„Turnschuhdiplomatie“: Daniel Lange hob afrikapolitische Archivschätze des DDR-Sports

Afrikanischen Sportstudenten
Foto : Abbildung aus "Der Speer" (Organ der Parteileitung der SED an der DHfK-Zeitung), Dezember 1961
Ausbildung von Sportlern und Trainern waren eine Maßnahme der sportpolitischen Beziehungen der DDR mit Afrika.

Sportlichen Ehrgeiz braucht es, um sich durch nahezu 1000 Aktenbände zu arbeiten, in historischen Fachzeitschriften zu recherchieren, vorsichtig schon zerfallende Dokumente zu analysieren und Zeitzeugen zu finden. „Es kostet viel Zeit, Arbeit, Mühe und Geld, die entsprechenden Bestände zu sichten“, erzählt Sportwissenschaftler Daniel Lange von seinem aufwendigen und aufregenden Forschungsmarathon: Er hat in seiner Dissertation die Afrika-Beziehungen der DDR-Sportpolitik untersucht und damit nach über 30 Jahren Wiedervereinigung Pionierarbeit in diesem Forschungsbereich geleistet.

Herr Lange, ein Großteil der internationalen Sportbeziehungen der DDR wurden bisher kaum besprochen, woran liegt das?

Obwohl das öffentliche Interesse an historischen Sportereignissen ungetrübt ist, hat es das Thema in der Wissenschaft schwer. An vielen Universitäten in Deutschland ist die Geschichte im sportwissenschaftlichen Studium leider eine Randnotiz. Wer aber das „Heute“ begreifen will, um das “Morgen“ in oft schwierigen Situationen entscheidungssicher zu gestalten, muss das „Gestern“ verstehen. Die überbordenden Diskussionen um die Olympischen Spiele in Peking zeigen das aktueller denn je. Noch während ich an meiner Magisterarbeit zum ersten und einzigen UN-Blauhelmeinsatz der DDR noch 1989/90 im südwestafrikanischen Namibia schrieb (Buchtitel: „Auf deutsch-deutscher UN-Patrouille“), entstand die Idee, die Afrikapolitik der DDR aus sportwissenschaftlicher Perspektive zu betrachten, da zur Auslandsarbeit des DDR-Sports grundlegende Untersuchungen bisher fehlten. Mir als Fußballspieler kam ein sportspezifisches Arbeitsthema natürlich gerade recht. Daraus konzipierte ich mein Forschungsprojekt „Die internationalen sportpolitischen Beziehungen der DDR nach Afrika als besonderer Bestandteil ihrer Außenpolitik“, das durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert und mit einem Promotionsstipendium ausgezeichnet wurde. Im März 2021 wurde ich an der Universität Potsdam im Fach Sportwissenschaft promoviert, soeben wurde meine Dissertation als „dicker Wälzer“ mit über 600 Seiten unter dem Titel „Turnschuhdiplomatie“ veröffentlicht.

Was zeichneten die internationalen politischen Beziehungen der DDR mit den einzelnen afrikanischen Staaten aus und warum wurde als besonderes Instrument auf den Sport gesetzt?

Sport und Diplomatie, Sport und Gesellschaft, Sport und Politik sind stets – mal mehr, mal weniger – miteinander verwoben. Diese Wechselwirkung machte sich Mitte des vergangenen Jahrhunderts die in der DDR herrschende Sozialistische Einheitspartei Deutschlands zu eigen, indem sie den Sport mit dem Auftrag versah, auf außenpolitischem Parkett „das Ansehen der DDR im Ausland zu mehren“ und somit ihr Ringen im Dauerkonflikt mit der Bundesrepublik um ihre diplomatische Anerkennung zu flankieren. Dementsprechend intensiv war die gesamtgesellschaftliche Förderung des Sports, der schon in den 1950er Jahren Bestandteil der kulturellen Auslandsarbeit der DDR war und dem kleinen Land besonders im Bereich des immer erfolgreicher werdenden und somit sehr öffentlichkeitswirksamen Leistungssports international große Aufmerksamkeit verschaffte.

