Der Vampir im Altbaukeller – Eine Potsdamer Lehramtsstudentin hat mit Gleichgesinnten ein Literaturnetzwerk gegründet

Potsdamer Lehramtsstudentin Sophie-Marie Gruber sitzt an einem Tisch, vor ihr liegt ihr Buch „Großstadtgeheimnisse“.
Foto : Dr. Jana Scholz
Sophie-Marie Gruber, Potsdamer Lehramtsstudentin, gründete mit Gleichgesinnten das Literaturnetzwerk „#BerlinAuthors“

Ein Vampir im Altbaukeller, ein Anschlag auf ein Insektenhotel und ein Stalker, der gar nicht so unattraktiv ist: Der Band „Großstadtgeheimnisse“ versammelt Kurzgeschichten voller Überraschungen. Herausgegeben hat ihn Sophie-Marie Gruber zusammen mit vier Kolleginnen ihres Literaturnetzwerks „#BerlinAuthors“.

Die 29-Jährige studiert Deutsch und Kunst auf Lehramt an der Universität Potsdam. Sie schreibt nicht nur seit der Schulzeit, sie hat auch das Literaturnetzwerk #BerlinAuthors mitbegründet. Nachdem die Österreicherin 2015 nach Berlin gezogen war, wurde sie in eine Gruppe Gleichgesinnter aufgenommen, die den gleichnamigen Hashtag auf Twitter initiiert hatte. So kamen bald Literaturbegeisterte aus Berlin und Brandenburg zusammen – anders als der Name vermuten lässt, richtet sich das Netzwerk nämlich an die gesamte Region.

„Zunächst trafen wir uns zum Schreiben und zum Cocktailtrinken“, erzählt Gruber, die zuvor schon Germanistik in Graz studiert hatte und unter anderem als freiberufliche Lektorin arbeitet. Bald bildete sich ein vierköpfiges Kernteam, das beschloss, eine erste Anthologie zu veröffentlichen und dafür eine Ausschreibung unter dem Titel „Großstadtgefühle“ zu starten. Aus den zahlreichen Einreichungen wählten die Herausgeberinnen 16 Kurzgeschichten aus, die sie im Selbstverlag publizierten. „Denn wir waren unbekannt und ein Verlag hätte uns eh nicht genommen“, erklärt die Studentin. Sie arbeiteten mit Books on Demand zusammen, sodass in Buchhandlungen und online zusätzlich zur Auflage von 200 Stück jederzeit Bücher bestellt und nachgedruckt werden können.

Außerdem ließen sich die vier ihre Arbeit nicht bezahlen und die Autorinnen und Autoren „spendeten“ ihre Texte zugunsten des Vereins „Mehrwertvoll“, der sich für kulturelle Vielfalt in der Hauptstadt einsetzt. Der Vorteil der Charity-Aktion: Ein Buchsetzer übernahm den Satz unentgeltlich und die BuchBerlin sponserte einen kostenlosen Stand auf der Messe. Für den Druck waren die vier in Vorleistung gegangen, doch das zahlte sich aus. Denn es gab tatsächlich Gewinne. Nach der Veröffentlichung bewarb das Team das Buch professionell, mit Pressemitteilung und äußerst erfolgreichen Literaturveranstaltungen. „Bei unserer ersten Lesung in einer Bar in Berlin-Moabit war es krass voll“, erzählt Gruber. „Die Leute saßen teilweise aufeinander und standen in der Tür, einige mussten wieder gehen.“

So folgten auf den ersten Kurzgeschichtenband 2019 zwei weitere: „Großstadtklänge“ und „Großstadtgeheimnisse“. Weitere sollen folgen. Jede Anthologie entsteht als Gemeinschaftsprojekt des Netzwerkteams. Alle bringen ihre Fähigkeiten ein, vom Lektorat und Korrektorat bis zur Covergestaltung und Öffentlichkeitsarbeit. Auch die Auswahl der Geschichten, zuletzt gab es 146 Einreichungen, trifft das Team demokratisch, ausschlaggebend ist dabei die Originalität: „Sie sollten im Gedächtnis bleiben, eine überraschende Perspektive oder einen speziellen Stil haben.“ Wird ein Text abgelehnt, schreibt Gruber auf Wunsch eine Begründung. Eingereicht werden Texte übrigens von der 16-jährigen Schülerin genauso wie von dem etablierten Autor oder der erfahrenen Journalistin. „Wir schauen aber nicht auf die Vita, nur auf den Text“, sagt Gruber. Unter den Schriftstellerinnen und Schriftstellern sind auch Alumni und Studierende der Uni Potsdam.

