Laut werden – und zugleich ganz ruhig – Ein Vierteljahrhundert singt Petra Ceglarek im Unichor „Campus Cantabile“. Über die Musik ist sie mit ihrer Universität verbunden geblieben

Alumna und Chorsängerin Petra Ceglarek | Foto: Christa Sohnius
Campus Cantabile und Sinfonietta Potsdam im Nikolaisaal | Foto: Karla Fritze
Foto : Christa Sohnius
Alumna und Chorsängerin Petra Ceglarek
Foto : Karla Fritze
Campus Cantabile und Sinfonietta Potsdam im Nikolaisaal
Sie hätten so gut in die Zeit gepasst, die mittelalterlichen Gesänge aus Beuern, weltliche Lieder über die Wechselfälle des Lebens: Aufstieg und Niedergang, Glück und Unglück, Liebe und Vergehen. In der Vertonung von Carl Orff sind die „Carmina Burana“ eines der beliebtesten Chorwerke geworden. Dirigent Kristian Commichau hatte sie mit dem Potsdamer Universitätschor „Campus Cantabile“ vollständig einstudiert. Dann aber durchkreuzte Corona die Sangesfreude, der Nikolaisaal schloss und eine Aufführung kam nicht mehr zustande. „Schade“, sagt Petra Ceglarek, „es sollte ein besonderes Konzert zum 25-jährigen Bestehen des Ensembles werden.“ Für die Altistin hätte sich damit ein Kreis geschlossen, denn sie war von Anfang an dabei.

1995, als Musikprofessor Kristian Commichau an die Universität Potsdam kam, hatte Petra Ceglarek gerade begonnen Psychologie zu studieren. Zuvor war sie im brandenburgischen Luckau Mitglied eines sehr guten Kammerchors gewesen. Das Singen fehlte ihr nun und auch die Gemeinsamkeit. Umso glücklicher war sie, als Kristian Commichau ankündigte, einen Universitätschor aufzubauen. Nicht nur für die künftigen Musiklehrerinnen und Musiklehrer, zu deren Ausbildung die Ensemblearbeit gehört, sondern für alle, die Freude daran haben.

Die erste Probe fand in der Mensa am Neuen Palais statt. Und was lag auf dem Notenpult? Carl Orffs „Carmina Burana“. Petra Ceglarek lacht und zieht das alte Programmheft aus einer Mappe, in der sie sämtliche Konzertkritiken und Zeitungsberichte über „Campus Cantabile“ gesammelt hat. Teils schon vergilbtes Papier, obwohl 25 Jahre für einen Chor kein Alter sind. Die Psychologin, die in Potsdam auch promovierte, erinnert sich an jede einzelne Aufführung: von Ludwig van Beethovens „Chorfantasie“ über Joseph Haydns „Schöpfung“ bis zu Henry Purcells „Fairy Queen“. Immer habe Kristian Commichau etwas Besonderes daraus gemacht, entweder in der Instrumentierung oder in der Kombination mit Schauspiel und Tanz, wie zuletzt in der halbszenischen Aufführung „Rameau. Jeanne. Ein Fest“, als die Choristen in das rhythmische Bewegungsspiel der studentischen Gruppe „Body Lab“ einbezogen wurden.

Ihr persönliches Highlight sei aber „Orphee et Euridice“ gewesen, sagt Petra Ceglarek. Die Oper von Christoph Willibald Gluck war in einem riesigen Kraftakt als Uni-Gemeinschaftswerk im Auditorium maximum aufgeführt worden. Studierende der Arbeitslehre hatten die Kulissen gebaut, die dann von Kunststudierenden bemalt wurden. Kostüm und Maske, Licht und Ton – alles wurde selbst gemacht. Die Musik spielte die „Sinfonietta Potsdam“, das ebenfalls von Kristian Commichau gegründete Universitätsorchester, das den Chor bis heute begleitet.

Wenn aus den Tönen Musik wird

Auch wenn in den beiden künstlerischen Ensembles ein ständiges Kommen und Gehen herrscht, weil Studierende eben nur für eine gewisse Zeit an einer Hochschule bleiben, mag Petra Ceglarek das immer neu entstehende Gemeinschaftsgefühl, das sich über die Musik noch verstärkt. Die verlässliche Konstante dabei ist und bleibt für sie der künstlerische Leiter. „Wenn ich ihn als Mensch und Musiker nicht so schätzen würde, wäre ich sicher nicht mehr dabei“, ist sie überzeugt. Kristian Commichau schaffe es jedes Mal aufs Neue, die Werke analytisch so auseinanderzunehmen, dass die innere musikalische Struktur fassbar werde. Das sei selbst bei Stücken so, zu denen sie zunächst keinen Zugang gefunden habe, zum Beispiel das Oratorium „König David“ des Schweizers Arthur Honegger. „Am Anfang, wenn es darum geht, Töne zu lernen, ist das vor allem kognitiv herausfordernd. Und wenn später aus den Tönen Musik wird, strengt das auch körperlich an“, erzählt die passionierte Chorsängerin. „Nach und nach taucht man jedoch immer tiefer ein, blendet alles andere aus. Und dann kommen die Glücksgefühle, im letzten Drittel der Proben, wenn man beginnt, musikalisch zu gestalten.“

Das Singen gibt ihr die Möglichkeit, ganz bei sich zu sein, die eigene Stimme wahrzunehmen, laut und gleichzeitig ruhig zu werden. Als Arbeitspsychologin weiß sie, wie wichtig es ist, solche Freiräume zu schaffen, in denen sich die Kraft schöpfen lässt, die man für Beruf und Familie benötigt. „Die Chorprobe ist der feste Termin in der Woche, für den ich alles andere liegen lasse.“

Wenn dann der Chor und das Orchester der Universität in den Nikolaisaal einladen, um ihr monatelang geprobtes Werk aufzuführen, ist die Familie wieder dabei. Viele Studierende kommen, Leute aus der Univerwaltung und aus der Forschung und natürlich das Potsdamer Konzertpublikum. „Es ist wie ein großes Klassentreffen“, sagt Petra Ceglarek. „Jeder Einzelne trägt dazu bei, dass am Ende etwas Großes, etwas Gemeinsames entsteht.“ Eine besondere Form der Kommunikation, die auch der Präsident der Universität zu schätzen weiß: Oliver Günther begrüßt nicht nur die Gäste, sondern nimmt auch mal den Taktstock in die Hand oder reiht sich ein in den Chor, um mitzusingen. „Auch das ist etwas, das man nicht überall findet“, meint die ehemalige Studentin Petra Ceglarek und es ist zu spüren, dass der Faden zu ihrer Universität niemals abgerissen ist.

www.uni-potsdam.de/de/chor-orchester

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Transfer 2020/21 (PDF).