Barrieren: weit mehr als nur bauliche Hindernisse
„Ich würde mir wünschen, dass wir in die Planung von Maßnahmen mehr einbezogen würden. Menschen, die keine Berührungspunkte mit Behinderungen haben, vergessen das Thema Barrierefreiheit häufig.“ – Henrik Schmidt
In Sachen Barrierefreiheit gibt es auf den insgesamt mehr als 218.000 Quadratmetern der Uni Potsdam einiges zu tun. Da gibt es Treppen ohne Rampe, Türen, die nicht automatisch öffnen, fehlende Blindenleitsysteme. Gleichwohl lässt sich nicht jede Herausforderung durch Baumaßnahmen aus der Welt schaffen. Neurodivergente Menschen etwa halten Umgebungen mit vielen Menschen nicht immer gut aus und benötigen ruhige Rückzugsräume. Andere studieren auf dem schmalen Grat zwischen einer chronischen Autoimmunerkrankung und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben jenseits des Patientendaseins. Die tendenziell häufigeren Fehlzeiten dieser Studierenden wirken in einem akademischen System, das zum Teil auf Anwesenheitspflichten setzt und manchmal zu wenige Prüfungstermine anbietet, de facto als zusätzliche Barriere. Schließlich gibt es die Fallstricke der digitalen Welt, wenn etwa der Webauftritt einer Hochschuleinrichtung oder Veranstaltungsreihe mit vielen Bildern punkten, von einer blinden Person aber trotzdem nicht navigiert werden kann, weil die Alternativtexte zu den Grafiken fehlen. Und: „Barriere ist nicht gleich Barriere, nur weil bei zwei Personen ungefähr die gleiche Beeinträchtigung vorliegt“, sagt Henrik Schmidt, der sich dank zweier gesunder Arme im Zweifel auch gegen eine automatisch schließende Tür durchsetzen kann. „Viele Menschen, die auf elektrisch angetriebene Rollstühle angewiesen sind, haben gar nicht die Kraft für so etwas.“
Eine von sechs Personen studiert mit Beeinträchtigung
Einer Umfrage im Rahmen des Diversity Audits „Vielfalt gestalten“ zufolge studierten an der Uni Potsdam 2023 etwa 16 Prozent der Immatrikulierten mit einer körperlichen und/oder psychischen Beeinträchtigung. „Geht man von ungefähr 20.000 Studierenden aus, dann sind das rund 3.200“, sagt Robert Meile, Inklusionsbeauftragter für Studierende an der UP. Dass man viele Betroffene kaum wahrnimmt, liege auch daran, dass vor allem psychische Beeinträchtigungen selten nach außen hin sichtbar werden. „Das können Teilleistungsstörungen oder auch Neurodiversität sein“, sagt Meile. „Nicht alle behindern einen beim Studium, aber viele davon.
Haben seelische Belastungen bei Studieren den zugenommen? Die Daten legen diese Vermutung nahe. Die Best-Studien des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung und des Deutschen Studierendenwerks zeigen einen deutlichen Anstieg studienerschwerender psychischer Erkrankungen und Belastungen um 20 Prozent gegenüber 2011. Ein Befund, der jedoch möglicherweise auch mit einem veränderten Umgang mit der eigenen Beeinträchtigung zusammenhängt – denn die Studie basiert letztlich auf den freiwilligen Selbstauskünften von Abertausenden Studierenden. „Es ist gut möglich, dass der Anteil dieser Beeinträchtigungen schon immer so hoch gelegen hat“, sagt Robert Meile. Klar ist: Weil sie häufig medizinische Zuzahlungen und höhere Lebenshaltungskosten stemmen müssen (etwa für rollstuhlgerechtes Wohnen), jedoch auf dem Arbeitsmarkt zusätzlich benachteiligt sind, wird das Studium für Menschen mit Behinderung nicht unbedingt einfacher. Selbst in öffentlichen Einrichtungen wie den Hochschulen wird die aus dem Gleichstellungsgesetz abgeleitete Quote von Beschäftigten mit Behinderung bei Weitem nicht erreicht. Zudem sorgen Krankenhaus- oder Reha-Aufenthalte dafür, dass sich die Studiendauer von Menschen mit Behinderung deutlich verlängern kann. Für die Finanzierung zum Beispiel durch BAföG über die Regelstudienzeit hinaus ein echtes Problem. „Wenn dann noch Prüfungen nur einmal im Jahr angeboten werden oder Aufbaumodule nicht absolviert werden dürfen, sind wir schnell wieder beim strukturellen Problem“, sagt Robert Meile.
