„Eines unserer Ziele war es, genug Daten zu sammeln, um unsere Ergebnisse nach Fakultäten aufzuschlüsseln und etwas darüber zu erfahren, ob und wie sich die Belastung zwischen diesen unterscheidet“, erklärt Dr. Mira Tschorn. Auch die Umstände des Studiums wurden bei der anonymisierten Umfrage ermittelt: Wird nebenbei gearbeitet? Wie hoch ist der Workload im Studienfach? Sind die Teilnehmenden die ersten in ihrer Familie, die studieren? So ergibt sich – zusammen mit Fragen zu Alter, Geschlecht, Herkunftsland – ein äußerst differenziertes Bild des Wohlergehens der Studierenden an der Universität Potsdam. Mit einigen Abstrichen: „Bei Umfragen dieser Art muss man eine gewisse Verzerrung einplanen, da sich Menschen mit psychischen Belastungen eher von diesen angesprochen fühlen und Auskunft geben möchten“, sagt Tschorn.
Ein detailliertes Bild
Dennoch zeigt die Umfrage klar, dass die Zahl der Studierenden mit psychischen Belastungen nochmals gestiegen ist. 42,5 Prozent der befragten Studierenden geben erhöhte Depressionswerte an, hohe Angstwerte beklagen gar 51,8 Prozent. Aufgeschlüsselt nach Geschlecht ergibt sich ein differenzierteres Bild. So unterscheidet sich die Zahl der Männer und Frauen nicht, die vermehrt depressive Symptome berichten, von Angstsymptomen sind hingegen deutlich mehr Frauen betroffen. Von den Teilnehmenden, die als Geschlechtsidentität nichtbinär angegeben haben, zeigen nahezu 60 Prozent erhöhte Depressionswerte und über 70 Prozent erhöhte Angstwerte. Eine ähnliche Verteilung ergibt sich bei den internationalen Studierenden. First-Generation Academics, also Studierende, die aus Nicht- Akademikerfamilien stammen, sind häufiger von Depressionen betroffen, während Studierende mit chronischen körperlichen Erkrankungen häufiger mit Angstsymptomen zu tun haben.
Abgefragt wurde auch der allgemeine Gesundheitszustand, ein von der WHO entwickelter Faktor, mit dem die subjektive Gesundheit gemessen werden soll. „51 Prozent unserer Studierenden haben geantwortet, dass sie ihre Gesundheit als sehr gut oder gut einschätzen. Das sind 10 Prozent weniger als die allgemeine Bevölkerung und sogar über 20 Prozent weniger als Gleichaltrige, die nicht studieren“, erklärt Tschorn. Mit den gesammelten Daten lassen sich Risikofaktoren wie der sozioökonomische Hintergrund identifizieren und im Nachgang Ansätze finden, die gefährdete Gruppen direkt ansprechen. Die negativen Ergebnisse sind jedoch keine Überraschung, sagt Julia Seiffert vom Studentischen Gesundheitsmanagement: „Wir wollten vorab wissen, wie diejenigen, die jeden Tag mit Studierenden zu tun haben, also Lehrende und Unimitarbeitende, die Lage einschätzen. Von diesen meinten viele, sie hätten das Gefühl, es gehe den Studierenden schlechter.“
Das Campusleben fördern
Mit eben diesen Personen sollen im nächsten Schritt Expert*innengespräche geführt werden, um die Befragungsergebnisse mit deren Beobachtungen abzugleichen. Der dritte Schritt wird ein Think Lab mit Studierenden sein, in dem ein konkreter Maßnahmenkatalog erarbeitet werden soll – zusammen mit denen, die es betrifft. „Wichtig ist uns, das Campusleben zu fördern, damit Leute mehr zusammenfinden und wir der zunehmenden Vereinsamung im Studium etwas entgegensetzen können“, sagt Seiffert. An einer Universität, an der gut die Hälfte der Studierenden aus dem benachbarten Berlin nach Potsdam pendelt, lässt sich dieses Campusleben jedoch nicht immer leicht herstellen. Darum bietet der Feel Good Campus Workshops zu Themen wie Stress, Schlaf oder Resilienz, die sehr gut angenommen werden – und nicht zuletzt Leute zusammenbringen.
Langfristig ist es das Ziel der Kampagne, dem Thema Gesundheit einen festen Platz in Studium und Lehre zu geben. „Ein Stressmanagement- Kurs, der über sechs Wochen geht, ist ein zusätzlicher Termin und sorgt paradoxerweise erstmal für mehr Stress. Besser wäre es, Gesundheit im Grundstudium zu verankern. So wie es Grundkurse zu wissenschaftlichem Arbeiten oder Mathematik gibt, könnte es einen Kurs geben, in dem man etwa mentale Gesundheit oder Zeitmanagement lernt“, sagt Julia Seiffert. Letztlich käme dies auch dem Arbeitsmarkt zugute, da Alumni, die nach dem Studium bereits akut von Burnout gefährdet sind, sehr wahrscheinlich nicht ihr volles Potenzial entfalten können.
Luft und Liebe
Was die Umfrage auch leisten soll, ist, Aufmerksamkeit für das Thema mentale Gesundheit im Studium zu generieren. Denn einige Probleme lassen sich eben nicht universitätsintern lösen, sondern bedürfen der Aufmerksamkeit von Politik und Gesellschaft. Finanzielle Nöte, Wohnungsnot oder der Stress im Studium durch verkürzte Regelstudienzeiten tragen ihren Teil zur erhöhten Belastung von Studierenden bei. „Das Studium hat noch immer den Ruf, die schönste und freiste Zeit im Leben zu sein. Leider ist sie das nicht, da die meisten Studierenden erfolgreiches Studium, Job und Privatleben unter einen Hut bringen müssen. Denn nur von Luft und Liebe leben ging früher schon schlecht und ist heute noch schwieriger“, sagt Julia Seiffert.
Mehr Infos zu HAY: https://www.uni-potsdam.de/de/feelgoodcampus/howareyou
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.