nicht adlig heirateten, verloren den Adel für immer. Kein Wunder also, dass Familie und die Entscheidungen, die damit zusammenhingen, wie etwa eine Heirat, große Bedeutung hatten. Mit dem Erbe des Namens war meist ein besonderer Stolz auf die Familie und eine enge Verbindung zu einer bestimmten Region verbunden. Es ging um Landbesitz, aber auch um die Erinnerung an eine ferne Vergangenheit und die Leistungen der Vorfahren. Allerdings waren nicht sämtliche Mitglieder der Adelsfamilie gleich bedeutsam. Weit heraus ragte der fast stets männliche Familienchef. Er besaß idealerweise ein Rittergut, übte ein Amt in der Verwaltung aus, zum Beispiel als Landrat oder war Mitglied des Preußischen Herrenhauses. Als Ehemann und Vater lenkte er die Familiengeschäfte. Seine Ehefrau leitete als Gutsherrin den Haushalt, kümmerte sich um die Kinder und organisierte die familiäre Geselligkeit. Alle Hoffnungen richteten sich auf die Geburt eines Stammhalters. Jüngere Söhne waren aus Familiensicht weniger wichtig, sie erbten wenig und sollten Beamte oder Offiziere werden. Für Frauen war die Eheschließung die wichtigste Lebensentscheidung überhaupt. Davon hing alles ab: sozialer Status, Wohlstand, Alltagsleben.
Im 19. Jahrhundert gründeten viele preußische Adelsfamilien Familienverbände, die den Zusammenhaltstärken, den männlichen Nachwuchs mit Stipendien und ganz allgemein den Familienstolz fördern sollten. Die Familienverbände erstellten Familiengeschichten, oft sogar mit dem Abdruckalter Urkunden. Sie schufen damit gegenwärtige Identität aus der Vergangenheit ihrer Familie. Und manche Familien, nicht nur die Royals, führen das bis heute fort.
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.