Deutschlehrerin auf Social Media – Eine Studentin zeigt ihren Followern, wie Studieren auf Deutsch geht

Studentin Kristin Howitts
Foto : Marissa Haas
Studentin Kristin Howitts

Was ist typisch Deutsch? Weißwurst oder Kuckucksuhren? Die Antwort scheint bodenständiger: das Pfandsystem. Als Kristin Howitt bemerkte, dass ihr deutscher WG-Mitbewohner Flaschen sammelte, dachte sie noch, er sei Künstler. Aber er entwarf keineswegs avantgardistische Gebilde aus Kunststoff. Damals lernte die Studentin aus den USA, dass Leergut in Deutschland bare Münze bringt und zur Alltagskultur gehört. Über solche Situationen stolpern aus dem Ausland kommende Studentinnen und Studenten zwangsläufig. Kristin Howitt lehrt deshalb deutsche Sprache und Kultur für Studierende online: Sie hilft bei der Vorbereitung für die Sprachprüfung. Aber auch universitäre und länderspezifische Besonderheiten bereitet sie in Posts und Reels für ihre Instagram-Follower auf.

Am Anfang war Deutsch nur ihre Leidenschaft, denn Kristin Howitt studierte in ihrer Heimat an der University of Mississippi Maschinenbau. Für den Master wollte sie nach Deutschland gehen. Dass sie sich professionell auf die Sprache fokussierte, dazu kam es erst später. Mit einem Umweg über die Computerlinguistik studiert sie seit Herbst 2021 als eine der ersten den Masterstudiengang „Linguistik im Kontext“ an der Universität Potsdam.

Das Studienfach bereichert ihr Projekt: Was sie über Deutsch und die Kultur vor Ort gelernt hat, teilt sie seit zwei Jahren auf ihrem Instagram-Account „Deutsch mit Kris“. Während die Studentin sich auf den Sprachtest „TestDaF“ vorbereitete, war Social Media eine Quelle für Lerntipps. „Ich dachte, das kann ich auch“, erinnert sie sich. Gesagt, getan: Sie informiert auf Instagram beispielsweise darüber, wie sich „kein“ oder „nicht“ unterscheiden oder wie man mit der Ausländerbehörde telefoniert. Mittlerweile hat ihr Profil über 41.000 Follower. Weil sie selbst Deutsch gelernt hat, kann Kristin Howitt die Lernenden nur zu gut verstehen, wenn es um Prüfungsstress oder Kulturschocks geht. Das wissen die Schülerinnen und Schüler, die sie bisher begleitet hat, zu schätzen.

Zum Deutschen ist sie mit 16 Jahren gekommen, als sie an ihrer Highschool im Spanischunterricht eine deutsche Austauschschülerin kennenlernte. Fasziniert von der Sprache ergriff Kristin Howitt die Initiative. „Ich habe damals die Schule gewechselt, weil an meiner alten kein Deutsch angeboten wurde“, erzählt sie.

In ihrem jetzigen Studienfach kann sie diese Begeisterung für die deutsche Sprache nutzen und weiterentwickeln. Sie hatte bereits Kurse dazu, wie die Erstsprache den Zweitspracherwerb beeinflusst. Daran erklären sich oft Fehler. Genauso spannend war ein Seminar über die unterschiedlichen Lernstufen des Deutschen. Wer die Verb-Zweitstellung verstehen will, muss erst einmal wissen, dass für einen einfachen Hauptsatz ein Substantiv und ein Verb reichen: Tom geht. Logisch, aber essenziell, um die Sprache zu vermitteln. Kristin Howitt erwirbt so Hintergrundwissen, das sie in ihr Instagram-Projekt direkt einbringen kann.

Das Studium und der Social-Media-Account laufen bei ihr parallel. Ihren bisherigen Job als Tutorin wird sie in diesem Semester aus Zeitnot nicht weitermachen. „Gerade ist es viel auf einmal. Ich habe kaum Freizeit“, sagt sie. „Aber es macht alles Spaß.“ In den vergangenen Wochen hat die Studentin nur einem Schüler Privatunterricht gegeben. Jede freie Minute floss in den Aufbau ihres Onlinekurses, den sie Ende August auf den Markt gebracht hat. Der Einzelunterricht soll einem integrierten Gruppenunterricht weichen. Ein eigenes Business aufzubauen, fordert sie. „Mehr Schlaf könnte ich vertragen“, schmunzelt Kristin Howitt. Aber die junge Frau hat eine Nische für sich gefunden – Deutsch für Studieninteressierte – und kann sich damit von den Konkurrentinnen auf Instagram absetzen.

Der neue Onlinekurs ist – wie bislang der Privatunterricht – für Lernende, die die Mittelstufe bereits erreicht haben und nach dem Europäischen Referenzrahmen Niveau B1 beherrschen. Viele, mit denen sie Kontakt hat, wohnen schon in Deutschland und machen ein Austauschsemester, sind Au-pair oder Sprachschülerinnen und -schüler. Sie kommen aus der Türkei, dem Iran, Marokko, Indien, den USA, Italien oder Spanien – an Orten, an denen Bildung teuer ist oder die politische Lage unsicher, hätten viele Interesse, nach Deutschland zu kommen.

„Bei vielen entstehen Fragen, von denen sie nicht wussten, dass sie sie überhaupt haben“, erzählt die Studentin von den Schwierigkeiten, mit denen Austauschstudierende zu kämpfen haben. Unterschiede zwischen ihrer Heimat und Deutschland lassen sich sowohl im Alltag als auch an der Universität ausmachen. Was ist ein Prüfungsausschuss? Wie funktioniert die Ausländerbehörde? Was ist das akademische Viertel? „Viele glauben, dass der Sprachtest das Schwierigste war, und springen dann in Deutschland ins kulturelle kalte Wasser“, sagt Kristin Howitt.

Für die Zukunft wünscht sie sich, noch mehr Deutschlernende unterstützen zu können. Eine muttersprachliche Lehrkraft und einen Grafiker oder eine Grafikerin würde sie längerfristig auch gern mit ins Boot holen. Außerdem möchte sie selbst in Deutschland bleiben, auch wenn sich die Wahlhauptstädterin von Berlin durchaus trennen könnte. „Es ist eigentlich zu groß“, meint sie.

Deutsch gilt bei vielen als komplizierte Sprache. Unterschiedliche Artikel und Fälle, aber auch lange Wörter, wie Donaudampfschifffahrtsgesellschaft, und schwierige Laute – ch oder die Umlaute – lassen die Köpfe der Lernenden rauchen. Wie lernt man die Sprache nun am besten? Kristin Howitts Tipp dazu ist einfach und auch für andere Sprachen anwendbar: Jeden Erfolg feiern. „Heute musst du versuchen, besser zu sein als gestern. Und wenn es nicht geht, dann probierst du es morgen wieder.“