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Beim Lernen helfen – Theresa Jakob arbeitet während des Studiums an einer Grundschule

Theresa Jakob
Foto : Tobias Hopfgarten
Theresa Jakob ist Lernbegleiterin an der Grundschule in Brück.

Immer freitags wird der Klassenbriefkasten geleert. Aber diesmal bekommen nicht nur die Schülerinnen und Schüler Post. Auch für Theresa Jakob gibt es eine Postkarte – damit hat die Lehramtsstudentin nicht gerechnet. Darauf zu lesen sind zwei Fragen: „In welcher Klasse warst du denn damals? Warst du auch bei der Lehrerin, bei der wir jetzt sind?“ Geschrieben haben die Postkarte Kinder einer vierten Klasse an der Grundschule in Brück, die Theresa Jakob als Lernassistentin unterstützt. Sie ist eine von fast 500 Studierenden, die an Brandenburgs Schulen helfen Lernrückstände aufzuholen.

Ab März 2020 stellte die Pandemie den Lehrbetrieb im ganzen Land auf den Kopf. Schulen wurden geschlossen, während der Unterricht digital funktionieren musste. Fachlich wie sozial blieb dabei einiges auf der Strecke. Das Land Brandenburg rief deshalb im August 2020 das Programm „Studentische Lehr-Lernassistenzen an Brandenburger Schulen“ ins Leben. Das Zentrum für Lehrerbildung der Universität Potsdam (ZeLB) half die Bildungsstätten und angehenden Lehrkräfte zusammenzubringen. Dr. Julia Jennek, Referentin für Schulpraktische Studien am ZeLB, erzählt: „Einerseits brauchten die Schulen dringend Unterstützung, andererseits hatten viele Lehramtsstudierende pandemiebedingt ihre Jobs verloren. Innerhalb weniger Tage stellten wir dann die Vermittlungsplattform lernassistenz.de online, die bisher von über 1.000 Studierenden und allen Schulen in Brandenburg genutzt wurde.“ So hat auch Theresa Jakob ihre Stelle gefunden.

Sie will Grundschullehrerin werden und studiert dafür im vierten Bachelorsemester Deutsch und Sachunterricht. Schon seit September 2021 arbeitet sie als Lernassistentin. Zu früh? Keinesfalls, meint Theresa Jakob. Auch wenn ihr das fachliche Wissen am Anfang noch fehlte: Die Praxiserfahrungen parallel zum Studium seien ein Vorteil. „Das Referendariat beginnt erst nach fünf Jahren. Ich finde das recht spät“, sagt sie. „Das Projekt nimmt einem die Angst davor. Die Theorie, die die Uni vermittelt, wird direkt in die Praxis umgesetzt.“

Besonders die Plätze an Potsdamer Schulen seien bei allen studentischen Bewerberinnen und Bewerbern begehrt. Theresa Jakob hat sich aber für eine Bildungseinrichtung auf dem Land entschieden: für die Grundschule in Brück, an der sie selbst Schülerin war. „So kann ich meiner Schule etwas zurückgeben“, erzählt sie. Der Kreis schloss sich, denn ihre ehemalige Klassenlehrerin wurde ihre Mentorin.

Die Lernbegleiterinnen und -begleiter sollen die Lehrkräfte im und außerhalb des Unterrichts unterstützen. Theresa Jakob ist zwei Tage pro Woche an der Grundschule. In Deutsch betreut sie meist Kinder, die Probleme haben – sei es mit der Konzentration oder auf sprachlicher Ebene. „Ich gehe einzeln mit ihnen Texte durch oder wir wechseln uns beim Schreiben ab. Manchmal ‚übersetze‘ ich etwas in andere Worte, damit die Schülerin oder der Schüler es besser versteht“, beschreibt die Studentin ihre Aufgaben. Lernrückstände auszugleichen, war das Ziel des Programms. Theresa Jakob ist aufgefallen, wie unterschiedlich die Niveaus der Kinder waren. „Man merkt, welche Kinder Unterstützung von den Eltern erhalten haben“, sagt sie. Die Unterschiede hätten sich jedoch mittlerweile verringert.

Das Projekt „Studentische Lehr-Lernassistenzen“ wird im Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ von Bund und Ländern gemeinsam bis Ende des Schuljahres 2022/23 weiter gefördert. Für Theresa Jakob dürfte noch mehr Werbung dafür gemacht werden: „Es ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten: die Lehrkräfte, die Studierenden und die Kinder.“ Sie habe schon mehrere Kommilitonen angeregt mitzumachen. Ihre Mentorin Petra Jandt sieht es ähnlich. „Es ist tatsächlich so, dass wir ständig eine Lernassistenz brauchen können, da die Voraussetzungen der Kinder sehr unterschiedlich sind. Viele haben Leistungsschwächen oder einen Förderstatus. Ich halte enorm viel von der Lernassistenz: ein Gewinn für alle am Lernen Beteiligten.“

Die Kinder gewöhnten sich schnell an die Studentin. Nur ihre eigene Rolle musste Theresa Jakob für sich finden: „Man ist keine Schülerin mehr und auch noch keine volle Lehrkraft, sondern etwas dazwischen. Ich musste den Schüler*innen erstmal erklären, dass ich selbst noch lerne.“ Für sie ist es auch deswegen mehr als nur ein Nebenjob. Die Studentin hat für ihren eigenen Weg schon viel mitgenommen: „In der Uni lernt man, den Unterricht Minute für Minute zu planen. Die praktische Erfahrung zeigt: Man kann noch so viel planen, man hat nicht alles unter Kontrolle. Und man sollte nicht nur die Inhalte lehren, sondern auch eine Bezugsperson für die Schüler*innen sein und auf sie eingehen.“

Apropos „darauf eingehen“: Wie ging es mit der Postkarte weiter? „Ich habe auf sie geantwortet und danach noch ein paar Fragen geschickt bekommen. Die erste Karte ist seitdem immer in meiner Tasche. So etwas hebt man sich auf“, sagt Theresa Jakob. „Es sind Kleinigkeiten, an denen ich sehe, dass die Kinder an mich denken. Das ist schön.“

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2022 „Artensterben“ (PDF).