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Neue Allianzen schmieden – Das Graduiertenkolleg minor cosmopolitanisms will Dialoge anregen

Weltkugel mit Personen-Figuren ringsherum
Prof. Dr. Anja Schwarz, Mohammad Dalla, Prof. Dr. Lars Eckstein und Isadora Cardoso (v.l.n.r.) während des Interviews.
Portrait von Prof. Dr. Lars Eckstein
Portait von Prof. Dr. Anja Schwarz
Foto : AdobeStock/Atlas
Neue Allianzen schmieden – Das Graduiertenkolleg minor cosmopolitanisms will Dialoge anregen
Foto : Tobias Hopfgarten
Prof. Dr. Anja Schwarz, Mohammad Dalla, Prof. Dr. Lars Eckstein und Isadora Cardoso (v.l.n.r.) beim Interview.
Foto : Tobias Hopfgarten
Prof. Dr. Lars Eckstein
Foto : Tobias Hopfgarten
Prof. Dr. Anja Schwarz

Kosmopoliten sind überall zu Hause, die Welt ist ihre Heimat. Überall Nachbarn, Freunde, Gleichgesinnte und -gestellte. Eine charmante Idee, die – anders als Nationalismen – Grenzen abschafft und für Freiheit sorgt. Aber funktioniert sie? Sitzen wir wirklich alle im selben Boot? Kommen wir als globale Gemeinschaft vorwärts oder gehen wir nur zusammen unter, die einen schneller, die anderen langsamer? Das Graduiertenkolleg minor cosmopolitanisms ging 2016 an den Start, um zu untersuchen, ob das gefeierte Konzept des Kosmopolitismus funktioniert. Die Forschenden um Prof. Dr. Anja Schwarz und Prof. Dr. Lars Eckstein vom Potsdamer Institut für Amerikanistik und Anglistik, die das Kolleg leiten, meinten: Nein. Ein echtes Miteinander basiere auf vielen Perspektiven, vielen Meinungen, echtem Austausch und wirklicher Gleichberechtigung. All das fehle dem Kosmopolitismus des „alten weißen Mannes eurozentristischer Prägung“. Die Forschenden machten sich daran, stattdessen andere, marginalisierte – minore – Formen des Weltbürgertums aufzuspüren und ins Rampenlicht zu holen. Inzwischen befindet sich das Kolleg in der zweiten Förderphase und der Kosmopolitismus in einer neuen Krise, sagen Anja Schwarz und Lars Eckstein. Deshalb brauche es eine neue Herangehensweise – in der Ausrichtung des Kollegs, aber auch im Bemühen um echten Kosmopolitismus.

Eigentlich ist die kosmopolitische Idee nicht neu. Schon vor 2.500 Jahren bezeichnete sich der griechische Philosoph Diogenes von Sinope als Bürger (polítes) der Welt (kósmos), also als Weltbürger. Damit ist er einer der ersten, der diese Idee formulierte. Aber mitnichten der Einzige. An vielen Orten auf der Welt entstanden im Laufe der Jahrhunderte Konzepte eines weltweiten Miteinanders, die auf Anerkennung der weitgehend gleichwertigen Anderen beruhen. Doch sie blieben alle auf die eine oder andere Weise in ihrer Bekanntheit begrenzt. Weltweit wirksam wurde die Vision einer Weltgemeinschaft erst im Zuge der Aufklärung durch Immanuel Kant und Co. Und genau da liegt das Problem, sagen die Forschenden des Kollegs minor cosmopolitanisms. „Das kosmopolitische Ideal enthält das große Versprechen universaler Rechte für alle Menschen“, sagt Anja Schwarz. Allein: In der Realität galten sie vor allem für Europäer, Weiße, Männer. „Menschen aus vielen Regionen, mit bestimmter Herkunft oder Geschlechtern blieben außen vor.“ Das Kolleg wollte zeigen, dass auch diese Menschen Kosmopolitismus leben, produzieren und kommunizieren. Wenn auch in Nischen, regional oder schlicht weniger prominent. In ihren Forschungsprojekten legten die Doktorandinnen und Doktoranden solche oft verschütteten Zeugnisse frei – in Geschichte, Politik, Kultur oder Wissenschaft. Irene Hilden etwa forschte im Lautarchiv der Humboldt-Universität nach verschütteten Stimmen inhaftierter kolonialer Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg in einem Gefangenenlager bei Berlin. Und Anouk Madörin untersuchte Filme, die Flüchtende auf dem Weg nach Europa mit ihren Mobiltelefonen gedreht haben. Wie erleben sie die Flucht und das europäische Grenzregime? Welche Bilder verwenden sie für ihre filmische Autodokumentation?

