Wie Diplomatinnen und Diplomaten streiten – Prof. Manfred Stede und Karolina Zaczynska erforschen Konfliktverläufe im UN-Sicherheitsrat

Karolina Zaczynska (linsk) und Prof. Manfred Stede (rechts) sitzen am Schreibtisch und geben ein Interview
Foto : Thomas Roese
Karolina Zaczynska und Prof. Manfred Stede im Interview

„In den 15 Jahren seit der Verabschiedung der bahnbrechenden Resolution 1325 des Sicherheitsrates über Frauen, Frieden und Sicherheit haben wir bedeutende Fortschritte erzielt“, beginnt die Diplomatin Carolyn Schwalger aus Neuseeland ihren Redebeitrag. Der UN-Sicherheitsrat beschäftigt sich in seiner Women, Peace und Security-Agenda seit 2000 mit der Rolle der Frauen in Konflikten und Fragen der Gleichberechtigung. Auch am 28. März 2016 stand das Thema auf der Tagesordnung. Nach dem Lob lässt Carolyn Schwalger ein „Aber“ folgen: „Die praktische Umsetzung hinkt jedoch hinterher, insbesondere was die Beteiligung von Frauen an Konfliktprävention und -lösungsprozessen betrifft.“ Es sind Stellen wie diese, die sich der Computerlinguist Prof. Dr. Manfred Stede und seine Mitarbeiterin Karolina Zaczynska genauer anschauen. In ihrem Projekt untersuchen sie Debatten des UN-Sicherheitsrats mithilfe computerlinguistischer Verfahren. Die Technik ermöglicht es, große Datenmengen zu verarbeiten und diplomatische Sprache systematisch zu erforschen.

„Frieden und Sicherheit“ sind nicht selbstverständlich und setzen Kommunikation voraus. Deshalb besprechen sich die Diplomaten im Weltsicherheitsrat fast täglich. Alle Sitzungen werden dokumentiert, ihre Abschriften stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung. Und sie sind ein Datenschatz für die Wissenschaft: „Vor zwei Jahren wurden die Protokolle der UNSC-Sitzungen erstmals als maschinell lesbares Textkorpus zur Verfügung gestellt“, erzählt Manfred Stede. „Das machte ihre computerlinguistische Untersuchung möglich.“ Durch seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Politikwissenschaftler Dr. Ronny Patz entstand die Idee, das umfangreiche englischsprachige Material zu analysieren. Die Politikwissenschaft soll die aufbereiteten Daten leichter weiterverarbeiten können. „Wir wollen das mühsame Nachlesen in PDF-Dateien erleichtern“, sagt der Linguist. Die Potsdamer Forschenden kooperieren dafür auch mit zwei Kollegen der University of Dundee in Schottland.

Verfeinerte Annotationen

Für die Computerlinguistik räumt Manfred Stede ein: „Die diplomatische Sprache ist bisher herzlich wenig untersucht.“ Konflikte an sich sind kein Neuland in seinem Fachbereich: Eindeutige Meinungsäußerungen und Streitsituationen können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in anderen Textsorten recht zuverlässig herausarbeiten. Doch die höfliche Sprache der Diplomatie erschwert das maschinelle Arbeiten. Auf vorhandene Werkzeuge der Konfliktforschung zurückzugreifen, reicht laut Manfred Stede nicht aus. Die Forschenden müssen daher ein erweitertes System für ihre Text-Annotationen entwickeln, welche die maschinelle Verarbeitung diplomatischer Sprache erst möglich machen. Daran arbeiten sie gerade. Anhand vieler Beispiele und Gegenbeispiele schreiben die Verantwortlichen detaillierte Richtlinien, mithilfe welcher Wörter oder Formulierungen Konflikte angedeutet werden. Auf ein nuanciertes „wir sollten“ müssen sie dabei genauso achten wie auf ein deutliches „wir sind dagegen“. Sind die verfeinerten Vorgaben nach mehreren Bearbeitungsrunden erprobt, nehmen studentische Beschäftigte die ersten Annotationen in den ausgewählten Protokollen vor: Das heißt, sie kennzeichnen die Stellen, die linguistisch relevant für die Konflikte sind.

Diese manuell bearbeiteten Daten nutzt anschließend der Computer, um selbstständig weiteres Material zu analysieren, zu kennzeichnen und dabei auch zuverlässig Muster zu erkennen. Diese wertet das Team dann aus. Dabei wollen sie konkret der These nachgehen, dass diplomatische Konflikte vor allem über rechtfertigende Argumentationsmuster ausgetragen werden. Manfred Stede meint: „Die verschiedenen Parteien rechtfertigen ihr Abstimmungsverhalten – was sie tun und was sie nicht tun. Das ist gut sprachlich unterscheidbar.“ Andere Argumentationstypen, wie etwa das Belegen der Wahrheit einer bestimmten Aussage, werden tendenziell anders formuliert.

Konfliktverläufe nachvollziehen

Die Forschenden können mithilfe des fast eine Million Wörter umfassenden Textkorpus, das aus Protokollen von über 25 Jahren besteht, aber nicht nur einzelne Konfliktmomente untersuchen. Sie möchten gerade die Verläufe von strittigen Themen über Jahre hinweg nachzeichnen. Karolina Zaczynska erläutert: „So können wir klären, ob sich Argumente in ihrer Deutlichkeit oder in den gegebenen Begründungen verändert haben.“ Die Beteiligten hoffen, so einen Mehrwert für die Konfliktforschung zu liefern.