„Ein besserer Betreuungsschlüssel hilft allen, weil in Lehrveranstaltungen besser auf einzelne Bedürfnisse Rücksicht genommen werden kann und man einen persönlichen Draht zur Lehrperson hat.“ – Robert Meile
Inklusion im Uni-Alltag
Wie kann die Hochschule ihrem Anspruch der Inklusion besser gerecht werden? Er würde die Wege am Neuen Palais mit einem schmalen, glatt gepflasterten Streifen ergänzen und den Zugang zu WCs optimieren, sagt Henrik Schmidt. „Ich würde mir wünschen, dass wir in die Planung von Maßnahmen mehr einbezogen würden. Menschen, die keine Berührungspunkte mit Behinderungen haben, vergessen das Thema Barrierefreiheit häufig.“ Ob eine Universität, die für clevere Ideen regelmäßig Inklusionspreise auslobt, einen geplanten Campus-Neubau auf dem Brauhausberg in puncto Barrierefreiheit einzig nach DIN-Normen gestaltet oder auch unter Beteiligung von Menschen mit Behinderung, ist weit mehr als eine Frage des Stils. Der Inklusionsbeauftragte sieht eine weitere Lösung, die letztlich auch nicht behinderten Studierenden zugutekäme: mehr Lehrpersonal, kleinere Gruppen und damit ein besserer Betreuungsschlüssel. „Kleinere Strukturen helfen allen, weil in Lehrveranstaltungen besser auf einzelne Bedürfnisse Rücksicht genommen werden kann und man einen persönlichen Draht zur Lehrperson hat.“ Immerhin: Eine Assistenz für den Uni-Alltag kann über die Eingliederungshilfe der zuständigen Kommune beantragt werden. Vielfach beauftragt der kommunale Kostenträger ein soziales Unternehmen, das die Einzelfallhilfe dann bereitstellt, in Potsdam beispielsweise das Oberlinhaus oder der Verein Einzelfallhilfe-Manufaktur. Alternativ erhalten die Studierenden ein persönliches Budget und können die Hilfe selbst beauftragen und bezahlen. Wer außerdem einen Nachteilsausgleich begründen muss, ein ärztliches Gutachten benötigt oder einen Härtefallantrag für seine Zulassung stellt, hat bereits vor Beginn des Studi ums jede Menge Hausaufgaben. Henrik Schmidt lässt sich von Barrieren und Papierkram nicht entmutigen, im Gegenteil. Er gibt Workshops zum Thema Leben im Rollstuhl und arbeitet im Team des Inklusionsbeauftragten Robert Meile. „Ich möchte Praxiserfahrung sammeln und dann vielleicht ein Masterstudium beginnen“, so der 23-Jährige. „Schwerpunktmäßig eher in Richtung Arbeits- und Organisationspsychologie oder auch Kognitionswissenschaften.“
Barrierefreie soziale Angebote für Studierende mit und ohne Behinderung organisiert das Projekt Barrierefreizeit, zum Beispiel Ausflüge, Workshops oder gemeinsame Essen. Infos unter barrierefreizeituuni-potsdampde oder bei der studentischen Zoom Beratung (Mo/Do jeweils 14–15 Uhr) unter: https://www.uni-potsdam.de/de/studium/beratung/behinderung/communityangebot-barrierefreizeit
Weitere Informationen zur Inklusiven Hochschule: https://www.uni-potsdam.de/de/inklusive-hochschule/index
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.