Von der Kritik zur Alternative

Der Fokus auf minor cosmopolitanisms sollte zweierlei leisten: Zum einen das monolithische Porträt vom aufgeklärten Weltbürger aufbrechen und an dessen Stelle ein Kaleidoskop von Praktiken setzen. Zum anderen aber auch die belastete Geschichte der kosmopolitischen Idee offenlegen. „Um die Jahrtausendwende war Kosmopolitismus insbesondere in der Philosophie und Soziologie schwer in Mode. Aber was weitgehend fehlte, war eine postkoloniale Perspektive“, erklärt Lars Eckstein. „2016 wollten wir zeigen, dass das gängige Ideal ganz überwiegend eine westeuropäische Wissenstradition setzt und immer wieder reproduziert, die aufs Engste verstrickt ist mit Kolonialismus und imperialem Kapitalismus.“ Ziel war also nicht nur ein Gegenentwurf zum Trugbild einer heilen Weltgemeinschaft, sondern auch eine fundamentale Kritik der Aufklärung und ihres eurozentrischen Erbes.

Sechs Jahre später hat sich die Welt verändert. „Alle Arten von ethnischen Nationalismen sind auf dem Vormarsch“, so Anja Schwarz. „Neue Mauern werden errichtet und alte Grenzen über die Bruchlinien von Armut, race, Staatsbürgerschaft und Religion hinweg militarisiert. Die kosmopolitische Idee wird angegriffen.“ Vor diesem Hintergrund definiert auch das Kolleg – mit der dritten Generation der Forschenden – seine Ziele neu. „In einer Welt, in der es fast schon wieder radikal ist, Kosmopolit im Sinne der Aufklärung zu sein, braucht es weniger fundamentale Kritik als vielmehr kritische Allianzen gegen die Angriffe von rechts“, ergänzt Lars Eckstein. Aber: Lässt sich das Ideal einer Weltgemeinschaft retten und zugleich kritisch befragen? Wie können Menschen zusammenarbeiten, wenn sie zwar dasselbe Ziel haben, aber mit entgegengesetzten Werten aufgewachsen sind? Lassen sich verschiedene kosmopolitische Ideale miteinander ins Gespräch bringen?

Gemeinsam statt einsam

Die Doktorandinnen und Doktoranden spüren unterschiedlichen Traditionen in verschiedenen diskursiven Feldern nach und schauen, wo sie bereits Berührungspunkte haben oder zusammenkommen könnten. Wie Mohammad Dalla, der untersucht, wie Identitätspolitik funktioniert, wenn sie mit sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität (SOGI) verknüpft wird. „Ich untersuche anhand von Fallstudien über Asylanträge, wie die Identitäten von SOGI-Antragstellenden innerhalb des Asylsystems konstruiert und von diesem wahrgenommen werden. Dabei schaue ich auch, welche Auswirkungen dieser Prozess sowohl innerhalb als auch außerhalb des Asylverfahrens hat“, so der Doktorand. „Außerdem erforsche ich alternative Formen des Widerstands gegen die politischen und epistemischen Interventionen des Westens, mit denen Körper, Geschlechter und Sexualitäten definiert und regiert werden. Im besten Fall kann ich so aufzeigen, wie Solidarität mit sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten außerhalb des Globalen Nordens aussehen kann.“

Ein besonderer Fokus gilt in den kommenden Jahren der ökologischen Krise, die sich in der jüngeren Vergangenheit überall auf der Welt mit Wucht ins Blickfeld gedrängt hat. Isadora Cardoso etwa, dey* an der Freien Universität und im Kolleg promoviert, schaut sich Initiativen an, die im globalen Süden für Klimaschutz kämpfen. „Ich konzentriere mich auf die oft marginalisierten Stimmen und Geschichten von queeren, BIPoC- und Jugendkollektiven aus dem Globalen Süden, die in der Politik, einschließlich des Kampfes für Klimagerechtigkeit, historisch an den Rand gedrängt wurden und heute oft nur noch als Alibi fungieren.“ Gewiss: Der medial weltweit begleitete Protest von Greta Thunberg und der „Fridays for Future“- Bewegung hat viel erreicht. „Aber er ist eben geprägt von einer westlich-privilegierten Perspektive – und lässt Verbindungen der Klimakrise mit (Neo-)Kolonialismen außer Acht“, so Isadora Cardoso. Diese Beschränkung will dey auflösen. „In Feldstudien werde ich Diskurse und Praktiken von Kollektiven untersuchen, die sich der Klimagerechtigkeit aus verschiedenen Kontexten und Positionen nähern.“ Erst dann kann aus Klimaschutz auch Klimagerechtigkeit werden. Ziel ist, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu kämpfen. Aber ohne blinden Fleck. Nicht umsonst heißt das Projekt von Isadora Cardoso „One struggle one fight“.

