WAchSe im KIDZ! – Das „Kinder Interventions- und Diagnostik-Zentrum“ hilft unkonzentrierten Kindern, an sich selbst zu wachsen

Übungen aus dem Trainingsprogramm am KIDZ | Foto: Bettina Arasin
Übungen aus dem Trainingsprogramm am KIDZ | Foto: Bettina Arasin
Quelle: Bettina Arasin
Übungen aus dem Trainingsprogramm am KIDZ
Quelle: Bettina Arasin
Übungen aus dem Trainingsprogramm am KIDZ
Zappeln, kippeln, schaukeln – wer kennt sie nicht, die Unruhegeister, die nicht stillsitzen, nicht zuhören können, sich leicht ablenken lassen und obendrein ständig etwas verbummeln. ADHS ist dann häufig die Erklärung der Wahl, nicht nur bei den verzweifelten Eltern, sondern auch in der Schule. Doch nicht jedes auffällige Kind leidet gleich unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, das psychotherapeutisch und mitunter medikamentös behandelt werden muss. Manchmal hilft es bereits, aus dem Alltag herauszutreten, den Kreislauf aus unkonzentriertem Verhalten und permanenter Ermahnung zu durchbrechen und dem Problem mit der Aufmerksamkeit etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Zum Beispiel im KIDZ, dem „Kinder Interventions- und Diagnostikzentrum“ an der Universität Potsdam, das hierfür ein bewegungsorientiertes Trainingsprogramm bereithält. Es trägt den sinnträchtigen Namen „WAchSe“, ein Akronym aus wach, achtsam und selbstreguliert. „Wir unterstützen die Kinder dabei, sich selbst besser wahrzunehmen, aktiv zu werden und ihre Probleme zu bewältigen“, sagt der Leiter des KIDZ, Satyam Antonio Schramm und grenzt diese Herangehensweise deutlich von medizinischer Diagnostik und Psychotherapie ab. Hier gehe es vielmehr darum, den Kindern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen, ihr Selbstbewusstsein und ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken.

Mit inklusiver Perspektive

Schramm ist Psychologe und Professor für Inklusionspädagogik mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Seine Arbeit ist darauf ausgerichtet, Förderkonzepte zu entwickeln, sie praktisch zu erproben und über die Ausbildung der künftigen Lehrerinnen und Lehrer in die Schulen zu transferieren. „WAchSe“ – das gemeinsam mit der Psychologin und Ergotherapeutin Dr. Bettina Arasin konzipierte Training für Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen – gibt für diesen integrierten Ansatz ein gutes Beispiel: Es wird im KIDZ angewendet, von Studierenden betreut, von einer Doktorandin evaluiert und in der Lehre diskutiert, um dann von den inklusionspädagogisch geschulten Absolventen der Universität in den Unterricht getragen zu werden.

Die Sonderpädagogin Anne Menke, die die Wirksamkeit des Programms in ihrer Dissertation erforscht, erklärt, wie das Zusammenspiel von Theorie und Praxis funktioniert: „Wenn die Studierenden mit den Kindern die Übungen durchführen, erleben sie sich in einer anderen Position, reflektieren ihre Rolle als Pädagogen und können so ein besseres Verständnis von ihrem künftigen Beruf erlangen.“ Anne Menke promoviert innerhalb des Projekts „Professionalisierung – Schulpraktische Studien – Inklusion“, mit dem sich die Universität Potsdam an der bundesweiten Qualitätsoffensive Lehrerbildung beteiligt. Die Ergebnisse ihrer Forschung fließen unmittelbar in die inklusionspädagogische Ausbildung ein, die in den Potsdamer Lehramtsstudiengängen einen immer breiteren Raum einnimmt. Inzwischen gibt es nicht nur für die Primarstufe, sondern auch für die Sekundarstufe I einen spezialisierten Studiengang, der zwar auf Förderpädagogik ausgerichtet ist, aber eine inklusive Perspektive einnimmt.

Den Studierenden, die im Herbst 2020 für den neuen Studiengang zugelassen wurden, wird das KIDZ ein wichtiges Praxisfeld bieten. Hier können sie neue Förder- und Interventionskonzepte erproben und diskutieren, wie sich diese wirkungsvoll in den Unterricht integrieren lassen. Im Sinne der forschungsbasierten Lehre werden sie immer auch die Möglichkeit haben, Probanden zu testen, begleitende Studien durchzuführen und darauf aufbauend ihre Abschlussarbeiten zu schreiben.