Weil Netzwerken in der Literaturszene so wichtig ist, sind die #BerlinAuthors offen für alle. Die Gruppe bietet einen monatlichen Stammtisch an, ein Schreibtreffen sowie Workshops – zum Beispiel darüber, wie man seine Texte bei Lesungen präsentiert oder sein Verlagsexposé vorbereitet. Alles kostenlos. „Der Literaturbetrieb wirkt sehr elitär“, so die Germanistin. „Wir wissen, wie schwer es ist, dort hineinzukommen. Deswegen nehmen wir Schreibende unterschiedlichster Genres ins Netzwerk auf – von Fantasy über Romance bis zum Jugendroman. Für die Anthologien konzentrieren wir uns aber der Einheitlichkeit halber auf belletristische Texte.“ Gleichzeitig gebe es auf dem Markt viel schlechtes Selfpublishing. „Lektorat, Korrektorat und Buchsatz sind teuer. Viele wollen nicht investieren, auch weil sie kein Vertrauen in ihren Text haben. Wir haben Glück, weil wir als Team all das selbst übernehmen können.“

„Ich habe schon als Kind geschrieben“, erzählt Sophie-Marie Gruber, „am liebsten Kurzgeschichten – besonders gut waren sie aber nicht“, ergänzt sie und lacht. Wer schreiben lernen will, der muss der Autorin zufolge vor allem eines: üben, üben, üben. „Man muss sehr viele schlechte Texte schreiben, bis man einen guten schreibt. Und verdammt viel einstecken, bis was dabei rumkommt.“

Auf die Frage nach ihrem Berufswunsch antwortet Gruber voller Überzeugung: „Ich möchte Lehrerin werden – Autorin bin ich schon.“ Das eine schließe das andere nicht aus. „Und wenn man einmal angefangen hat zu schreiben, kann man sowieso nicht mehr damit aufhören.“ Ihr erster Roman erschien schon 2018 im Eisermann Verlag, ein zweiter Teil soll folgen. Allein im vergangenen Jahr veröffentlichte Gruber fünf Texte in Literaturmagazinen und Anthologien. Meist sucht sie gezielt nach thematischen Ausschreibungen und schaut, ob „sich eine Idee im Kopf verhängt“. Dann fängt es in ihr an zu arbeiten, bis sie schließlich mit dem Schreiben beginnt.

Alle vier Mitglieder des Kernteams können Erfolge vorweisen, zum Beispiel im Imprint-Bereich, in dem Verlage unter anderem Namen ein Publikum fernab des Mainstreams bedienen. „Diese Marken sprechen andere Zielgruppen an als das Hauptprogramm der großen Publikumsverlage. Hier trauen sie sich an andere Themen heran“, erklärt Gruber. Lesbische oder pansexuelle Hauptfiguren, wie sie unter anderen bei den #BerlinAuthors entstehen, erblicken hier viel eher das Licht der Öffentlichkeit.

Die nächste Anthologie der #BerlinAuthors wird 2023 erscheinen, die Ausschreibung ist schon online. „Dieses Jahr haben wir Pause. Es ist einfach unheimlich viel Arbeit, gerade neben Job und Studium.“ Dafür bietet das Netzwerkteam in diesem Jahr besonders viele Veranstaltungen an, unter anderem eine Lesung zum Tag des Buches am 23. April 2022, der, was für ein Zufall, auch Tag des Bieres ist. Unter dem Motto „Bier & Buch“ stellen die Autorinnen in einer Craft-Beer-Brauerei das passende Bier zu Kurzgeschichten aus der jüngsten Anthologie vor. Von herb bis spritzig ist da schließlich auf beiden Seiten etwas zu finden.

https://berlinauthors.de/

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2022 „Diversity“ (PDF).