Zum Hauptinhalt springen

Arm aus Überzeugung – Potsdamer Studierende entwickeln eine Ausstellung über freiwillige Armut im Mittelalter

 

Jessica Hoffmann, Lukas Appenroth, Tim Steuk, Lea Fürst, Prof. Katharina Philipowski, Aaron Szegnotat und Prof. Christine Kleinjung (v.l.n.r.)
Ein Gebäude des Franziskanerklosters in Berlin-Pankow
Meditationsraum im Kloster
Foto : Tobias Hopfgarten
Jessica Hoffmann, Lukas Appenroth, Tim Steuk, Lea Fürst, Prof. Katharina Philipowski, Aaron Szegnotat und Prof. Christine Kleinjung (v.l.n.r.)
Foto : © Wikimedia/Bodo Kubra
Ein Gebäude des Franziskanerklosters in Berlin-Pankow
Foto : Lukas Appenroth, mit freundlicher Genehmigung des Franziskanerklosters Pankow
Meditationsraum im Kloster

Sie lebten ganz bewusst in Armut. Im 13. Jahrhundert entstanden zahlreiche geistliche Gemeinschaften wie die Franziskaner oder Dominikaner, die jeglichen weltlichen Besitz ablehnten. Das Armutsideal der Bettelorden zog im Mittelalter viele Menschen an, führte aber auch zu Konflikten mit der Amtskirche, die selbst sehr reich war. Die Kirche fürchtete die Orden, weil sie diese als potenzielle Aufrührer wahrnahm. Viele ihrer Anhänger wurden als Häretiker und Ketzer verunglimpft, von der Inquisition verfolgt und getötet.

In einem Masterseminar untersuchen Studierende der Geschichtswissenschaften und der Germanistik, wie die Menschen in diesen Gemeinschaften lebten, was sie antrieb und wo es Verbindungen zur Gegenwart gibt. „Spuren freiwilliger Armut in Brandenburg“ heißt das Seminar, das Christine Kleinjung, Professorin für Mittelalterliche Geschichte, und Katharina Philipowski, Professorin für Germanistische Mediävistik, konzipiert haben und mit einer Ausstellung in der Stadtbibliothek Potsdam abschließen wollen.

„Die Spuren der christlichen Armutsbewegung sind noch heute sichtbar, und das wollen wir am Beispiel der Franziskaner zeigen“, erklärt Katharina Philipowski. Franz von Assisi, Sohn reicher Kaufleute, gründete den Orden im frühen 13. Jahrhundert und fand rasch viele Anhänger. „Die Franziskaner stehen auf den Schultern älterer Armutsbewegungen und nehmen eine Sonderstellung ein, weil sie sich nicht von der Amtskirche distanziert haben“, erklärt Christine Kleinjung. „Der Gründer Franz hat nach wie vor eine große Relevanz als Person, genauso wie seine Gefährtin Klara, die die weibliche Perspektive der mittelalterlichen Armutsbewegung verkörpert.“ Tatsächlich gab es viele hochadelige Frauen wie Klara, die ihr Leben in Luxus für die Ordensgemeinschaften aufgaben. Ein klösterliches Leben bedeutete für sie einerseits „Jenseitsvorsorge“, um nach dem Tod ins Paradies zu kommen, und andererseits eine akzeptierte Möglichkeit, unerwünschter Heirat zu entfliehen.

Für die meisten Studierenden im Seminar beginnt die Spurensuche im Werk „Brandenburgisches Klosterbuch“, das alle bekannten mittelalterlichen Klöster und Stifte in der mittelalterlichen Mark Brandenburg vorstellt. Lea Fürst stieß darin auf das Franziskanerkloster Cottbus, das wohl im frühen 14. Jahrhundert gegründet wurde. Das genaue Gründungsjahr ist – wie so vieles aus seiner Geschichte – unbekannt. „Heute steht nur noch die Klosterkirche, die die evangelische Kirchengemeinde nutzt“, erzählt die Studentin, die mithilfe von Dokumenten aus dem Archiv der Kirche und Informationen des Bauamtes in Cottbus die Vergangenheit rekonstruieren möchte.

Tim Steuks Recherche führt dagegen in die Stadt Brandenburg. Hier vergleicht er Klöster und Leben der Dominikaner und Franziskaner, die beide parallel in der Stadt wirkten, aber unterschiedliche Konzepte von Armut verfolgten. Während die Dominikaner etwa Wohnungen besaßen und auch von Mieteinnahmen lebten, war dies für die Franziskaner verboten. „Es ist spannend, wie beide Orden miteinander ausgehandelt haben, wie sie nebeneinander leben konnten“, erklärt Tim Steuk. Wer durfte beispielweise die Gläubigen versorgen, die zur Marienkirche auf dem Harlunger Berg pilgerten? Wie positionierten sich beide zur Amtskirche?

Aaron Szegnotat und Tayga Scholz untersuchen anhand schriftlicher Quellen, wie die Franziskaner wirtschafteten und ihren Lebensunterhalt bestritten. Wie organisierten sie das Betteln? Wer beschenkte sie womit und welche Sonderrechte gab es? Aus welchen Mitteln bauten sie ihre Klöster auf? Einige Gemeinschaften in Brandenburg durften etwa kostenlos Holz aus Wäldern nutzen. Andere durften sogar Ziegeleien betreiben und Wiesen bewirtschaften. „Es war mehr als das reine Betteln, was aber häufig auch zu Konflikten führte“, erzählt Aaron Szegnotat. „Wie reich darf ich eigentlich als Bettelmönch sein?“ Dieser Frage möchten die Studierenden auf den Grund gehen.

In Berlin-Pankow geht die Spurensuche ganz direkt weiter: Jessica Hoffmann und Lukas Appenroth benötigen dafür keine Archive, besuchen keine Ruinen und keine alten Klöster, die längst aus der Nutzung gefallen sind. Sie sprechen stattdessen einfach mit den Mönchen selbst: im Franziskanerkloster in der Wollankstraße. Hier lebt eine kleine Klostergemeinschaft, mitten in der Großstadt. Mit offenen Armen empfangen die Brüder alle, die sich für die Gemeinschaft interessieren, helfen möchten oder selbst Hilfe brauchen. „Es gibt hier überraschend moderne Büroräume und einen neuen Anbau mit einer Suppenküche“, beschreibt Lukas Appenroth seine Eindrücke. Einer der Brüder, Johannes Küpper, führte die beiden durch die Aufenthalts- und Gebetsräume und erzählte vom alltäglichen Leben im Kloster.

In den Räumen der Stadtbibliothek Potsdam stellt die Seminargruppe ihre Arbeiten ab Juni 2023 vor. Dank der Kontakte zum Franziskanerkloster wird es vielleicht sogar einen Gastvortrag eines Mönchs geben, der von seinem Leben als Franziskaner in Berlin erzählt. In jedem Fall freuen sich die Studierenden, dass ihre Arbeit als Beitrag zur universitären Transferaktivität einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein wird. „Wir wollen unsere geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse mitten in die Stadt tragen“, sagt Katharina Philipowski.

Die Ausstellung „Spuren freiwilliger Armut im Mittelalter“ ist in der Stadtbibliothek Potsdam vom 1. Juni bis zum 8. Juli 2023 zu sehen. Die Vernissage mit einem anschließenden Festvortrag findet am 6. Juni um 17 Uhr statt.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2023 „Zukunft“ (PDF).