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Europäisches Damwild vor 120.000 Jahren – dem Verlust genetischer Vielfalt auf der Spur

Medieninformation 04-06-2026 / Nr. 047

  • Skelett eines warmzeitlichen, rund 120.000 Jahre alten Damhirsches (Dama (dama) geiselana) von Neumark-Nord.
    Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták
    Skelett eines warmzeitlichen, rund 120.000 Jahre alten Damhirsches (Dama (dama) geiselana) von Neumark-Nord.

Europäische Damhirsche haben seit der letzten Warmzeit dramatisch an genetischer Vielfalt verloren. Dies enthüllen 120.000 Jahre alte Überreste der Tiere aus Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt, die Forschende der Universität Potsdam, des MONREPOS – Archäologisches Forschungszentrum und Museum in Neuwied sowie der Universität Leiden analysiert haben. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen wurden nun im internationalen Journal „iScience“ veröffentlicht. Modernes Damwild repräsentiert demzufolge nur einen Bruchteil der Vielfalt seiner Warmzeit-Vorfahren. In ihrer Studie beleuchten die Forschenden zudem, wie Klima und menschliches Handeln eine einst diverse Art grundlegend umgestalteten und könnte daher auch für Schutzmaßnahmen hilfreich sein.

Damhirsche waren während der vergangenen Warmzeiten weit über Mitteleuropa verbreitet, zogen sich in den kalten Perioden des Eiszeitalters jedoch immer wieder nach Süden zurück. Einzigartige Einlagerungsbedingungen in den Seesedimenten von Neumark-Nord – einem fossilen Biotop in der Nähe von Merseburg in Sachsen-Anhalt – ermöglichten eine exzellente DNA-Erhaltung dieser Tierart unter den milden klimatischen Bedingungen Mitteleuropas.
Dem Forschungsteam von der Universität Potsdam, vom MONREPOS Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied als Teil des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) und von der Universität Leiden (Niederlande) gelang es, alte DNA aus den Überresten von zehn Damhirschen aus Neumark-Nord zu extrahieren. Bei deren Analyse stellten die Forschenden fest, dass die warmzeitliche Population aus Neumark-Nord eine genetische Vielfalt aufwies, die vergleichbar ist mit der heutiger Damhirsche über ihr gesamtes europäisches Verbreitungsgebiet, von Spanien bis zur Türkei. Moderne Damhirsche zeigen zudem eine ungewöhnlich geringe genetische Variation im Vergleich zu verwandten Arten wie Rothirsch oder Sambarhirsch.
Stammbaumrekonstruktionen belegen, dass moderne Damhirsche genetisch eng mit der Neumark-Nord-Linie verwandt sind. „Dieses Muster deutet darauf hin, dass sich in Mitteleuropa einst mehrere genetische Linien entwickelt oder diese Region kolonisiert haben, aber nur eine einzige nach der Eiszeit überlebte“, erklärt Alberto Rocha-Méndez, Paläogenetiker an der Universität Potsdam und Erstautor der Studie.
Die Analysen datieren die Trennung zwischen modernen europäischen Damhirschen und jenen von Neumark-Nord auf etwa 200.000 Jahre vor heute, also inmitten der Klimaschwankungen des Eiszeitalters. Eiszeitliche Abkühlungsphasen löschten wahrscheinlich diverse mitteleuropäische Populationen aus, sodass Damhirsche nur in südlichen Rückzugsorten wie Anatolien und dem Balkan überlebten. Während des römischen Reichs, im Mittelalter und in der Neuzeit verbreitete der Mensch dann die wenig diverse Reliktpopulation aus Anatolien zu Jagdzwecken wieder in ganz Europa und später sogar weltweit.
Wegen ihrer abweichenden Anatomie, insbesondere der Form des Geweihs, wurden die Damhirsche aus Neumark-Nord lange als eigene Unterart Dama (dama) geiselana beschrieben. Die nun nachgewiesene geringe genetische Differenzierung zu modernem Damwild spricht jedoch gegen einen separaten Status. „Das Damwild zeigte einst eine hohe Variabilität im Erscheinungsbild, welche sich jedoch auf lokale Anpassung zurückführen lässt und eher nicht auf unterschiedliche genetische Abstammungslinien hinweist“, sagt Lutz Kindler, Archäologe am MONREPOS und Mitautor der Studie. Zukünftige Arbeiten an vollständigen Genomen könnten die demografische Geschichte der Art detaillierter klären, so die Hoffnung der Forschenden.

Hintergrund zur Ausgrabungsstelle: Am Fundplatz Neumark Nord 1 entdeckte der Geologe Matthias Thomae 1985 ein fossiles Seebiotop, das durch den Archäologen Dietrich Mania zwischen 1985 und 1996 geborgen und erforscht wurde. Seinen Ergebnissen zufolge bestand hier ein großes Seebecken, das in die letzte Warmzeit von vor 120.000 Jahren, dem sogenannten Eem, datiert wird. Ein Team des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) Mainz und der Universität Leiden untersuchte zwischen 2004 und 2008 ein weiteres Seebecken am Fundort Neumark-Nord 2. Die Forschungen an beiden Stellen erschlossen ein einmaliges Umweltarchiv. Die Funde werden im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt verwahrt.

Link zur Publikation: Alberto Rocha-Méndez, Patrick Arnold, Lutz Kindler, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Wil Roebroeks, Fulco Scherjon, Michael Hofreiter, Eemian palaeogenetics demonstrates loss of diversity in modern fallow deer (Dama dama), 2026, iScience 29, 116204, https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.116204

Abbildung: Skelett eines warmzeitlichen, rund 120.000 Jahre alten Damhirsches (Dama (dama) geiselana) von Neumark-Nord. Copyright: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Foto: Juraj Lipták.

Kontakt:
Prof. Dr. Michael Hofreiter, Institut für Biochemie und Biologie
Tel.: 0331/977-6321
E-Mail: michael.hofreiteruni-potsdamde

 

Medieninformation 04-06-2026 / Nr. 047