Sie haben an der Europäischen Studentenversammlung 2026 teilgenommen. Können Sie uns einen Überblick über Ihre Erfahrung geben?
Albin Babu: Ich hatte die Gelegenheit, als Vertreter von EDUC und der Universität Potsdam an der ESA 2026 in Straßburg teilzunehmen. Diese war mehr als eine formelle Veranstaltung zur Studentenpolitik; es war eine zutiefst bedeutsame Erfahrung für mich. Da ich aus Indien stamme und in Deutschland studiere, wurde mit dem Besuch des Europäischen Parlaments und der Mitwirkung an einer paneuropäischen politischen Diskussion ein Traum wahr.
Was war das Ziel der Konferenz?
Albin Babu: Die Versammlung brachte etwa 250 ausgewählte Studierende aus 34 Ländern zusammen, um die großen Herausforderungen Europas zu debattieren und politische Empfehlungen zu erarbeiten. Unser Ziel war es, studentische Perspektiven einem breiteren europäischen Publikum zu präsentieren und zu diskutieren, wie die EU den demografischen Wandel angehen und die Teilhabe älterer Generationen an der Gesellschaft fördern kann.
Die Teilnehmenden haben in verschiedenen Panels über wichtige aktuelle Themen für Europa diskutiert. So ging es darum, wie die Demokratie gestärkt werden kann oder auf welchen Wegen mehr Kreislaufwirtschaft möglich ist. Aber auch über Mobilität, Bildung, Digitalisierung und die Autonomie Europas wurde debattiert. Sie waren in Panel 7, das sich mit Generationssolidarität befasste. Was haben Sie dort erreicht?
Albin Babu: Im Panel haben wir uns mit Themen wie sozialer Isolation, digitaler Inklusion, aktivem Altern und generationsübergreifender Teilhabe beschäftigt. Ich konnte zwei Empfehlungen einbringen, die vom Panel angenommen wurden. Die erste konzentrierte sich darauf, Einsamkeit bei älteren Erwachsenen als präventives Thema der öffentlichen Gesundheit zu behandeln. Wir argumentierten, dass Einsamkeit durch routinemäßige Screenings im Gesundheitssystem frühzeitig erkannt werden sollte. Unsere zweite Empfehlung konzentrierte sich auf generationsübergreifende Teilhabe, um soziale Isolation zu verhindern und die EU dabei zu unterstützen, lokal angepasste Strukturen zu fördern, besonders in ländlichen, abgelegenen und alternden Regionen. Für mich war die Arbeit in den Panels eine praktische Lektion in Sachen Politikgestaltung – einschließlich der Herausforderung, einen gesellschaftlichen Vorschlag zu entwickeln, der moralisch überzeugend, administrativ realistisch, rechtlich fundiert und finanziell machbar ist.
Sie haben außerdem an einer großen Diskussion über Demokratie und Bürgerbeteiligung teilgenommen. Was haben Sie davon mitgenommen?
Albin Babu: Diese Diskussion half mir, die Solidarität zwischen den Generationen mit weiterreichenden demokratischen Fragen zu verknüpfen. Themen wie soziale Ausgrenzung und demokratische Exklusion überschneiden sich oft. Menschen mit geringeren Ressourcen sind möglicherweise in bürgerschaftlichen Räumen abwesend, nicht weil ihnen Meinungen fehlen, sondern weil Teilhabe selbst versteckte Kosten mit sich bringt. Die Debatte machte deutlich, dass demokratische Teilhabe gestaltet werden muss, unter Berücksichtigung sozioökonomischer Ungleichheiten, Zeit und wirtschaftlicher Sicherheit.
Wie schauen Sie – nach der Konferenz – auf die Art, wie in Europa Politik gemacht wird?
Albin Babu: Die ESA 2026 hat mir gezeigt, dass Politikgestaltung umfassendes Zuhören, Kompromissbereitschaft und institutionelles Bewusstsein erfordert. Gute Ideen müssen sowohl rechtlich als auch finanziell umsetzbar sein, und sie müssen sozial gerecht sein. Demokratie ist mehr als nur Wählen; sie erfordert Zugang zu Informationen, partizipative Möglichkeiten und Schutz vor Desinformation. Die starke Verbindung zwischen Generationssolidarität und demokratischer Teilhabe ist dabei besonders ausschlaggebend.
Die Konferenz fand in Straßburg statt …
Albin Babu: Die Schönheit der Stadt war für mich ein unerwartetes Highlight. Besonders beeindruckend fand ich die Stadt entlang der Ufer der Ill, in Petite France, rund um die Gutenbergstraße und in der Nähe der Straßburger Kathedrale. Während meines Besuchs habe ich die Kathedrale Notre-Dame erkundet und das architektonische Wunder des Maison Kammerzell genossen.
Als jemand, der sich sehr für Geschichte, Kultur und politische Erzählungen interessiert, habe ich auch Zeit damit verbracht, mehr über Strasbourg und das Elsass zu lesen. Ein kleines historisches Detail hat mich besonders beeindruckt: Die Verbindung zwischen der elsässischen Kultur und der Hunderasse, die als „Alsatian“ oder Deutscher Schäferhund bekannt ist. Ich erfuhr, dass die Rasse in Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg als „Alsatian“ bekannt wurde, weil antideutsche Stimmung das Wort „German“ politisch ungünstig machte. Dieses Beispiel zeigt, wie Namen, Erzählungen und Rhetorik durch politische Kontexte neu geformt werden können. Es erinnert daran, dass Sprache niemals neutral ist; sie kann Erinnerungen bewahren, Konflikte entschärfen oder unter anderen Umständen zu Ausgrenzung und Feindseligkeit beitragen.
Diese historische Reflexion verband sich unerwartet mit den Themen der ESA. Das demokratische Leben wird nicht nur von Institutionen geprägt, sondern auch von Erzählungen: wer dazugehört, wem vertraut wird, wer vertreten ist und wie Gesellschaften sich gegenseitig beschreiben.
Welche Rolle spielt EDUC aus Ihrer Sicht für die Universität Potsdam?
Albin Babu: Ich bin der Allianz sehr dankbar, dass sie mir ermöglicht hat, an der ESA 2026 dabei zu sein. Aber sie bietet noch so viel mehr: Bei EDUC fühle ich mich nicht fremd, sondern als ein engagierter Student, der von den vielen Angeboten profitiert. Vor der ESA 2026 hatte ich bereits am Youth Integration Lab in Cagliari teilgenommen und werde an der Research Summer School in Norwegen teilnehmen. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass europäische Universitätsallianzen nicht nur auf dem Papier bestehen, sondern tatsächlich den akademischen, interkulturellen und beruflichen Horizont der Studierenden erweitern.
Ein Tipp, den ich anderen Studierenden mitgeben würde, lautet: Lest den Universitäts-Newsletter aufmerksam, denn viele wertvolle Möglichkeiten bleiben unentdeckt, wenn man nicht aktiv nach ihnen sucht.
Die European Student Assembly (ESA) ist die Hauptinitiative des EUC Voices Erasmus+ Projekts und versammelt jährlich etwa 250 Studierende aus ganz Europa. Die Veranstaltung bietet eine Plattform, auf der ausgewählte europäische Studierende sich mit wesentlichen Herausforderungen der Europäischen Union auseinandersetzen, bedeutungsvolle Diskussionen führen und den interkulturellen Austausch fördern können. Interessierte Studierende können sich entweder als Teilnehmende oder als Koordinatoren bewerben und zu den Diskussionspanels der Versammlung beitragen.
Weitere Informationen: https://www.eucvoices.eu/european-student-assembly/european-student-assembly-2026-5th-edition