Kritik verbindet

„Das bedeutet nicht, dass wir weniger kritisch sind“, wirft Anja Schwarz ein. „Aber unterschiedlicher Meinung zu sein, bedeutet eben nicht, dass man nicht dasselbe Ziel verfolgen kann.“ Der Austausch mit anderen Traditionen bereichere den Diskurs und könne die eigene Position verändern. „Dafür müssen wir freilich einander zuhören und verstehen lernen.“

Dialog zu ermöglichen und Allianzen zu schmieden, ist nicht nur erklärtes Ziel des Kollegs, sondern auch seine Methode. „Wir bestehen auf intensivem Austausch aller Art“, so Lars Eckstein. In Lecture Series, Summer School und Research Lab kommen die Doktorandinnen und Doktoranden miteinander ins Gespräch, egal, ob sie sich mit Identitätspolitik oder Klimaschutz beschäftigen. Außerdem verbringen alle von ihnen eine längere Zeit an einer der kooperierenden Universitäten und Forschungseinrichtungen – im Idealfall nah dran an ihren Themen. Wie Isadora Cardoso, dey sich verschiedene Initiativen vor Ort anschauen will. Eine Einladung zum Perspektivwechsel und Dialog bildet das Kolleg übrigens auch gegenüber dem Wissenschaftsbetrieb selbst, wie Anja Schwarz und Lars Eckstein betonen. „Wir glauben, die Universität muss die Prozesse, durch die sie Wissen produziert, immer wieder reflektieren und erweitern“, so Eckstein. „Dafür bringen wir möglichst verschiedene akademische Traditionen zusammen“, ergänzt Anja Schwarz. Und nicht nur die. Unter den Doktorandinnen und Doktoranden finden sich etliche, die nicht nur Forschende, sondern auch Künstlerinnen oder Aktivisten sind. Isadora Cardoso etwa nennt sich selbst queer-feministische Klimaaktivistin und -forscherin, Mohammad Dalla ist nicht nur Kulturwissenschaftler, sondern war auch im Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Berlin-Brandenburg und dem Gunda-Werner- Institut der Heinrich-Böll-Stiftung für Feminismus und Geschlechterdemokratie aktiv. „Das Kolleg kann eine Art Maschine sein, die Veränderungen in das Wissenschaftssystem trägt“, hofft Anja Schwarz.

* Dey ist ein Neopronom, das den Anspruch hat, genderneutral zu sein. Dabei handelt es sich um eine Eindeutschung des im Englischen üblichen singular they.

Die Forschenden

Prof. Dr. Lars Eckstein studierte Anglistik, Germanistik und Sportwissenschaft in Tübingen und in den USA. An der Universität Potsdam ist er seit 2009 Professor für Anglophone Literaturen und Kulturen außerhalb Großbritanniens und der USA.
E-Mail: lars.ecksteinuni-potsdamde

Prof. Dr. Anja Schwarz studierte Kulturwissenschaften und promovierte im Bereich der Postcolonial Studies. Seit 2010 ist sie Professorin für Cultural Studies an der Universität Potsdam.
E-Mail: anja.schwarzuni-potsdamde

Isadora Cardoso studierte Politikwissenschaften an der Universität Brasilia sowie Globalisierungs- und Entwicklungsstudien an der Universität Maastricht. Seit 2022 ist dey Doktorandin im Graduiertenkolleg minor cosmopolitanisms.
E-Mail: i.cardosofu-berlinde

Mohammad Dalla studierte Englische Literatur und Kultur an der Universität Damaskus und Kulturwissenschaften an der Universität Potsdam. Seit 2022 ist er Doktorand im Graduiertenkolleg minor cosmopolitanisms.
E-Mail: mohammad.dalla.1uni-potsdamde

Das Projekt

Graduiertenkolleg minor cosmopolitanisms
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Laufzeit: 2016–2025 Beteiligt: Universität Potsdam (Leitung), Freie Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2023 „Lernen“ (PDF).