Science meets Fiction – Forschende untersuchen mithilfe der Literatur, wie eine nachhaltige, klimaschonende und gesunde Ernährung der Zukunft aussehen kann

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Foto : Julia Vogt/IGZ
Monika Schreiner, Koordinatorin von „food4future“, mit Algenkulturen.
Foto : Julia Vogt/IGZ
Vollkornspaghetti mit Quellerpesto – nachhaltig, klimaschonend und gesund.

Die Verbindungen zur Außenwelt sind gekappt, die Umwelt zerstört. Nach einer nicht näher benannten Katastrophe versuchen die Menschen ihren schwierigen Alltag zu meistern. Der Roman „Sendbo-o-te“ spielt in einem Japan der nahen Zukunft. Das Land ist isoliert, es gibt keinen Handel mit anderen Staaten, die Böden sind kontaminiert und Landwirtschaft ist nur regional möglich.

Natürlich ist dieses Szenario, das die Schriftstellerin Yoko Tawada in ihrem Zukunftsroman schildert, reine Fiktion. Gleichzeitig beschreibt das Buch Umstände, die so oder ähnlich in den kommenden Jahrzehnten durchaus real werden könnten. Eine zerstörte Umwelt, Böden, die keine Nahrungsmittel mehr hergeben, oder politische Konflikte, die Handelsrouten blockieren und zu Engpässen führen – all das ist mancherorts sogar schon heute real und deutlich zu spüren.

Im Verbundprojekt „food4future“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, untersuchen Forschende aus zehn wissenschaftlichen Einrichtungen, wie sich die Menschheit unter solchen Bedingungen auch in Zukunft ernähren kann. Neue Nahrungsorganismen, innovative und nachhaltige Indoor-Anbaumethoden, Materialien und Technologien nehmen die Forschenden genauso in den Blick wie die gesellschaftlichen Folgen einer veränderten Nahrungsmittelproduktion und Ernährung. Doch für die Forschenden von „food4future“ ist auch interessant, wie die Literatur diesem Thema begegnet, denn Zukunftsromane wie „Sendbo-o-te“ können wertvolle Impulse und Denkansätze liefern.

„Die Literaturwissenschaft hat uns eine völlig neue Perspektive eröffnet“, erzählt Projektkoordinatorin Monika Schreiner, die am Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau in Großbeeren forscht und das Kooperationsprojekt mit dem Institut für Germanistik der Universität Potsdam angestoßen hat. „Denn die Romane ergänzen unsere food4future-Zukunftsszenarien ‚No Land‘ und ‚No Trade‘ mit neuen Sichtweisen.“ Wie operieren die Figuren in einer Welt, in der es überhaupt kein Land für den Nahrungsmittelanbau gibt? Welche Konflikte können daraus entstehen? Oder wie wirken sich alternative Produktionsmethoden auf den Alltag und die Esskultur der Menschen aus? Zukunftsromane zeichnen ein ausführliches Bild der Gesellschaft, das die Forschungsszenarien bereichern kann.

„Die Zukunft ist auch an der Professur für Neuere deutsche Literatur/19.–21. Jahrhundert ein großes Forschungsthema“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Natalie Moser, die sich in ihrer Forschung mit Gegenwartsliteratur und Zukunftsromanen beschäftigt. „Die Ernährung spielte dabei bisher jedoch keine große Rolle.“ Mit „food4future“ änderte sich das. Gemeinsam mit ihren Studierenden hat Natalie Moser genauer nachgeschaut, wie in Romanen, Spielfilmen und Computerspielen, die allesamt in der nahen Zukunft spielen, Nahrungsmittel produziert und konsumiert werden. Diese Analysen wurden dann gemeinsam und intensiv mit den Forschenden des Projekts diskutiert.

Bisher konzentrieren sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf vier Organismengruppen: Makroalgen, Quallen und Pflanzen, die auf salzigen Böden gedeihen – sogenannte Halophyten – sowie Insekten als Reststoffverwerter. Diese sollen nachhaltig und klimaneutral in sogenannten urbanen Bioräumen produziert werden. Leerstehende Lagerhallen oder Bürogebäude bieten Raum für platzsparende, geschlossene Produktionssysteme, die den natürlichen Kreisläufen eines marinen Ökosystems nachempfunden und damit sehr ressourcenschonend sind. Derzeit entwickeln die Forschenden eine Pilotanlage für eine solche Produktionseinheit, in der Halophyten, Makroalgen und Quallen wachsen sollen. Sie setzen auf Salzwasserorganismen, denn Salzwasser ist im Gegensatz zu Süßwasser reichlich vorhanden. „Auch in Brandenburg mit seinen Solequellen“, betont Monika Schreiner. „Wie wäre es denn mit einer Kombination aus Algenanbau und Thermalbad? Nach dem Baden können die Besucher einen gesunden Algensmoothie genießen, der direkt nebenan produziert wurde.“

Doch sind Algensmoothies oder Quallenchips tatsächlich die Nahrungsmittel der Zukunft? Noch seien die Reaktionen auf ihre Ideen bei vielen Menschen sehr verhalten, berichtet Julia Vogt von „food4future“. Gerade bei Ernährungsthemen sei es wichtig, Berührungsängste durch Kommunikation abzubauen, sagt die Forscherin, die dafür auch schon einen Kochworkshop geplant hat: Im kommenden Jahr soll dieser im Futurium, dem Haus der Zukünfte, in Berlin stattfinden. Gemeinsam mit einem Koch werden die Teilnehmenden etwa Algen im Teigmantel, Pesto mit Queller – einer Salzpflanze – oder Quinoasalat mit Halloumi und Meeresalgen zubereiten und verkosten. „Das Essen der Zukunft muss auch schmecken, sonst wird es nicht akzeptiert“, betont Julia Vogt. „Aber wenn man beispielsweise an vegane Produkte denkt, die vor wenigen Jahren noch ein absolutes Nischendasein führten und heute Mainstream sind, dann sieht man: Große Veränderungen passieren manchmal ganz schnell.“

Wie die Organismen optimal kultiviert werden, welche Materialien, Technologien und Messsensorik dafür notwendig sind oder wie ein gesunder individueller Ernährungsplan mit den neuen Nahrungskomponenten aussehen kann – diese Fragen werden der Forschungsverbund und seine Kooperationspartner in den kommenden Jahren bearbeiten. „Jetzt haben wir noch Handlungsoptionen und die müssen wir ergreifen“, erklärt Monika Schreiner. „Es geht um Entscheidungen, die wir heute treffen müssen, um eine wünschenswerte Zukunft zu haben, in der alle Menschen zu jeder Zeit mit nachhaltigen, gesunden und bezahlbaren Lebensmitteln ernährt werden können.“

Im Seminar analysierten die Studierenden und Natalie Moser aktuelle Romane, Filme und Computerspiele wie „Hysteria“ von Eckhart Nickel, „Blade Runner 2049“ oder „This War of Mine“ von 11 Bit Studios.
Zum Verbundprojekt „food4future“: www.food4future.de

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2021 „Familie und Beruf“ (PDF).