Eine Oase der Biodiversität – Der Botanische Garten der Universität Potsdam ist Heimat und Museum für zahlreiche Pflanzenarten aus der ganzen Welt

Im Botanischen Garten der Universität Potsdam: Kustos Michael Burkart und Direktorin Anja Linstädter.
Foto : Tobias Hopfgarten
Im Botanischen Garten der Universität Potsdam: Kustos Michael Burkart und Direktorin Anja Linstädter.

Biologische Vielfalt – was das genau bedeutet, kann man im Botanischen Garten auf kleinem Raum erleben. Die zehn Gewächshäuser und fünf Hektar Außengelände beheimaten 8.000 Pflanzenarten, circa 300 bis 500 pro Gewächshaus, und 15.000 Akzessionen, also einzelne Pflanzenexemplare unterschiedlicher Herkunft. Hier wachsen rund zwei Prozent aller weltweit bekannten Arten. Auch absolute Raritäten sind dabei: Die blühende Sansevieria caulescens zum Beispiel ist eine von nur zwei bekannten Exemplaren ihrer Art weltweit. „Unser Exemplar wurde vor über 50 Jahren in Ruanda gefunden“, sagt Dr. Michael Burkart, Kustos des Botanischen Gartens. „Seitdem wurde sie im Nationalen Botanischen Garten von Belgien in Meise kultiviert, von wo wir sie bekommen haben. Ihr Weg konnte über die Sammelnummer recherchiert und rekonstruiert werden.“ Botanische Detektivarbeit also.

Ähnlich wie ein Zoo kann ein Botanischer Garten ein Refugium für bedrohte Arten sein, und darüber hinaus eine wichtige Forschungsplattform. Anja Linstädter, Direktorin des Botanischen Gartens und Professorin für Biodiversitätsforschung und Spezielle Botanik, fasst zusammen: „Ein moderner Botanischer Garten muss über das Bewahren hinwegkommen. Informationen zu den Pflanzen und zu ihren Umweltbedingungen müssen standardisiert aufgenommen und Aufzeichnungen besser dokumentiert werden.“ Zu wissen, woher die Pflanzen stammen, sei heute wichtiger als früher, ergänzt Michael Burkart.

Im Botanischen Garten der Universität Potsdam will man besser verstehen, wie sich Pflanzenarten an veränderte Klimabedingungen anpassen. „Wir wollen herausfinden, welche Pflanze wie auf Temperatur- und Feuchtigkeitsänderungen reagiert, indem wir die Überlebensstrategien der Arten beschreiben“, sagt Anja Linstädter. Bei ihren Forschungen kommt unter anderem die Phänologie zum Einsatz, also die Lehre vom Lebensrhythmus der Pflanzen. Darunter versteht man die periodisch wiederkehrenden Wachstums- und Entwicklungserscheinungen, wie das Austreiben, Blühen und Fruchten. Im Fokus stehen dabei die krautigen, nicht verholzten Pflanzen, also vier Fünftel aller Pflanzenarten weltweit, die nicht zu den Bäumen oder Sträuchern gehören. „Für die Entwicklung von Pflanzen gibt es drei Schlüsselfaktoren: die Länge der täglichen Beleuchtungszeit, die Temperatur und die Niederschlagsverhältnisse“, erklärt Linstädter. „Die letzteren beiden werden durch den Klimawandel stark beeinflusst. Manche Pflanzen sind verhältnismäßig robust gegenüber solchen Veränderungen, andere reagieren empfindlich darauf.“

Burkart berichtet von Pflanzen, die extreme Bedingungen vertragen: „Wir haben mal für ein Experiment ein paar Pflanzen ein Jahr lang nicht gegossen, in dem Raum wurde nur genebelt. Nach dem Gießen haben sie tatsächlich wieder ausgetrieben.“ Seit einem Jahr gehört der Botanische Garten der Universität Potsdam zum PhenObs-Projekt, einem Netzwerk Botanischer Gärten, das mit einheitlichen Erhebungsmethoden ein systematisches Monitoring einer bestimmten Anzahl von Pflanzen betreibt. In Potsdam zeichnet eine Mitarbeiterin wöchentlich die Entwicklungsstadien von 100 Pflanzenarten auf. Dieselben Beobachtungen laufen in Berlin, Halle, Leipzig, aber auch in Gärten in Italien, Russland und China. Indem die Forschenden Daten von Orten mit unterschiedlichen Klimabedingungen vergleichen, können sie Rückschlüsse ziehen, wie sich die Arten unter unterschiedlichen Umweltbedingungen entwickeln.

Schätzungen gehen davon aus, dass in den kommenden Jahrzehnten eine Million Tier- und Pflanzenarten von der Erde verschwinden könnten. Michael Burkart betont: „Den Entscheidungsträgern ist nicht klar, wie brenzlig die Situation ist: Die Biodiversitätskrise ist noch wesentlich dringender als die Klimakrise. Weil die Systeme so komplex sind, ist es schwierig, die Wechselwirkungen vorherzusagen. Wir müssen uns auf unangenehme Überraschungen gefasst machen.“

Laut Anja Linstädter verstärken sich Klima- und Biodiversitätskrise gegenseitig. „Wir sprechen auch von einer Zwillingskrise“, so die Biologin. Beide Krisen seien mit bisherigen Methoden nicht lösbar. „Sie bedrohen unsere Lebensgrundlage, besonders in der Lebensmittelversorgung, Medizinproduktion und Kohlenstoffspeicherung.“ Neben der Artenvielfalt wird Biodiversität aber auch über die Vielfalt der Genetik und der ökologischen Systeme definiert. „Für den Erhalt der Biodiversität ist die genetische Diversität der Individuen genauso entscheidend wie die Arten- oder Sortenvielfalt.“ Kommt es zu einem genetischen Flaschenhals, also einer starken genetischen Verarmung aufgrund einer zu kleinen Population, dann sind die Arten weniger gut gewappnet, um auf zukünftige Veränderungen zu reagieren.

Was also kann jede und jeder Einzelne für den Erhalt der Biodiversität tun? Anja Linstädter ist stolz auf ein Bürgerwissenschaftsprojekt, das kürzlich ins Leben gerufen wurde: „Über 150 Interessierte haben sich gemeldet. Wir vergleichen die Entwicklung bestimmter Pflanzenarten in unserem Schaubeet im Botanischen Garten und an anderen Orten.“ Städtische Biotope würden sich derzeit sogar zu Biodiversitäts-Hot Spots entwickeln. „Jeder kann mit der Gestaltung seines eigenen Gartens zur Biodiversität beitragen“, ist sich Anja Linstädter sicher.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2022 „Diversity“ (PDF).