Die Aufklärung der Aufklärung – Prof. Dr. Thomas Khurana über das neue Center for Post-Kantian Philosophy

Portrait von Prof. Dr. Thomas Khurana
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Prof. Dr. Thomas Khurana

In Zeiten der ökologischen Krise brauchen wir eine Politik der Natur, sagt Thomas Khurana, Professor für Philosophische Anthropologie und Philosophie des Geistes an der Universität Potsdam. Wie diese aussehen könnte, ist eine der Fragen, die im neuen Center for Post-Kantian Philosophy (CPKP) an der Philosophischen Fakultät diskutiert werden. Das Center wurde zum Wintersemester 2021/2022 auf Initiative von Thomas Khurana eingerichtet und hat sich zum Ziel gesetzt, der kritischen Auseinandersetzung mit der post-kantischen Tradition Raum zu geben. Beteiligt sind auch die Professuren für Politische Theorie, für Ethik und Ästhetik sowie für theoretische Philosophie. Im Interview erzählt Khurana von den Spuren des Philosophen Immanuel Kant in der Gegenwart und die (selbst-)kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe der Aufklärung.

Wie entstand die Idee, das Center für Post-Kantian Philosophy an der Universität Potsdam einzurichten?

Das Feld der post-kantischen Philosophie hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Es gibt hier eine richtige Welle interessanter neuer Arbeiten, die sich dem post-kantischen Denken auf eine breitere und offenere Weise zuwenden und der Philosophie der Gegenwart neue Impulse geben. Diese Arbeiten lassen problematische Trennungslinien zwischen analytischer und kontinentaler Tradition hinter sich, vereinen historische und systematische Perspektiven und erweitern sich auch mit Blick auf nicht-europäische Diskussionen. In Potsdam finden wir gleich eine ganze Reihe von Professuren, die in diesem Feld aktiv sind und jedes Jahr internationale Gastwissenschaftler:innen aus diesem Bereich anziehen. Mit dem neuen Center gibt es für sie nun einen gemeinsamen Ort für Austausch und Vernetzung.
 
Was macht die post-kantische Philosophie aus – wie stark ist sie Immanuel Kant als prägender Figur der Aufklärung verbunden, inwieweit löst sie sich vom kantischen Denken?

Ich denke, man kann die post-kantische Tradition tatsächlich nur im Ausgang von Kant verstehen. Das gilt nicht in dem Sinne, dass diese in sich diverse Tradition Kant in allem zustimmen würde oder seinen Grundideen unverbrüchlich verpflichtet bliebe. An Kant führt hier vielmehr deshalb kein Weg vorbei, weil man auch die kritischen Züge dieser Tradition gegen Kant nur vor dem Hintergrund jener Revolution der Denkungsart verstehen kann, die Kant eingeleitet hat. Ein Element, das dabei auch diejenigen, die über Kant hinausgehen wollen, nachhaltig prägt, ist das Motiv einer Selbstkritik der Vernunft. Diese Idee weist über die Idee der Aufklärung noch hinaus, wenn man mit Aufklärung nur meint, eine von der Vernunft geleistete Aufklärung unvernünftiger Verhältnisse. Was Kant fordert, ist eine Aufklärung der Vernunft über sich selbst, eine Aufklärung, die sich also auch kritisch gegen die Vernunft selbst wenden kann und darum das Projekt einer Aufklärung der Aufklärung eröffnet. Der Streit innerhalb der post-kantischen Tradition bezieht sich auf die Frage, was dies erfordert: Bedarf es für eine fundamentale Selbstkritik der Vernunft vor allem einer Vervollkommnung und Vollendung der kantischen Revolution oder führt uns diese Selbstkritik an den Punkt, an dem eine Gegenbewegung gegen die von Kant initiierte Umwendung nötig wird?

Das CPKP will „die Einsichten und Grenzen des post-kantischen Denkens mit Blick auf die drängenden epistemischen, sozialen, politischen und ökologischen Fragen unserer Gegenwart entwickeln“. Welche Fragen sind das und welche Antworten kann die Philosophie darauf geben?

Das ist für uns selbst noch eine ganz offene Frage. Drei Komplexe interessieren mich persönlich dabei im Moment besonders: In epistemischer Hinsicht scheint es mir elementar, das Verhältnis von Wahrheit und Gerechtigkeit angesichts des gegenwärtigen Strukturwandels der Öffentlichkeit neu zu befragen. Die Philosophie der letzten Jahre hat hier unter dem Titel der „epistemischen Ungerechtigkeit“ neue Ansätze hervorgebracht, die untersuchen, wie Diskriminierung, Ausschluss und Herrschaft durch epistemische Praktiken hervorgebracht werden, die es kritisch zu reflektieren gilt.
Ein zweiter Komplex ist die Frage, inwiefern gegenwärtige Gestalten der Freiheit fundamental auf Unterdrückung und Unfreiheit beruhen. Das ist eine Frage, die die kantische und post-kantische Tradition ganz direkt betrifft, da gegenwärtig vermehrt diskutiert wird, inwieweit diese Tradition Freiheit so gedacht hat, dass ihre Hervorbringung Formen der Unterdrückung unserer selbst und der Unterdrückung von anderen erfordert. Der Verdacht steht im Raum, dass die Freiheit, die die post-kantische Tradition gedacht hat, in bestimmtem Sinne kolonial ist.

