Gutes Erwachen – Forschungsprojekt zur Delirprävention wird ausgezeichnet und für die Praxis empfohlen

Ein Arzt und sein Patient
Sozial- und Präventivmediziner Prof. Michael Rapp
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Forschende haben eine Intervention entwickelt, mit der das Risiko für Delirien nach Operationen drastisch verringert werden kann. Nun soll sie flächendeckend umgesetzt werden.
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Sozial- und Präventivmediziner Prof. Michael Rapp

Chirurgische Eingriffe sind nicht nur körperlich anstrengend, sie haben häufig auch schwerwiegende Nebenwirkungen. Gerade ältere Menschen erleben nach Operationen Verwirrtheitszustände, sogenannte Delirien, bei denen Bewusstsein und Aufmerksamkeit stark eingeschränkt sind und nicht selten Folgeschäden drohen. Ein Forschungskonsortium, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Potsdam um den Sozial- und Präventivmediziner Prof. Dr. Michael Rapp beteiligt sind, konnte zeigen, dass sich das Delirrisiko mithilfe einer Präventionsintervention deutlich reduzieren lässt. Nun wurde das Projekt mit dem Dr. Theo und Friedl Schöller-Preis ausgezeichnet. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis wird vom Klinikum Nürnberg vergeben, um Forschungsprojekte fördern, die geeignet sind, die vielfältigen Herausforderungen der Versorgung älterer Menschen positiv zu gestalten. Außerdem hat der Projektförderer – der Gemeinsame Bundesausschuss, das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen – empfohlen, die Erkenntnisse von PAWEL in die Gesundheitsversorgung zu überführen. Der Ritterschlag für die Forschung von Michael Rapp und seinem Team. Matthias Zimmermann sprach mit ihm über die Ergebnisse des Projekts und was aus ihnen folgt.

Sie haben Ende 2021 die Ergebnisse des Forschungsprojekts PAWEL vorgestellt, das sich mit Delirprävention nach Operationen beschäftigt. Worum geht es dabei – und was haben Sie herausgefunden?

Bei den Ende 2021 veröffentlichten Ergebnissen handelte es sich um erste Analysen zur Wirksamkeit eines multimodalen und multiprofessionellen Interventionsprogramms, dessen Ziel die Prävention von postoperativen Delirien (POD) und postoperativen kognitiven Dysfunktionen (POCD) ist. Diese Erkrankungen treten verstärkt bei älteren PatientInnen nach operativen Eingriffen auf. Da die Zahl solcher Eingriffe und damit auch der negativen Folgen zunimmt, rücken sie zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Forschung. Auftretende Delirien oder kognitive Dysfunktionen sorgen bei PatientInnen z.B. für längere Krankhausaufenthalte und längere Rekonvaleszenzzeiten oder machen gar eine Einweisung ins Pflegeheim notwendig, um nur einige der Auswirkungen zu nennen. Zudem spielen natürlich die gesundheitsökonomischen Folgekosten eine wichtige Rolle. Ziel war es also nicht nur, mithilfe von Interventionsmaßnahmen Delirien und POCD vorzubeugen, sondern auch deren Kosten zu berücksichtigen und zu analysieren.

Die PAWEL-Studie hat zeigt, dass die Intervention bei nicht-herzchirurgischen Elektiveingriffen das Auftreten eines postoperativen Delirs in der untersuchten Stichprobe signifikant verringert hat. Zudem belegt eine weitere Analyse, dass die Intervention auch auf das Auftreten einer postoperativen kognitiven Dysfunktion einen positiven Einfluss hat, auch wenn dies nicht bei allen PatentInnen der Fall war. Außerdem wurde innerhalb des Projekts ein einfach einsetzbares Delirrisikoscreening angestoßen, zu dem bereits erste Ergebnisse vorliegen. Nicht zuletzt wurde belegt, dass die Einnahme von sogenannten delirogenen, also delirfördernden Medikamenten das Delirrisiko erhöht [mehr lesen].

Ein halbes Jahr später hat der Projektförderer, der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), das Projekt „als erfolgsversprechend für eine bessere Patientenversorgung eingestuft“. Was bedeutet das?

Dies bedeutet, dass der gBA, als Organ der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens in Deutschland, die Umsetzung einer Delirprävention nach den Prinzipien des PAWEL Projektes im Gesundheitswesen empfiehlt. So wurde die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) beauftragt, die Delirprävention in Krankenhäusern zu planen und zu entwickeln. Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) soll dazu Vertragsgestaltungen mit den Krankenhäusern anbieten, die die Implementierung ermöglichen. Schließlich werden die wissenschaftlich medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) aufgefordert, die Ergebnisse des PAWEL Projektes in die relevanten Behandlungsleitlinien aufzunehmen. Damit wird die Delirprävention für ältere Menschen im Krankenhaus nach den Prinzipien des PAWEL-Projekts Bestandteil guter klinischer Praxis.

Wie kann der Transfer der Forschungsergebnisse der PAWEL-Studie in die Gesundheitsversorgung konkret gelingen?

Schlüssel sind sicherlich die individuellen Verhandlungen zwischen Krankenhäusern und Krankenkassen. Gleichzeitig wollen die Projektbeteiligten in Zusammenarbeit mit den Fachgesellschaften Schulungen zur Delirprävention anbieten, die die bundesweite Implementierung unterstützen können. Das wird jetzt ein spannender Prozess, den wir eng beobachten und begleiten werden.

Wie geht es jetzt weiter? Was ist geplant?

Bisher haben wir nur den Interventionsteil der Studie veröffentlicht. Für uns gibt es aber noch viele spannende Fragen dazu, wie ein Delir entsteht, welche weiteren Ursachen eine Rolle spielen und wie die Langzeitverläufe aussehen. Dazu sind zahlreiche weitere Veröffentlichungen zu unterschiedlichen Aspekten des Forschungsprojektes geplant oder in Vorbereitung. Gleichzeitig haben wir mit den Beteiligten ein gemeinsames Projekt zur Erstellung einer S3 Leitlinie zur Delirprävention im ebenfalls G-BA geförderten Projekt DELEIhLA begonnen. Die Implementierung dieser Leitlinien in die deutsche Krankenversorgung ist deshalb bedeutsam, weil Leitlinien gute klinische Praxis definieren und de facto von PatientInnen und Angehörigen einklagbar sind. Leitliniengerechte Behandlung ist für viele Krankenhäuser nicht nur deshalb zentral, was die Implementierung der Delirprävention für Ältere fördern könnte.

Was nehmen Sie für Ihre Forschung aus dem Projekt mit? Gibt es offene Fragen, Anschluss- oder Folgeprojekte?

Wir konnten für eine Auswahl an verschiedenen Elektivoperationen die Wirksamkeit des eingesetzten Interventionsprogramms AKTIVER zeigen. Neben den bereits genannten Fragen wird es interessant sein, ob die Intervention auch bei Delirien wirksam ist, die durch internistische Erkrankungen (also nicht durch Operationen) ausgelöst wurden. Hierzu bereiten wir gerade Folgeanträge vor.

Weitere Informationen zur Empfehlungen des Gemeinsamen Bundesausschusses: https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1054/
Weitere Informationen zum Dr. Theo und Friedl Schöller-Preis: https://www.klinikum-nuernberg.de/DE/aktuelles/neuigkeiten/20221024_Schoeller.html

Veröffentlicht

Online-Redaktion

Sabine Schwarz