Gesundheit geht durch den Magen – Auf dem Weg zum „Internet der Kühe“: die Potsdamer Firma dropnostix

Dropnostix-Gründer Lars Abraham im Kuhstall | Foto: Wiebke Heiss
Quelle: Wiebke Heiss
Dropnostix-Gründer Lars Abraham im Kuhstall

Ein Betriebswirt mit Gründungsabsichten und ein promovierter Biochemiker mit technischem Know-how – das ist die Mischung, der es bedurfte, Digitalisierung nicht nur in die Ställe der Landwirte, sondern auch in die Mägen von Milchkühen zu bringen. Mit einer technischen Innovation, mit der sich die Gesundheit von Rindern permanent überwachen lässt, haben Lars Abraham und Uni-Absolvent Dr. Michael Breitenstein das Start-up dropnostix ins Leben gerufen. Der Weg von der Idee bis zur Einführung des Produktes war jedoch keinesfalls geradlinig.

„Eigentlich fing alles damit an, dass wir einen kontinuierlichen Schwangerschaftstest mit Sensoren für Kühe entwickeln wollten“, erinnert sich Geschäftsführer Lars Abraham. „Aber wir sind da schnell an marktwirtschaftliche Grenzen gestoßen. Es war einfach nicht möglich, das umzusetzen“, so der Betriebswirt. Den Anstoß zur Weiterentwicklung der Initial-Idee kam dann im direkten Kontakt mit den Kunden, also den Landwirten. Sie wünschten sich ein System, das den Tierarzt und das abhorchende Stethoskop simuliert und bei Krankheiten frühzeitig Alarm schlägt. Schnell rückte der Pansen in den Fokus, denn der größte der drei Vormägen eines Wiederkäuers lässt wichtige Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand eines Tieres zu. Abraham und Breitenstein, der Entwickler im Team, begannen daran zu tüfteln, was Sensoren hier leisten könnten.

Mit EXIST in die Gründungsphase

Den nötigen Rückhalt boten ein EXIST-Gründerstipendium und der Gründungs- und Transferservice der Universität Potsdam. Das sei „wahrlich ein Segen“ gewesen, da sie sich nun finanziell abgesichert ausschließlich ihrer Idee widmen konnten. Heraus gekommen ist ein in der Fachsprache „Bolus“ genannter zehn Zentimeter langer Behälter, in dem kleine Messinstrumente sitzen. Dieser wird dem Wiederkäuer wie ein Medikament tief in den Rachen gelegt, sodass er per Schluckreflex im Vormagen landet. „Für die Kuh ist das, als würde sie ein TicTac schlucken“, beruhigt Lars Abraham.

Der animalische Mintdrop löst sich allerdings nicht auf, sondern bleibt dank einer schweren Stahl-Ummantelung für die nächsten Jahre im Pansen liegen. Darin befinden sich eine Art Thermometer, ein Beschleunigungsprozessor und das Glanzstück des Monitoringsystems – ein Sensor, der sich auf die Kontraktionen des Vormagens konzentriert. Die Messdaten jedes einzelnen Tieres werden über Stallempfänger an eine typische Cloud-Server-Architektur übertragen, wo sie verarbeitet und als aufbereitete Information direkt auf das Smartphone oder den PC des Landwirtes gefunkt werden, damit er schnell Rückschlüsse ziehen kann. Die Temperatur, zum Beispiel, zeigt ihm, ob das Tier Fieber hat oder aber ob es normal trinkt. Und der Beschleunigungsprozessor gibt Auskunft darüber, ob eine Kuh zur Paarung bereit ist, weil sie während der Brunst aktiver wird.

Der ultimative Indikator ist jedoch der dritte Sensor, das digitale Tierarzt-Stethoskop. Frisst das Vieh nicht, werden weniger Kontraktionen gemessen. Das ist der Moment, in dem der Landwirt mit Sicherheit weiß, dass er genau hinschauen muss. Im Kreislauf von Besamen, Gebären und Milchproduktion wird einer Kuh permanent Hochleistung abverlangt. Da muss die Energiezufuhr stimmen. Appetitlosigkeit könnte ein Anzeichen von Krankheiten sein oder auch auf Futter von geringer Qualität hinweisen. „Das frühe Erkennen von Verdauungsproblemen ist das A und O. Bei einem schnellen Einschreiten kann Schlimmeres verhindert und der Einsatz von Medikamenten bis hin zu Antibiotika minimiert werden“, erklärt Lars Abraham.

Früherkennung ist essenziell

Mit dem digitalen Überwachungssystem will die Firma dropnostix Landwirte unterstützen, die wirtschaftlich unter hohem Druck stehen. Die Milchpreise lassen kaum Spielraum für zusätzliche Ausgaben. Eine Früherkennung von Krankheiten und der Brunst ist in großen Herden bei wenig Personal essenziell. Deshalb folgt das Potsdamer Unternehmen konsequent seiner Vision: ein Internet der Kühe zu schaffen. Schon in den nächsten Monaten werden 500 Kühe von Bayern bis an die Nordseeküste mit dem System ausgestattet sein. 30 sind es jetzt schon – in der Lehr- und Versuchsanstalt für Tierzucht und Tierhaltung e.V., in Ruhlsdorf/Groß Kreutz. Eine Förderung durch die Deutsche Innovationspartnerschaft Agrar machte es möglich. Die erhobenen Gesundheitsdaten stellen die Bauern dem Unternehmen zur Verfügung. So kann der Algorithmus des Systems kontinuierlich verbessert werden – und damit auch das Wohlergehen der Kühe. Eine Win-Win-Situation.

Ein langer Weg, eine gute Vision, eine große Aufgabe. Lars Abraham und Michael Breitenstein sehen die Gründung eines Unternehmens pragmatisch bis romantisch: Es sei so ähnlich wie eine gute Ehe. „Ganz am Anfang ist es wichtig, genau hinzuschauen, an wen man sich bindet.“ Das hat bei dropnostix augenscheinlich funktioniert. Und die fernere Zukunft? Wird das Unternehmen noch auf andere Felder expandieren, die sich mit diesem System unterstützen lassen? „Wir sind bescheiden“, sagt Abraham und grinst. „Auf der Welt gibt es mehr als 250 Millionen Milchkühe. Wenn wir davon zehn Prozent ausstatten, dann reicht uns das.“

Gründungsservice der Universität Potsdam:

Der Gründungsservice gehört zu den Kernkompetenzen von Potsdam Transfer, der zentralen wissenschaftlichen Einrichtung für Gründung, Innovation und Transfer an der Universität Potsdam. Studierende, Mitarbeitende sowie Alumni erhalten in einer individuellen Beratung und Betreuung die notwendigen Bausteine für ein erfolgreiches Start-up. Dies umfasst den gesamten Prozess der Existenzgründung, von der ersten Idee über die Entwicklung eines Geschäftsmodells und der eigenen Gründerpersönlichkeit bis hin zur Finanzierung. Darüber hinaus können sich außeruniversitäre Gründungsinteressierte im Zuge der Internationalisierung oder für eine EXIST-Beratung an Potsdam Transfer wenden: www.uni-potsdam.de/de/potsdam-transfer

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Transfer 2020/21 (PDF).