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Der Augenblick dazwischen – Audrey Bürki untersucht kognitive Prozesse beim Sprechen

Prof. Dr. Audrey Bürki im Interview.
Experiment zum sprachlichen Multitasking beim Autofahren.
Foto : Sandra Scholz
Prof. Dr. Audrey Bürki untersucht kognitive Prozesse beim Sprechen.
Foto : Sandra Scholz
Experiment zum sprachlichen Multitasking beim Autofahren.

„Aber das ist doch ganz simpel. Wir denken an etwas und sagen es“, war die verblüffte Antwort von Audrey Bürkis Freundin aus der Schulzeit. Sie unterhielten sich darüber, woran die Wissenschaftlerin forscht – daran, was kognitiv „dazwischen“ passiert. „Wir reflektieren diesen mentalen Prozess selten, weil er so einfach erscheint. Wenn man aber auf Kinder und Erwachsene mit Sprachstörungen trifft, merkt man plötzlich, wie komplex die Tätigkeit ist“, erklärt die Linguistin die Herausforderung ihres Forschungsfeldes.

Die Forscherin ist Expertin für die Sprachproduktion. Mit ihrem Wissen ergänzt Audrey Bürki seit 2016 das Portfolio des Potsdamer Forschungsbereichs der Psycholinguistik, wo bisher vor allem das Verstehen von Gesprochenem im Fokus stand. Seit Anfang 2022 hat sie eine Heisenberg-Professur am Department für Linguistik inne, bis dahin leitete sie eine Nachwuchsgruppe. „Die Stelle war sehr attraktiv“, erinnert sich Audrey Bürki. Unter dem Dach der DFG-geförderten Nachwuchsgruppe konnte sie ein Team aufbauen, mit dem sie seitdem die Sprachproduktion ergründet. Als Professorin geht sie nun in mehreren Projekten den Prozessen auf den Grund, mit denen das Gehirn den Menschen zum Sprechen bringt.

Dem „Dazwischen“ auf der Spur

Vor allem interessiert sie sich für Planungsprozesse, die sich nicht in den sprachlichen Äußerungen selbst verstecken – sondern eben dazwischen. Diesem „Dazwischen“ ist Audrey Bürki bereits seit ihrer Promotion auf der Spur. Damals wollte sie die Zusammenhänge zwischen phonologischer Variation und lexikalischer Repräsentation untersuchen. Die Forscherin beobachtete, dass es einen Unterschied macht, welche Worte aufeinander folgen. Sprechende müssen vorausplanen, was sie sagen wollen. Audrey Bürki und ihr Team zeigten in einem DFG-Projekt, dass dies in verschiedenen Sprachen unterschiedlich ausgeprägt ist. „Wie man im Französischen das Adjektiv schön – belle weiblich / bel, beau männlich – ausspricht, hängt davon ab, ob das Substantiv danach mit einem Vokal oder einem Konsonanten beginnt. Ich muss das Nomen bereits vorbereitet haben, erst dann kann ich ‚le beau chien‘ (der schöne Hund) oder ‚le bel acteur‘ (der schöne Schauspieler), sagen.“ Im Deutschen kommt es darauf an, ob das folgende Substantiv grammatikalisch weiblich oder männlich ist. Danach richtet sich, wie man das Adjektiv ausspricht.

Sprachliches Multitasking beim Autofahren

Wie wir planen, was wir sagen, wird nicht allein durch die Eigenschaften der Sprache bestimmt. Auch kognitive Ressourcen beeinflussen das Sprechen. Um das genauer zu untersuchen, lässt die Wissenschaftlerin Probandinnen und Probanden gleichzeitig Autofahren und sprechen. Natürlich in einem sicheren Umfeld am Fahrsimulator! „Das Sprechen wird von nicht-sprachlichen Funktionen wie der Aufmerksamkeit oder dem Arbeitsgedächtnis beeinflusst“, erklärt Audrey Bürki. „Wir untersuchen, was passiert, wenn mehrere kognitive Prozesse gleichzeitig ablaufen. Wir vermuten, dass einer zugunsten des anderen beeinträchtigt wird. Ein Beispiel aus dem Alltag: Wenn Sie im Auto sitzen und Ihrem Sitznachbarn etwas erzählen, müssen Sie, wenn es nicht mehr nur geradeaus geht, aufhören zu sprechen oder können es weniger flüssig tun, weil das Fahren komplexer wird.“