Die Forschenden schauen sich im Projekt unterschiedliche Arten von Konflikten an: Indirekte, bei denen nur der strittige Gegenstand angesprochen wird, ebenso wie direkte Auseinandersetzungen, wenn ein Staat sich an einen anderen wendet. „Wie Konflikte ausgedrückt werden, ist stark vom Thema abhängig. Liegt beispielsweise eine militärische Auseinandersetzung vor, erwarten wir mehr direkte Reaktionen“, sagt Karolina Zaczynska.

Begonnen haben die Annotationsarbeiten an der Women, Peace und Security-Agenda, auf die sich die Forschenden als eines von drei Themengebieten konzentrieren. Sie werden außerdem Debatten zum seit 2014 bestehenden Ukrainekonflikt und dem Klimawandel analysieren. Aber welche der zahlreichen Protokolle sind für die Untersuchungen relevant? Um das herauszufinden, greift das Team auf Metadaten zurück, die bereits in den UNSC-Protokollen vermerkt sind. Dank der Zusatzinformationen wissen sie direkt, welche Diplomatin oder welcher Diplomat aus welchem Land zu welchem Thema gesprochen hat. Was leider nicht aus den Metadaten hervorgeht, ist die Art der Redebeiträge: Für die UNSC-Sitzungen werden zunächst Reden vorbereitet und vorgelesen. Spannend wird es für das Team aber vor allem dann, wenn sich ein Staat spontan zu Wort meldet. Ob man diese Redearten automatisch voneinander unterscheiden kann, soll im Projekt auch aus computerlinguistischer Sicht geklärt werden.

Monologe und Dialoge analysieren

In der anschließenden Projektphase sollen die Annotationsdaten mithilfe der Rhetorical Structure Theory ausgewertet werden. „Diese Theorie geht davon aus, dass ein zusammenhängender Text in einer Baumstruktur dargestellt werden kann. Das Ergebnis einer RST-Analyse soll die Absicht des Autors aus Sicht des Lesers rekonstruieren“, erklärt die Computerlinguistin Karolina Zaczynska. Die Textabschnitte werden ihrer Funktion nach bestimmt und zueinander in Beziehung gesetzt. Dabei gibt die Theorie bestimmte Relationen zwischen Textabschnitten vor. So entstehen Baumdiagramme mit hierarchischen Strukturen. Das „Aber“ von Diplomatin Carolyn Schwalger ist zum Beispiel eine Einschränkung zur vorher gemachten Aussage. Aus den Baumdiagrammen werden dann Statistiken erstellt. Anhand dieser können die Forschenden beispielsweise sehen, wie häufig und wie umfangreich begründet wird.

Die Rhetorical Structure Theory ist besonders für Redebeiträge einzelner Sprecherinnen und Sprecher geeignet, auf die sich die Potsdamer Forschenden spezialisiert haben. Setzen sich die Diskussionspartner in einem Dialog auseinander, untersuchen die Forscher aus Dundee mithilfe einer anderen Theorie, die Inference Anchoring Theory (IAT) genannt wird, das Material der UNSC-Sitzungen. Sie beschäftigen sich damit, wie Schlussfolgerungen entstehen, wenn zum Beispiel Sprechende im Dialog bestimmte Regeln befolgen. Dialoge und Diskurse stellen einen besonders anspruchsvollen Bereich innerhalb der Sprachanalyse und -modellierung dar. IAT ist eine Theorie, die das Analysieren von sogenannten illokutionären Sprechakten für Diskurse unterstützt. Ein illokutionärer Akt ist ein Fachbegriff der Pragmatik und bezeichnet die durch Sprache vollzogenen Handlungen wie die des Behauptens, Herausforderns, Argumentierens, Versprechens, Bittens usw. IAT bezieht dafür die kontextuellen Informationen, die durch dialogische Informationen angeboten werden, in die Annotationen der Sprachakte ein.

Mehrwert für viele Disziplinen

Auch wenn das Projekt mit dem Ziel gestartet ist, vor allem der Politikwissenschaft ein Hilfsmittel an die Hand zu geben, werden auch andere Disziplinen und Institutionen von den Ergebnissen profitieren können. „Die Sozialwissenschaften freuen sich über belastbare Daten“, weiß Manfred Stede. Zudem hat der Potsdamer Teil der Forschungsgruppe Kontakt zur Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen. „Sie sind sehr daran interessiert, dass die Sprache der UN großflächig analysiert wird“, so der Professor. Vorstellbar ist, dass sich Erkenntnisse über die deutsche Rolle während einer Mitgliedschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gewinnen lassen. Bis dahin leisten die Forschenden mit ihrem Projekt wichtige Grundlagenarbeit zum ganzheitlichen Verständnis der diplomatischen Sprache.

Das Projekt

Trajectories of Conflict: The Dynamics of Argumentation in the UN Security Council

Beteiligt: Prof. Dr. Manfred Stede, Karolina Zaczynska, Prof. Dr. Chris Reed (University of Dundee), Dr. Alexandru Marcoci (University of Dundee), Dr. Ronny Patz (externer Berater, Hertie School Berlin)
Laufzeit: 2021–2024
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Arts and Humanities Research Council (AHRC)

http://angcl.ling.uni-potsdam.de/projects/trajectories.html

Die Forschenden

Prof. Dr. Manfred Stede studierte Informatik und Linguistik an der Technischen Universität Berlin und wurde 1996 in Informatik an der Universität Toronto promoviert. Seit2001 ist er Professor für Angewandte Computerlinguistik an der Universität Potsdam.
E-Mail: manfred.stedeuni-potsdamde

Karolina Zaczynska studierte Computerlinguistik und Polonistik an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Sie forschte am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Berlin und promoviert seit 2021 an der Universität Potsdam.
E-Mail: karolina.zaczynskauni-potsdamde

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Zwei 2022 „Mensch“ (PDF).