Fließende Übergänge – Wie die Uni in die Schule kommt und die Schule zur Universität: Das Leibniz-Gymnasium zeigt es

Schülergruppe an einem Tisch beim experimentieren und anfertigen von nachhaltigen Alltagsprodukten.
Gruppe im Schulgarten. Das Foto ist von Sarah Hoyer.
Foto : Sarah Hoyer
Nachhaltige Alltagsprodukte selber machen – Studierende zeigen, wie das geht.
Foto : Sarah Hoyer
Schülerinnen und Schüler lernen, wie wichtig Wasser für das Pflanzenwachstum ist.

Für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen, kann viel bewirken. Genauso wichtig aber ist es, die wissenschaftlichen Zusammenhänge verstehen zu lernen. So hieß es im Potsdamer Leibniz-Gymnasium unlängst nicht „Fridays for Future“, sondern „Water4Future“ – eine vier Fächer übergreifende Projektwoche, die in Kooperation mit der Universität organisiert wurde.

Für die Musik- und Mathematiklehrerin Sarah Hoyer, die in Potsdam vor wenigen Jahren erst ihren Abschluss gemacht hat, ist die Verbindung zu ihrer Hochschule nie abgerissen. Nicht nur, weil sie als Konzertmeisterin im Uniorchester noch immer die erste Geige spielt, sie hat auch den Kontakt zu den Fachdidaktiken gehalten. So konnte sie nun erstmals gemeinsam mit Lehrkräften, Dozierenden, Studierenden und dem Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung der Uni eine Projektwoche für zwei achte Klassen organisieren. Das Thema war schnell gefunden: „Wasser verbindet“, sagt Sarah Hoyer und meint damit nicht die Transportwege über Flüsse und Meere, sondern die fließenden Übergänge zwischen Schulfächern, die sich auf je eigene Weise mit dem feuchten Element befassen und es theoretisch, praktisch und sinnlich durchdringen können.

Als Musiklehrerin dachte sie da natürlich zuerst einmal an das Sprudeln, Plätschern und Rauschen des Wassers, das so viele Kompositionen inspirierte, von Debussys „La Mer“ bis Smetanas „Moldau“. In der Projektwoche fügten die Schülerinnen und Schüler nun ihre ganz eigenen tropfenden und trommelnden Soundexperimente hinzu. Mit den Studierenden für das Lehramt Musik vertonten sie einen Dokumentarfilm, beschäftigten sich mit PoetrySlams und produzierten einen Watersong.

Manches davon ist sicherlich aus dem Musikraum hinübergedrungen in die benachbarte Schulküche, die zum Versuchsfeld für Naturkosmetik, biologisch abbaubares Waschmittel und wiederverwendbares Verpackungsmaterial wurde. Hatten sich die Jugendlichen im Chemieprojekt mit Mikroplastik und der Verschmutzung der Gewässer befasst, so lernten sie hier ganz praktisch ökologisch nachhaltige Alltagsprodukte herzustellen: Badekugeln und Lippenbalsam mit Kokosöl, Frischhaltefolien aus Stoff und Bienenwachs oder Müllbeutel aus alten Zeitungen. Die Studierenden hatten die „Rezepte“ mitgebracht und assistierten beim Rühren und Raspeln, Bügeln und Basteln.

Ähnlich handwerklich ging es im Kunstprojekt zu. Dass hier mit Wasser gearbeitet wird, liegt in der Natur der Farben. Dennoch haben die Achtklässler sich auf etwas Neuartiges eingelassen: sogenannte aleatorische Techniken. Dabei gibt der Zufall die Richtung vor, etwa wenn Rinnsale übers bemalte Papier laufen und ihre feinen Spuren hinterlassen oder Farbspritzer expressive Muster „zeichnen“ und zerplatzende Seifenblasen eine monochrome Oberfläche sprengen …

Wie sich ein Tag ganz ohne Wasser bewältigen lässt, testeten die Schülerinnen und Schüler im Fach Biologie, um daraufhin im Schulgarten unmittelbar zu erleben, wie kost- und unverzichtbar Wasser für das Pflanzenwachstum ist. Beim nachhaltigen Gärtnern lernten sie nicht nur Saatgut aus Früchten zu gewinnen und Sätzlinge zu ziehen, sondern sie auch sparsam zu bewässern. Mit eingepflanzten Tongefäßen! An den sogenannten Ollas, die die Feuchtigkeit durch die poröse Tonwand langsam ans Erdreich abgeben, ließ sich sogar noch der Vorgang der Diffusion erklären.

Für die Lehramtsstudierenden sieht Biologiedidaktikerin Dr. Monika Beschorner in dem Schulprojekt eine gute Chance, theoretische Unterrichtvorbereitungen zu erproben, noch bevor sie ins Praxissemester gehen. „Klar, das ist wie ein Sprung ins kalte Wasser, aber in einer solchen Projektwoche lernen und profitieren alle voneinander, auch wenn manches am Ende ganz anders läuft, als man es geplant hat.“ Davon kann Koordinatorin Sarah Hoyer mehr als ein Lied singen. Immer wieder musste das Projekt wegen der Pandemie verschoben werden. Über die Schulcloud blieben zwar alle miteinander verbunden, doch eine Pflanze lässt sich eben immer noch am besten dort untersuchen, wo sie wächst.

Zum Beispiel im Botanischen Garten der Universität Potsdam, in dem gerade das Lehr- und Lernprojekt „Nature of Science“ des Leibniz-Gymnasiums angelaufen ist. Die Idee dazu hatte Johannes Goedings, der sich von der Kooperation eines Gymnasiums in Bremerhaven mit dem dort ansässigen Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung inspirieren ließ. „Als ich davon bei einer Konferenz erfuhr, wusste ich sofort, dass wir so etwas in Potsdam auch machen müssen“, so der Bio-Chemielehrer, der gemeinsam mit Sarah Hoyer das Konzept geschrieben hat: Schülerinnen und Schüler verbringen zwei Tage in der Woche im Biologieinstitut an der Maulbeerallee, und dies nicht etwa nur für die naturwissenschaftlichen Kurse, sondern auch für Kunst und Englisch. Sie können selbst forschen und dabei akademische Denk- und Arbeitsweisen kennenlernen: ob bei der Analyse von Gewässerproben aus dem Teich im Paradiesgarten oder beim Studium der Pflanzen in den Gewächshäusern. Zudem stehen den Gymnasiasten ein Labor, ein Hörsaal und ein Seminarraum zur Verfügung, denn schließlich soll hier auch Mathematik, Chemie und Physik unterrichtet und die Wissenschaftssprache Englisch trainiert werden – für den fließenden Übergang von der Schule zur Hochschule.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2021 „Familie und Beruf“ (PDF).