Zehn Fragen für ein Buch – „Jewish, Gay and Proud: The Founding of Beth Chayim Chadashim as a Milestone of Jewish Homosexual Integration“

Jan Wilkens, Autor von „Jewish, Gay and Proud: The Founding of Beth Chayim Chadashim as a Milestone of Jewish Homosexual Integration“. | Foto: Jens Koschel
Quelle: Jens Koschel
Jan Wilkens, Autor von „Jewish, Gay and Proud: The Founding of Beth Chayim Chadashim as a Milestone of Jewish Homosexual Integration“.

Zehn Fragen für ein Buch, gestellt an Jan Wilkens, Autor des Buches „Jewish, Gay and Proud: The Founding of Beth Chayim Chadashim as a Milestone of Jewish Homosexual Integration“, Universitätsverlag 2020.

Was steht in Ihrem Buch – in drei Sätzen?

Das Buch behandelt die Gründungsjahre der weltweit ersten schwul-lesbischen Synagoge Beth Chayim Chadashim in Los Angeles. Ihre Gründung war revolutionär, denn das organisierte Judentum akzeptierte zu diesem Zeitpunkt keine Abweichung von der heterosexuellen Norm. Dennoch wurde die Synagoge zwei Jahre nach ihrer Gründung in das Reformjudentum aufgenommen — das Buch verfolgt die Diskussionen, die damit einhergingen.
 
Hat Ihr Buch eine Geschichte?

Bei dem Buch handelt es sich um meine Masterarbeit, die ich am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft verfasst habe. Damit verbunden war ein Rechercheaufenthalt in Los Angeles, bei dem ich nicht nur viel Zeit im Archiv der Synagoge verbracht habe, sondern auch inspirierende Menschen aus der queer-religiösen Landschaft des Landes kennenlernen durfte.
 
Warum ist Ihr Buch wie kein anderes?

Das queere Judentum und seine Geschichte ist in der Wissenschaft immer noch ein unterrepräsentiertes Thema. Dass Beth Chayim Chadashim die erste Synagoge ihrer Art war, wird in der bisherigen Fachliteratur zwar erwähnt, aber die genaue Ausgestaltung ihrer Gründung und der erstaunlich frühen Aufnahme ins Reformjudentum wurden bisher nur wenig erforscht.
 
Sie veröffentlichen im Universitätsverlag Potsdam – und damit open access. Warum?

Mir war es wichtig, dass die Menschen, mit denen ich in Los Angeles zusammengearbeitet habe, Zugriff auf das Buch haben. Jede bzw. jeder, der bzw. die Interesse hat, sich über Beth Chayim Chadashim und queeres Judentum zu informieren (häufig eben nicht nur Akademikerinnen und Akademiker), soll die Möglichkeit dazu haben. Weltweite Erreichbarkeit von Forschung ist für mich eine der größten Stärken von Open Access.

Wer sollte Ihr Buch lesen – und wann?

Jede bzw. jeder, der bzw. die sich auf eine einmalige Geschichte einlassen möchte. Alle, die die Meinung, dass Religionen per se queerfeindlich sind, hinterfragen möchten. Aber auch solche, die sich fragen, ob und wie Religiosität und eine nicht-heterosexuelle Identität zusammengeführt werden können. Letztlich weitet die Geschichte von Beth Chayim Chadashim die Vorstellung von jüdischer Geschichte im Allgemeinen — sie ist bunter und vielfältiger als manchmal vermittelt wird.

Planen Sie weitere Arbeiten, die das Leben von queeren Jüdinnen und Juden reflektieren?

Ja, derzeit arbeite ich an meiner Promotion zu queeren jüdischen Gruppen in Europa, die in den 1970er Jahren – etwa zeitgleich zu Beth Chayim Chadashim – entstanden. Ich möchte deren Geschichte nachverfolgen und ihre Verbindungen in die USA analysieren, in denen ein ganzes Netzwerk von jüdischen, schwul-lesbischen Institutionen entstand.

Was lesen Sie selbst?

Derzeit lese ich viel für meine Promotion, besonders zum Gegenstand der Queer History. In meiner Freizeit lese ich gerade „On Earth We’re Briefly Gorgeous“ von Ocean Vuong — eine beeindruckende Stimme aus der queeren Asian-American Community. Da das schon recht viel ist, versuche ich auch mehr und mehr, meine Podcast-Liste zu erweitern.
 
Was hat Spaß gemacht beim „Buchmachen“ – und was eher nicht?

Der Rechercheaufenthalt in den USA war eine ganz besondere Erfahrung für mich. Die Arbeit in den Archiven, das Zusammenkommen mit Menschen, die das, was im Archiv steht, live erlebt haben, und natürlich auch Los Angeles als unglaublich spannende Stadt haben mich nachhaltig geprägt. Als ich dann wieder zurück in Deutschland war und die Arbeit geschrieben habe, hat mich all dies durch den Schreibprozess getragen.
Was natürlich immer aufwendig und zeitintensiv ist, sind Feinheiten wie Zitation und Fußnoten. Da dies aber zum wissenschaftlichen Arbeiten wie das Mehl zum Backen gehört, war ich darauf gut eingestellt.

Wenn Sie könnten: Würden Sie sich für das Buch einen Preis verleihen – und wenn ja, welchen?

Meine Masterarbeit wurde vor Kurzem mit dem Hans-Jürgen Bachorski-Preis der Philosophischen Fakultät ausgezeichnet. Damit bin ich schon sehr zufrieden!

Und nun noch 3 Sätze zu Ihnen …

Jan Wilkens ist Doktorand am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft und wird für seine Promotion von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert. Seinen Master in Jüdischen Studien hat er ebenfalls in Potsdam abgeschlossen. Neben der queeren jüdischen Community beinhalten seine Forschungsinteressen die jüdisch-feministische Bewegung, Erinnerungskultur(en) sowie Provenienzforschung. In seiner Freizeit engagiert er sich ehrenamtlich bei verschiedenen Vereinen der Erwachsenen- und Jugendbildung.

 

„Zehn Fragen für ein Buch“ öffnet die Tür zum Potsdamer Universitätsverlag und stellt regelmäßig Neuerscheinungen vor. „Jewish, Gay and Proud: The Founding of Beth Chayim Chadashim as a Milestone of Jewish Homosexual Integration“ ist hier online verfügbar – oder hier als Buch zu bestellen. Weitere Neuerscheinungen aus dem Universitätsverlag hier.