Wie gingen Sie methodisch vor, um die umfangreiche Grundlagenarbeit zu leisten?

Zunächst erschloss ich mir in Ermangelung vorliegender Studien ein Ereignisgerüst, indem ich diverse damalige Fachmagazine wie den „Boxring“, den „Leichtathleten“ oder die „Motorsport“ sichtete. So ließ sich rekonstruieren, welche partei-, afrika- oder sportpolitischen Quellenbestände in verschiedensten Archiven für schließlich vier Zeitabschnitte zu sichten waren, um die strategischen, aber auch ideologischen Afrika-Motivationen und -intentionen des DDR-Sports offenlegen zu können.

Wie verliefen die internationalen Sportbeziehungen der DDR mit Afrika von 1955–1990?

Für die DDR stand schon ab 1955 im Zuge sowjetischer Afrika-Strategien Ägypten im Fokus. Während damals ägyptische Athleten an der später weltberühmten Friedensfahrt teilnahmen, fuhr 1957 Kult-Radsportler Gustav Adolf „Täve“ Schur bei der Ägypten-Rundfahrt im Wiegetritt durch die Wüste. Erste Sportkontakte, die sich seit dem „afrikanischen Jahr“ 1960, als 17 frühere Kolonien in Afrika ihre Unabhängigkeit erlangten, intensivierten sich. Denn nun beschloss das Politbüro der SED erstmals ein konzeptionelles afrikapolitisches Vorgehen für die DDR, das den Sport explizit einschloss. Das betraf z.B. die Initiierung von prestigeträchtigen und populären offiziellen Länderspielen im Fußball, aber auch die Ausbildung von in Afrika dringend benötigten Trainern und Sportfunktionären an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig. Die DDR sah sie als wichtige gesellschaftliche Multiplikatoren ihrer außenpolitischen Ziele in westafrikanischen Ländern wie Ghana, Guinea oder Mali, die von ihr aufgrund ihrer temporären sozialistischen Sympathien in den 1960er Jahren intensiv umworben wurden, um die von der Bundesrepublik verhängte Hallstein-Doktrin zur diplomatischen Exklusion der DDR zu „durchbrechen“. Nach der internationalen Anerkennung der DDR 1972/73 bestimmten immer öfter leistungssportliche Interessen die Afrika-Verbindungen des DDR-Sports, der an Klima- oder Höhentrainingslagern z.B. in Algerien oder Äthiopien interessiert war. Ein derart aufwendiges und teures Unterfangen konnte sich die DDR in den 1980er Jahren immer weniger leisten und nur deshalb realisieren konnte, weil sie Ländern Afrikas dafür in einer Art Tauschgeschäft Trainerkurse, Sportstudienplätze oder Auslandstrainer anbot. Damit begann ein schleichender Niedergang der einst intensiven Sportbeziehungen nach Afrika, der bis 1990 auch die Afrikapolitik der DDR insgesamt kennzeichnete.

Der Forscher

Dr. Daniel Lange studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und wurde im Fach Sportwissenschaft an der Universität Potsdam promoviert. Er ist Vorstandsmitglied Sport der Deutsch-Namibischen Gesellschaft und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Leistungssport & Trainerbildung der Deutschen Hochschule für Gesundheit & Sport (Berlin) tätig. (www.trainer-offensive.de)
E-Mail: daniel.langego4morede

Zur Publikation:
Turnschuhdiplomatie: Die internationalen sportpolitischen Beziehungen der DDR nach Afrika als besonderer Bestandteil ihrer Außenpolitik (1955 – 1990)
Berlin, 2022, 610 S., ISBN: 978-3-9816783-5-2, Preis: 35 Euro
Bestellungen per E-Mail unter: fachbuchdhgs-hochschulede