Eine Frage der Haltung – Wilfried Schubarth über schulische Demokratiebildung und die Vermittlung von Werten

Prof. Dr. Wilfried Schubarth | Foto: Tobias Hopfgarten
Quelle: Tobias Hopfgarten
Prof. Dr. Wilfried Schubarth

Professor Wilfried Schubarth hat sich als Lehrerbildner stets gesellschaftlich positioniert und für schulische Demokratiebildung stark gemacht. Jetzt geht der engagierte Erziehungswissenschaftler in den Ruhestand.

Herr Prof. Schubarth, Sie haben viele Jahre zunächst in der ost-, später in der gesamtdeutschen Jugendforschung gearbeitet. Mit der Professur für Erziehungs- und Sozialisationstheorie in Potsdam konnten Sie diese sozialwissenschaftliche Perspektive in die Lehramtsausbildung einbringen. Warum war und ist Ihnen dies wichtig?

Eine sozialwissenschaftliche Perspektive ist aus mehreren Gründen wichtig: Zum einen geht es um einen ganzheitlichen Blick auf Kinder und Jugendliche und nicht nur um deren Rolle als Lernende. Damit geraten Probleme der Alltagsbewältigung in den Fokus. Zum anderen brauchen Lehrkräfte ein sozialwissenschaftliches Verständnis, um gesellschaftlich bedingte Problemlagen, die in der Schule auftreten, einordnen zu können und eigene Handlungsmöglichkeiten, aber auch Grenzen zu erkennen. Das ist auch Burnoutprävention. Im Übrigen war schon im „Potsdamer Modell der Lehrerbildung“ eine sozialwissenschaftliche Grundbildung angelegt. Der Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule setzt auf mündige, demokratiebewusste Lehrkräfte. Insofern ist eine ausschließliche Fokussierung der Lehramtsausbildung auf Bildungs- und Unterrichtsforschung wenig zielführend und ich hoffe, dass diese Themen fortgeführt werden.

Steigende Erwartungen von Eltern, heterogener werdende Klassen, Erziehungsprobleme in Familien, auch Mobbing und – wie derzeit von Ihnen erforscht – Hate Speech in der Schule: Stellt all das nicht eine Überforderung für Lehrerinnen und Lehrer dar?

Ja und nein. Unter den derzeitigen Bedingungen ist Schule sicher überfordert. Nicht umsonst wird gefragt, wozu die Schule eigentlich da ist und ob sie sich nicht auf ihr „Kerngeschäft“, den Unterricht, konzentrieren sollte. Aber genau da liegt das Problem, dass „unterrichtsgerechte Kinder“ eher die Ausnahme sind und Unterrichten ohne Erziehung nicht funktioniert. Und schon sind wir bei Erziehungsfragen, bei Werten, Normen und Konflikten. Folglich brauchen alle Lehrkräfte entsprechende Kompetenzen, auch zur Kommunikation, Mediation und Kooperation. Schließlich sind die Herausforderungen nur im Team, im Verbund mit Fachleuten aus der Sozialarbeit und externen Einrichtungen, zu lösen. Da kann Deutschland viel von anderen Ländern lernen.

Von jeher plädieren Sie dafür, dass Lehrkräfte nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern den Schülerinnen und Schülern helfen, Kompetenzen zu entwickeln und ihre Persönlichkeit zu bilden. Wie haben Sie selbst die Studierenden darauf vorbereitet?

Lehrkräfte sind heute mehr denn je in erziehender und lernbegleitender Funktion gefragt. Bloße Wissensvermittlung funktioniert nicht mehr. Das hat auch der Distanzunterricht in der Corona-Pandemie gezeigt. Ohne Nähe, eine vertrauensvolle Beziehung ist Lernerfolg kaum zu erreichen. Nähe herzustellen, Beziehungsfähigkeit zu entwickeln ist auch eine Frage der Haltung. Deshalb habe ich, auch anhand von Praxisbeispielen, großes Augenmerk auf die Reflexion der eigenen Haltung und der eigenen Werte gelegt. Das war für Studierende, die das Studium als etwas betrachten, das mit ihrer Person nichts zu tun hat, eine neue Erfahrung. Aber gerade im Lehramt ist eine konsumorientierte Haltung fehl am Platz. Zum Glück gibt es viele fitte Lehramtsstudierende, die sich oft auch außerhalb des Studiums engagieren, was ihrem Studium wiederum zugutekommt.

Wie konnten Sie Ihre Forschungen – etwa zur schulischen Demokratiebildung, Werteerziehung, Gewaltprävention und Rechtsextremismus – in die Lehramtsausbildung einfließen lassen? Mit welchen Effekten?

Unsere Themen sind in Seminaren sehr nachgefragt, auch weil wir die Analysen mit Handlungsmöglichkeiten verbinden. Erziehungswissenschaft ist eine Handlungswissenschaft. Die Themen wurden auch in Qualifikationsarbeiten aufgegriffen. So ist aus einer Dissertation zur Mobbingprävention das Modellprojekt „PRIMO“ geworden, ein bundesweites Basiscurriculum für das Lehramt. Dafür bin ich Dr. Juliane Ulbricht und Vertretungsprofessor Dr. Sebastian Wachs dankbar. Gegenwärtig entsteht zusammen mit Sophia Bock, einer Lehramtsstudentin, ein Buch zu Verschwörungsmythen. Auch hier besteht enormer Aufklärungsbedarf.

Sie haben sich stets für mehr Praxisnähe und eine frühe Orientierung am Berufsfeld stark gemacht. Was hat sich hier verändert? Und worauf kommt es künftig besonders an?

Unsere Forschungen zur Beschäftigungsbefähigung, zu Praktika oder zum Studieneingang haben gezeigt, wie wichtig Praxiserfahrung ist – möglichst von Anfang an. Das war übrigens auch eine Ursprungsidee des „Potsdamer Modells“. Ob das Lehramtsstudium jetzt praxistauglicher geworden ist, wird erst die Bewährung in der Praxis zeigen. Verbesserungsmöglichkeiten sehe ich in der Zusammenarbeit aller Beteiligten, einschließlich der 2. Phase, also des Referendariats. Ich selbst habe noch die einphasige Lehramtsausbildung zu DDR-Zeiten durchlaufen und sehe auch deren Vorteile.

Ihre Antrittsvorlesung war der Frage gewidmet, was der Westen vom Osten in der Lehramtsausbildung lernen kann. Wie würden Sie die Frage heute beantworten?

Als erstem neu berufenen ostdeutschen Erziehungswissenschaftler war es mir wichtig, „ostdeutsche“ Perspektiven einzubringen. Vertanen Chancen nachzutrauern – ob im Schulbereich oder der Lehramtsausbildung – hilft nicht weiter. Dennoch würde ich den Ostdeutschen manchmal mehr Selbstbewusstsein wünschen, um einen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Nach mehr als 30 Jahren ist das überfällig. Das setzt beim Gegenüber Offenheit, Neugier und auch etwas Bescheidenheit voraus. Dass Deutschland in puncto Bescheidenheit und Demut Nachholbedarf hat, macht nicht zuletzt die Corona-Krise deutlich.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2021 „30 Jahre Uni Potsdam“ (PDF).