Aktuell bereiten die Forschenden das Experiment vor, mit dem sie diese These belegen wollen. Die Simulationshardware im Labor steht bereits. Auf den ersten Blick unterscheidet sie sich nicht von einem Autorennspiel für den Computer: Lenkrad, Pedal und Monitor. „Das würde meinem Sohn gefallen“, schmunzelt Audrey Bürki. Sie und ihre Mitarbeiterin Pamela Fuhrmeister werden die Daten von deutschen Testpersonen sammeln, die während des Fahrens sprachliche Aufgaben lösen. Die Forscherinnen werden darauf achten, ob die Probandinnen und Probanden Fehler machen, sobald die Fahrsituation sie herausfordert. Sie wollen auf diesem Wege klären, inwieweit das Sprachproduktionssystem auf andere kognitive Ressourcen angewiesen ist. Parallel wird das Experiment in einem französischen Labor durchgeführt. „Der Vergleich beider Sprachen könnte den Weg für ein besseres Verständnis ihrer verschiedenen Planungsprozesse ebnen. Doch so weit sind wir noch nicht“, so die Professorin.

In ihrer Forschung geht Audrey Bürki aber künftig noch einen Schritt zurück: Bevor wir sprachlich planen können, brauchen wir das Material, aus dem wir das Gesagte zusammensetzen können. Alle Worte, die ein Mensch kennt, sind im sogenannten mentalen Lexikon gespeichert. Ein Ort, der die Wissenschaftlerin fasziniert. „Im mentalen Lexikon wird auch vermerkt, wie oft zwei Wörter zusammen vorkommen“, erklärt sie. Durch ihre Promotion wurde die Linguistin dafür sensibilisiert, wie häufig Worte kombiniert werden. „Das Gehirn verschlüsselt Informationen darüber, wie oft etwas vorkommt, und nutzt diese dann, um das Sprachsystem effizienter zu machen.“ Bisher wurde dieses Phänomen aber nur für einzelne Worte genauer untersucht. Audrey Bürki plant, dies auf ganze Äußerungen auszuweiten.

In der Zukunft will sie ein Computermodell entwickeln, das nachvollzieht, wie das Sprachsystem dabei arbeitet. Es soll Vorhersagen darüber treffen, wie schnell das Gehirn eine Wortkombination für die Sprachproduktion vorbereiten kann. Diese werden dann in Experimenten getestet: Probandinnen und Probanden müssen wiederholt Bilder mit einer Adjektiv-Substantiv-Wortgruppe beschreiben. „Angenommen, die Formulierung ‚schwarzer Hund‘ kommt häufiger vor als ‚brauner Hund‘, dann dürfte es weniger Zeit brauchen, um ‚schwarzer Hund‘ zu sagen. Es wird leichter, schnell darauf zuzugreifen“, vermutet Audrey Bürki.

Von der Praxis in die Forschung

Den Weg in die Linguistik hat die Forscherin übrigens über ihre Arbeit als Logopädin gefunden. Neun Jahre lang therapierte die gebürtige Schweizerin Menschen mit Sprachproblemen, ehe sie noch ein Studium an der Universität Neuchâtel aufnahm. „Durch die Arbeit mit Patientinnen und Patienten wurde mir klar, was wir über die Sprachproduktion alles noch nicht wissen. Ich wollte zu einem besseren Verständnis beitragen“, sagt sie. Mit ihrem Blick auf Sprache – und dem „Dazwischen“ – ist sie nun mittendrin.

Die Forscherin

Prof. Dr. Audrey Bürki promovierte 2010 in Linguistik an der Universität Genf. Danach arbeitete sie als Postdoc an den Universitäten York, Genf und Marseille sowie als Dozentin für Methodik und Datenanalyse in Genf. 2016 kam sie als Nachwuchsgruppenleiterin nach Potsdam. Seit 2022 ist sie Professorin für Psycho- und neurolinguistische Grundlagen der Sprachproduktion.
E-Mail: audrey.buerki.foschiniuni-potsdamde

Das Heisenberg-Programm

Nach dem Begründer der Quantenmechanik benannt, bringt das Heisenberg-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine größere Sicherheit und mehr Freiheit für Forschende. Auf vier Arten können herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefordert werden – mit einer Heisenberg-Stelle, einer Rotationsstelle, einer Professur oder einem Heisenberg-Stipendium. Wer wie Audrey Bürki mit einer Heisenberg-Professur unterstutzt wird, darf nach dem Ende der Forderung unbefristet an der Universität bleiben.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2023 „Lernen“ (PDF).