Vielfalt auf der Leinwand – Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg bietet ein Panoptikum jüdischer Kultur

Lea Wohl von Haselberg
Aus „Una Mujer“ von Jeanine Meerapfel
Foto : privat
Lea Wohl von Haselberg
Foto : Jeanine Meerapfel
Aus „Una Mujer“ von Jeanine Meerapfel

„Das Festival ist für mich Teil der Verständigungsarbeit einer diversen Gesellschaft“, sagt Dr. Lea Wohl von Haselberg. „Es geht darum, die in der Politik viel beschworene Vielfalt im Alltag auch spürbar zu machen.“ Die Film- und Medienwissenschaftlerin ist Mitglied im Programmkollektiv des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg, das vom 14. bis 19. Juni 2022 in Potsdam und Berlin stattfindet.

Bereits seit 1995 gibt es das Festival, das die Initiatorin Nicola Galliner viele Jahre als Ein-Frau-Betrieb leitete. Seit 2021 jedoch ist alles anders: Nun kuratieren fünf Cineasten aus Deutschland und Israel das Festival, zu denen auch Lea Wohl von Haselberg gehört. Sie wählen aus für den Wettbewerb eingereichten Beiträgen aus, recherchieren aber auch selbst Filme sowie Serien, die sie dem Publikum präsentieren wollen. „Ich bringe die wissenschaftliche Perspektive auf den jüdischen Film ein“, sagt Wohl von Haselberg, die an der Universität Potsdam und der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF lehrt, „und stelle eine Brücke zu den beiden Hochschulen her“.

„Die Auswahl der Beiträge ist ein reflexiver Prozess“, so die Wissenschaftlerin. Schließlich gebe es auf die Frage, was überhaupt den jüdischen Film ausmache, keine einfache Antwort. Geht man von der Biografie der Filmschaffenden aus oder doch eher von der Handlung und den Charakteren? Ein Film sei jedenfalls noch lange nicht jüdisch, allein weil die Regisseurin es sei, meint Lea Wohl von Haselberg. Schließlich sei er ein Gemeinschaftswerk von Produzierenden über Autorinnen bis zum Team am Set. Sie alle ließen den „filmischen Text“ entstehen, der wiederum sehr wohl jüdisch sein könne. So wird das diesjährige Festival Beiträge aus dem vergangenen Jahr zeigen, die sich mit jüdischer Erfahrung und Kultur auseinandersetzen – mit jüdischen Biografien vor und hinter der Kamera. Der Spagat besteht der Wissenschaftlerin zufolge darin, das Jüdische im Film sichtbar zu machen und sie gleichzeitig nicht nur darauf festzulegen.

Lea Wohl von Haselberg ist für diese Frage Expertin, leitet sie doch die Babelsberger Nachwuchsforschungsgruppe „Was ist jüdischer Film?“. „Im wissenschaftlichen Diskurs etablieren sich die Jewish Film Studies gerade erst in den USA – und gewissermaßen hier, in Potsdam.“ Wohl von Haselberg versteht das Forschungsgebiet als Schnittstelle zwischen den Jüdischen Studien sowie den Film- und Medienwissenschaften. „Wir arbeiten eng mit der Uni Potsdam zusammen und bieten jedes Semester Seminare für Studierende der beiden Hochschulen an.“ Das funktioniere sehr gut, die Teilnehmenden schätzten die unterschiedlichen Perspektiven und Expertisen. Wohl von Haselbergs Seminar „Jüdischer Film. Versuch einer Geschichte“ wurde von den Studierenden sogar unter die zehn besten Lehrveranstaltungen an der Philosophischen Fakultät im Wintersemester 2020/21 gewählt.

Das Festival zeichnet Beiträge aus aller Welt in zwei Wettbewerben aus, Spielfilm und Dokumentarfilm. „Es präsentiert und diskutiert die Vielfalt jüdischer Lebensentwürfe wie ein bunter Blumenstrauß“, sagt Wohl von Haselberg. „Wir bedienen alle Genres.“ Da gibt es eine argentinische, „total witzige“ Mockumentary, einen düsteren, bildgewaltigen Animationsfilm und für eingefleischte Cineasten einen restaurierten Stummfilm. Zu sehen sein wird auch „Wir könnten genauso gut tot sein“: Das Debüt von Natalia Sinelnikova, Absolventin der Babelsberger Uni, wurde dieses Jahr auf der Berlinale gefeiert. „Ein Highlight“, so die Wissenschaftlerin. „Der Film ist grotesk, fantastisch und macht neugierig auf den filmischen Nachwuchs.“ Gleichzeitig sei die Satire über eine sich von der Außenwelt abschottende Hausgemeinschaft und eine Jugendliche, die sich im Badezimmer verschanzt, ein gutes Beispiel dafür, dass jüdische Erfahrung beim Festival gar nicht immer vordergründig verhandelt werden muss. Doch dem aufmerksamen Publikum fallen die jiddischen Volkslieder, die die Jugendliche in einer Szene singt, vielleicht doch auf. Sinelnikova kam mit sieben Jahren als so genannter russisch-jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. „Das Festival ist Begegnungs- und Diskursraum für eine superdiverse, post- bzw. migrantische Gesellschaft“, sagt Lea Wohl von Haselberg. „Es entdeckt und verhandelt Diversität.“

Neben den beiden Wettbewerben gibt es noch die Sektion „Kino Fermished“: Mit einer Hommage an die deutsch-argentinische Regisseurin und Drehbuchautorin Jeanine Meerapfel wird das Festival im Hans Otto Theater eröffnen. Ihr Werk wird zugleich auf seine Aktualität befragt, denn Meerapfels neuer Film „Una mujer“ wird Berlinpremiere haben, sechs ihrer älteren Filme als Double Features mit Beiträgen junger Regisseurinnen gezeigt. Außerdem bekommt das Publikum brandneue israelische Serien zu sehen, die in Deutschland (noch) nicht verfügbar sind. Darunter sind etwa Episoden aus „Dismissed“ über eine junge Offizierin, die im Produktionsland aktuell heiß diskutiert wird.

Präsentiert wird das bunte Programm unter anderem im Kino Thalia Babelsberg, im Open Air Kutschstall am Neuen Markt und im Filmmuseum Potsdam. Es richtet sich ganz bewusst an Cinephile wie auch an Menschen, die eher selten ins Kino gehen – und auch Potsdamer und Berliner Schulklassen kommen mit einem altersgerechten Vormittagsprogramm auf ihre Kosten. „Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg gibt der Allgemeinheit die Gelegenheit, das Judentum in seiner ganzen Vielfalt kennenzulernen“, sagt der Rektor des Abraham Geiger Kollegs Prof. Dr. Walter Homolka, der außerdem Mitglied im Kuratorium des Festivals ist. „Und das Medium Film ist dafür hervorragend geeignet.“

Weitere Informationen und Tickets unter: https://jfbb.info/

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2022 „Diversity“ (PDF).