„Gemeinsam mit den Studierenden wird es im KIDZ möglich sein, künftig auch eine größere Anzahl von Fällen unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen“, sagt Anne Menke, die sich in ihrer Doktorarbeit vorerst auf 60 Mädchen und Jungen beschränkt, deren Entwicklung jedoch umso genauer beobachtet. Mit einem randomisierten Kontrollgruppen-Design misst sie vor und nach dem Trainingsprogramm, um die Effekte beschreiben zu können: Sind die Kinder aufmerksamer geworden? Wie wirkt sich die Intervention auf ihre motorischen Fähigkeiten aus? Und in welcher Weise hat sich ihr Sozialverhalten verändert?

Durchalten, bis das Ziel erreicht ist

„Die Mädchen und Jungen kommen zumeist auf Wunsch der Eltern oder nach einem Hinweis der Schulen an die Universität“, erzählt die Doktorandin. Jeweils vier bis fünf Kinder, alle zwischen sechs und zehn Jahren alt, absolvieren gemeinsam das wöchentliche Training, das insgesamt zwölf Einheiten umfasst. Anfangs geht es darum, den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen und sich zu zentrieren, etwa mit einem Sonnengruß aus dem Yoga. Nach Dehnungs- und Kräftigungsübungen sollen sich die Kinder mehr und mehr anstrengen – nicht nur für einen kurzen Moment, sondern ausdauernd. „Bewegung ist hier ein ganz wichtiges Element“, sagt Anne Menke. Wie im Sport komme es generell darauf an, sich ein Ziel zu setzen und durchzuhalten bis es erreicht sei. Aber genau das falle den betroffenen Kindern so schwer. Deshalb erhalten sie zu jeder Trainingsstunde einen Familienbrief mit Übungsanleitungen für zu Hause und Hinweisen, wie die Eltern sie motivieren und unterstützen können. Ein weiteres wichtiges Element des Trainings sind Partner- und Gruppenspiele, in denen die Mädchen und Jungen kooperieren müssen, zum Beispiel beim Bau einer menschlichen Pyramide. „Sie erfahren, was es bedeutet, sich aufeinander (ein-)stellen und verlassen zu können“, so die Wissenschaftlerin. Nicht zuletzt gehören knifflige Geduldsspiele und Konzentrationsübungen zum Programm, bei denen mitunter mehrere Dinge gleichzeitig zu bewältigen sind. Und mit jeder neuen Trainingseinheit steigt der Schwierigkeitsgrad. „Im Schneidersitz mit geschlossenen Augen ein Wippbrett zu balancieren, fordert die volle Aufmerksamkeit. Wer es schafft, wird daran wachsen.“

KIDZ – Kinder Interventions- und Diagnostikzentrum

Das KIDZ ist eine Einrichtung der Inklusionspädagogik an der Universität Potsdam unter der Leitung von Prof. Dr. Satyam Antonio Schramm. Es dient der Verzahnung von Wissenschaft, Praxis und Ausbildung. Seit 2017 bietet es in den unterschiedlichen Förderschwerpunkten der Inklusionspädagogik Diagnostik, Förderung und Beratung für Kinder und Jugendliche sowie deren Bezugs- und Betreuungspersonen an. Ziel des KIDZ ist es, eine praxisnahe, forschungsorientierte Ausbildung von Studierenden zu ermöglichen und zudem aktuelle Versorgungsangebote für die Region durch innovative Präventions- und Förderkonzepte zu schaffen.

www.uni-potsdam.de/de/inklusion/kidz

Die Forschenden

Prof. Dr. Satyam Antonio Schramm studierte Psychologie in Valparaíso (Chile) und Oldenburg, wo er auch promovierte. Seit 2016 ist er in Potsdam Professor für Inklusionspädagogik mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung.
E-Mail: satyam.schrammuni-potsdamde

Anne Menke studierte Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften in Hannover. Seit 2017 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl Inklusionspädagogik - Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung.
E-Mail: anne.menkeuni-potsdamde

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2021 „Wandel“.