Der dritte Komplex ist unser Verständnis des Verhältnisses von Geist und Natur, das sich in der gegenwärtigen ökologischen Krise fundamental infrage gestellt sieht. Im Moment beschäftigen wir uns in diesem Kontext mit der Planung einer Konferenz zu der These, dass wir in ein neues Erdzeitalter, das Anthropozän, eingetreten sind. Die Philosophie hat hier natürlich keine besondere Autorität, was die empirischen Fakten angeht, die dafür oder dagegen sprechen, dass tatsächlich ein neues geologisches Zeitalter begonnen hat; und sie hat auch keine Vorrechte in der Beantwortung der praktisch-politischen Frage, wie wir angesichts dieser Veränderungen den Wandel bewältigen können. Aber die Philosophie kann uns dabei helfen, zu verstehen, wie fundamental die gegenwärtigen Wandlungen unser Selbstverständnis und unsere Lebensweise herausfordern. Der Ausgangspunkt unserer Tagung im Oktober 2022 ist die Annahme, dass wir das Verhältnis von Natur, Geist und Gesellschaft grundsätzlich neu verstehen müssen und dass wir ein völlig neues Paradigma von Politik benötigen: eine Politik der Natur, die in Spannung steht zum neuzeitlichen Denken des Politischen.

Wie könnte so eine Politik aussehen?

Ich hoffe, das Tagungsreferent:innen uns dabei helfen, eine Antwort zu finden. Ein wichtiger Ausganspunkt für die Reflexion darüber, was eine Politik der Natur sein könnte, ist zunächst einmal die Einsicht, dass die dominanten Paradigmen des Politischen an den gegenwärtigen Krisen an ihre Grenze geraten. Das gilt nicht nur in der viel diskutierten Hinsicht, dass wir hier auf globale Dynamiken immer noch vorwiegend mit den unzureichenden Mitteln nationalstaatlicher Politik reagieren. Es gilt in dem tieferen Sinne, dass wir es bei den relevanten ökologischen Dynamiken mit Prozessen zu tun bekommen, die nicht in unser bisheriges Raster fallen. Unser Verständnis des Politischen ist zutiefst geprägt von eine grundsätzlichen Opposition von Gesellschaft und Natur, von einem Reich der Freiheit und einem Reich der äußeren Notwendigkeit. Das heißt, wir stützen uns in unseren Diskussionen gerne auf einen Kontrast zwischen dem, was Gegenstand politischer Entscheidung und Verhandlung sein kann, einerseits, und unbeeinflussbaren Rahmenbedingungen, die sich solchem Zugriff entziehen, andererseits. Es ist ein Reflex kritischen Denkens, behaupteten Sachzwängen („Der Staat kann das Geld nicht schneller ausgeben, als die Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, es zu erwirtschaften“), unbeeinflussbare Rahmenbedingungen („das sind die Gesetze des Marktes“) und Rhetoriken der Alternativlosigkeit („Diese Maßnahme ist alternativlos“) stets zu misstrauen. Man versucht zu zeigen, dass die Sachzwänge, Rahmenbedingungen und Alternativlosigkeiten menschlich konstruiert sind, will die dafür Verantwortlichen stellen und den Schein künstlicher Zwänge durchbrechen.

An den natürlichen Dynamiken, mit denen wir es gegenwärtig zu tun bekommen, läuft eine solche Kritik gleichsam ins Leere: Der Umstand, dass wir es mit menschengemachten Dynamiken zu tun haben, heißt nicht, dass wir diese nun einfach abstellen können. Wir haben Prozesse angestoßen, die uns über Jahrhunderte oder Jahrtausende verfolgen werden und die weder einfach kontrollierbar sind, noch durch Verhandlungsangebote zu einer Umkehr zu bewegen sind. Man hat in der aktuellen Pandemie schön gesehen, in was für Probleme man läuft, wenn man sich so verhält, als könnte man mit einem Virus verhandeln. Wir müssen uns also auf die Natur neu einstellen als ein Reich politisch beeinflusster und politisch wirksamer Prozesse und Aktanten, die wir in unseren politischen Prozessen als aktive politische Kräfte einbeziehen müssen, ohne sie als politische Akteure klassischen Typs behandeln zu können.

Sie laden jedes Jahr Fellows aus der ganzen Welt nach Potsdam ein: Derzeit sind neben vielen weiteren Prof. Anton Ford von der University of Chicago als Senior Fellow oder Dr. Eric-John Russell als Postdoctoral Fellow zu Gast. Wie genau sieht der Austausch zwischen den Fellows aus und was versprechen Sie sich davon?

Die Fellows, die zu uns kommen, arbeiten an individuellen Forschungsprojekten im Bereich der post-kantischen Philosophie. Das Center gibt ihnen die Möglichkeit, sich mit den Potsdamer Mitgliedern und den jeweiligen anderen Fellows über die eigenen Projekte und geteilte Fragestellungen in Kolloquien auszutauschen. Sie können gemeinsame Workshops und Tagungen planen und so spezifische Fragen vertiefen. Wir zielen damit zunächst einmal darauf, für die individuellen Projekte selbst einen möglichst reichhaltigen und produktiven Kontext zu schaffen, der es den Beteiligten erlaubt, diese Vorhaben bestmöglich zu entwickeln. Dabei geht es aber natürlich auch um wechselseitige Perspektiverweiterung über das jeweilige Projekt hinaus – sowohl unter den Fellows als auch zwischen den Gastwissenschaftler:innen und uns. Wir zielen darum im Center auf eine große Diversität an Themen, Arbeitsweisen, Herkünften, um auch Gelegenheiten für inkongruente Perspektiven und produktive Irritationen zu gewinnen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen zum Center und zur Tagung „Politik der Natur“: https://cpkp.net/de/