Entwicklungsmotor für Wirtschaft und Gesellschaft – Der Wissens- und Technologietransfer ist neben Forschung und Lehre zur dritten Säule der Universität geworden

Das Team von Potsdam Transfer | Foto: Tilo Bergemann
Quelle: Tilo Bergemann
Das Team von Potsdam Transfer

Eine web-basierte Plattform zur besseren Planung von Geschäftsprozessen – das war die Idee, mit der Absolventen des Hasso-Plattner-Instituts vor über zwölf Jahren den Start-up-Service der Universität Potsdam überzeugten. Es folgte ein EXIST-Stipendium, die umfassende Gründerberatung der Uni und ein Seniorcoaching, um dem jungen Unternehmen Signavio den Weg in die Wirtschaft zu ebnen. Ein Jahrzehnt später ist Signavio mit über 300 Beschäftigten in den USA, Australien, der Schweiz, Frankreich und Großbritannien so erfolgreich, dass es jetzt für eine Milliarde Euro vom Softwarekonzern SAP übernommen wurde. Für Unipräsident Oliver Günther zeigt dieses Beispiel, wie bedeutsam es ist, gute Ideen zu fördern und Innovationen aus der Wissenschaft zügig in die Praxis zu überführen.

Im 30. Jahr ihres Bestehens gehört die Universität Potsdam zu den transferstärksten Hochschulen Deutschlands. Erneut hat sie im „Gründungsradar“, dem deutschlandweiten Gründerranking des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, den dritten Platz belegt. Und dies als nicht-technische Hochschule. Diese gute Position sieht Oliver Günther in den schwierigen Aufbaujahren in den neuen Bundesländern begründet: „Die Hochschulen waren gefragt, zur Lösung der wendebedingten Strukturprobleme beizutragen. Wissenstransfer aus der Universität in die Wirtschaft hinein – sei es über Projekte, sei es über Menschen – tat offensichtlich Not.“ Die Universität habe aus dieser Not eine Tugend gemacht und bereits in den 90er-Jahren eine Vielzahl von Werkzeugen eingesetzt, um den Transfer in die Unternehmen hinein zu optimieren, so Günther.

Einer der Wegbereiter ist der emeritierte BWL-Professor und ehemalige Vizepräsident Dieter Wagner, der sich an die Einrichtung der Transferstelle 1994 und den Aufbau der Gründerstrukturen gut erinnern kann – beginnend beim wirtschaftsbezogenen Technologietransfer über die Technologiescouts, die in den Instituten und Laboren nach interessanten Ideen Ausschau halten, bis zum Coaching von Start-ups. 1998 wurde die universitätseigene UP Transfer GmbH gegründet, ein kommerzielles Standbein für Vermarktung, Weiterbildung und Kooperationen mit der Wirtschaft. Seit 2011 schließlich ist „Potsdam Transfer“ die zentrale Einrichtung für den Wissens- und Technologietransfer an der Uni. „280 Start-ups, also ca. 30 Gründungen pro Jahr, wurden hier seither begleitet“, berichtet dessen Geschäftsführer Sascha Thormann. „Einige der Unternehmen fanden Platz im Golmer Technologiezentrum, der GO:INcubator GmbH, die 2008 durch den Vorstand der Universitätsgesellschaft Potsdam e.V. gegründet wurde. Jetzt öffnet gleich nebenan ein zweites GO:IN mit neuen Entfaltungsräumen für wissenschaftsnahe Start-ups.“

Neben Forschung und Lehre ist der Transfer inzwischen zur dritten Säule der Universität geworden. Die brandenburgische Landesregierung hat 2017 – als erstes Bundesland – eine Transferstrategie vorgelegt, die übrigens von der Transferstrategie der Uni inspiriert war. Als ein weiterer Meilenstein gilt die Einrichtung einer Professur für den Wissens- und Technologietransfer.  „Damit werden unsere Themen nun viel stärker in Lehre und Forschung verankert“, sagt Sascha Thormann. Er und sein 40-köpfiges Team verstehen sich als Dienstleister für die gesamte Uni, für die Forschenden ebenso wie für die Studierenden. „Viele von uns sind Alumni und tragen deshalb die DNA der Hochschule in sich. So können wir mit allen auf Augenhöhe kommunizieren“, sagt Johannes Zier, der Leiter des Start-up Service bei Potsdam Transfer. „Von Vorteil ist auch, dass wir alles unter einem Dach anbieten“, ergänzt Sascha Gohlke vom Patent- und Lizenzservice und beschreibt dies am Beispiel des Start-ups „diamond inventics“, das einen Schnelltest zum Nachweis von Mikroorganismen in Wasserproben entwickelt hat. „Zunächst mussten zwei Patente angemeldet werden. Kein leichtes Unterfangen, weil wir bei einer Gemeinschaftserfindung sehr viele verschiedene Interessen und rechtliche Bestimmungen beachten mussten“, berichtet der promovierte Physikochemiker, der die Bedürfnisse der Wissenschaftler versteht und sie gleichermaßen als Experte für gewerblichen Rechtsschutz fachkundig beraten kann.

Auf der Suche nach betriebswirtschaftlicher Expertise nutzten die Forscher ein weiteres Angebot von Potsdam Transfer, das Gründer-Speed-Matching, und konnten so ihr Team vervollständigen. „Für die Gründungsphase erhielt das Start-Up dann ein EXIST-Stipendium und unser komplettes Beratungsprogramm“, erzählt Johannes Zier. Auch danach sei der Kontakt nicht abgerissen. „Unser Messeservice unterstützte die Firma bundesweit und im Ausland, etwa auf der Tel Aviv University Innovation Conference.“ Mit dem vom Bund geförderten Projekt „EXIST Potentiale“ agiert Potsdam Transfer jetzt verstärkt auch international: in Slowenien, Polen, Finnland, Israel und bald in den europäischen Partnerländern des Hochschulkonsortiums EDUC.

Generell steht den an der Universität geförderten Start-ups nach der Gründung ein dichtes Mentoren- und Investorennetzwerk zur Verfügung, ob im Babelsberger Media Tech Hub Accelerator, im universitären Career Service oder im Partnerkreis Industrie und Wirtschaft mit seinen inzwischen über 50 Mitgliedern. Neben der Vermittlung von Fachkräften geht es hier immer auch um anwendungsorientierte Forschungsprojekte.

Ein Weg dorthin führt mitunter über sogenannte Joint Labs, wie das für „Optische Prozess- und Analysetechnologien“ (OPAT). Die UP und das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung arbeiten hier gemeinsam daran, neuartige Messverfahren vom Labor in die Industriepraxis zu überführen. Solche Joint Labs sollen im „Technologiecampus“ des vom BMBF geförderten Projektes „Innovative Hochschule Potsdam“ (Inno-UP) etabliert werden. Dieses Projekt, zu dem auch die Entwicklung einer Universitätsschule durch den „Bildungscampus“ und ein auf Bürgerbeteiligung fußender „Gesellschaftscampus“ gehören, bietet Potsdam Transfer eine Chance, auch in der Zukunft seine Vorreiterrolle zu behaupten.  
 

Dieser Text erscheint im Universitätsmagazin Portal - Eins 2021.