Aufstehen – Gemeinsam gegen rassistische Diskriminierung an der Hochschule

Gemeinsam gegen Rassismus an der Hochschule. Die zentrale Gleichstellungsbeauftragte Christina Wolff (links) und die Referentin für Chancengleichheit und Diversity Dr. Nina Khan (rechts). | Foto: Thomas Roese
Quelle: Thomas Roese
Gemeinsam gegen Rassismus an der Hochschule. Die zentrale Gleichstellungsbeauftragte Christina Wolff (links) und die Referentin für Chancengleichheit und Diversity Dr. Nina Khan (rechts).

Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem und damit auch ein Problem der Universität Potsdam, sagen Dr. Nina Khan, seit Juni 2020 Referentin für Chancengleichheit und Diversity, und die zentrale Gleichstellungsbeauftragte Christina Wolff. Sie widmen sich in ihrer Arbeit unter anderem den Auswirkungen von rassistischen Zuschreibungen und der Frage, was gegen Diskriminierung getan werden kann. Magda Pchalek hat sie gefragt, was die Universität Potsdam bereits gegen Rassismus tut und wo es noch Handlungsbedarf gibt.

Was ist eigentlich Rassismus?

Khan: Rassismus ist eine Ideologie, die Menschen auf Grund ihres Äußeren, ihres Namens, ihrer zugeschriebenen oder tatsächlichen Herkunft oder Religion abwertet, gesellschaftlich und politisch benachteiligt und ausschließt. Ungleiche soziale und ökonomische Lebensverhältnisse, die Ausschlüsse von Menschen und auch Gewalt gegen Menschen werden mit Rassismus legitimiert. Es handelt sich um einen Komplex von Einstellungen und Handlungen, der eine hierarchische Unterscheidung von Menschen vornimmt. Diese Einteilung und Hierarchisierung von Gruppen ist sozial konstruiert – das ist sehr wichtig – und basiert darauf, dass aus einer Vielzahl von meist körperlichen Merkmalen, die man aussuchen könnte, einzelne herausgegriffen werden – zum Beispiel die Hautfarbe –, zum entscheidenden Unterscheidungskriterium gemacht und als naturgegebenes Merkmal gesehen werden. Diesen Merkmalen werden dann zumeist negative Eigenschaften – manchmal aber auch vermeintlich positive Merkmale – zugeordnet und dann auf die gesamte sozial konstruierte Gruppe angewendet, also verallgemeinert. Und die Abwertung der sogenannten Anderen, die im Prozess des Othering geschaffen werden, wertet das Eigene implizit auf. Die Ausgangsperspektive ist die unmarkierte, unbenannte weiße Norm. Es ist wichtig, Rassismus nicht nur als individuelle, intentionale bösartige Handlung zu verstehen – dies verhindert eine konstruktive Auseinandersetzung. Menschen können das System stützen, ohne es zu wissen, und sie können rassistische Weltanschauungen weitertragen, ohne es zu merken. Leider besteht in der Mehrheitsgesellschaft immer noch die Vorstellung, Rassismus sei mit Rechtsextremismus und Nazis gleichzusetzten – es ist aber wichtig, Rassismus auch in seinen subtilen, teilweise nicht intendierten Wirkungsweisen zu verstehen und in seiner strukturellen Natur, die unsere Gesellschaft durchzieht. Erst dann können wir das Problem richtig angehen. Auch gibt es heutzutage einen Konsens darüber, dass es keine menschliche „Rassen“ gibt, und dennoch ist Rassismus als System immer noch wirkmächtig in unserer Gesellschaft.

Gibt es an der Uni Potsdam Rassismus. Und wenn ja in welcher Form?

Khan: Die Frage ist nicht, ob es Rassismus an der Uni Potsdam gibt, sondern in welcher Form. Wir leben in einer Gesellschaft, die durch Rassismen mitstrukturiert ist. Rassismus ist eine gesellschaftliche Realität. Es gibt somit keine gesellschaftlichen Bereiche oder Institutionen, die gänzlich frei von Rassismus sind. Die Universität Potsdam bildet hier nicht die goldene Ausnahme. Wir verfügen noch nicht über Daten zu rassistischer Diskriminierung und Ausschlüssen an der Universität Potsdam. Das ist eine Leerstelle, die wir schließen wollen. Daher kann ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Zahlen nennen. Ich stelle eher Fragen: Wer ist an der Hochschule vertreten? Wie viele Schwarze Menschen und People of Color sind hier? Und in welchen Bereichen? Zum Beispiel: Wie viele schwarze Professorinnen gibt es? Wie ist die Studierendenschaft, wie ist die Verwaltung zusammengesetzt? Wie ist die Wissensvermittlung gestaltet, welches Wissen wird gelehrt? Welche Theoretikerinnen und Theoretiker werden gelesen, wessen Geschichte wird erzählt? Wie wird damit umgegangen, wenn Studierende über Rassismus-Vorfälle, zum Beispiel in Seminaren, berichten? Das sind Fragen, denen wir uns stellen müssen und denen wir nachgehen sollten.

Wolff: Ich kenne einen Fall, wo es in einem Seminar um die Sprache der Lehrperson ging, wie sie Begrifflichkeiten verwendete. Eine schwarze Studentin fühlte sich durch die unreflektierte Benutzung historischer Begriffe verletzt – weil diese Begriffe nicht genug aufgearbeitet und im Kontext reflektiert wurden. Die Studierenden benutzten diese Begrifflichkeiten dann weiter, ohne dass darüber ein Diskurs geführt wurde, und reproduzierten dadurch rassistische Zuschreibungen. Das ist schon ein paar Jahre her und es wurde mit der Lehrperson im Nachgang auch offen dazu diskutiert. Aber ich glaube, dass das häufiger passiert und nicht jede Person bereit ist, eigene – oft auch unbewusste – Stereotypen und Denkmuster zu hinterfragen. Und wenn dann die Studierenden nicht wissen, wohin sie sich wenden können, werden sie Unterstützung außerhalb dieser Hochschule suchen – zum Beispiel im Freundeskreis.

Was macht Rassismus mit den Betroffenen?

Khan: Rassismuserfahrungen sind schmerzhaft und können traumatisierende Folgen haben, abgesehen von den strukturellen Ausschlüssen und Benachteiligungen und was diese nach sich ziehen. Ich würde in dem Zusammenhang gerne darauf hinweisen, dass es viele Menschen in Deutschlang gibt, die Rassismuserfahrungen machen, und schon lange darüber berichten – in Form von Büchern, Podcasts, Filmen und Videos. Jede Person, die sich dafür interessiert, kann sich über die individuellen Auswirkungen von Rassismus informieren. Viele Betroffene machen schon lange auf das Thema aufmerksam, wurden und werden aber nicht gehört. Deshalb ist mein Apell hinzuhören und sich mit den Berichten und Forderungen von Betroffenen rassistischer Diskriminierung auseinanderzusetzen. Ein Buch spezifisch zu Rassismuserfahrungen an Hochschulen ist zum Beispiel „eingeschrieben. Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen“ von Emily Ngubia Kuria, die unter anderem Interviews mit Hochschulangehörigen geführt hat. Die Menschen, die dort berichten, übernehmen die Aufgabe, die Mehrheitsgesellschaft über Rassismus aus der Betroffenenperspektive zu unterrichten. Die Reaktionen auf Berichte dieser Art sprechen diese Erfahrungen oft ab – in dem Sinne, dass der Rassismus negiert und den Betroffenen unterstellt wird, sie würden sich anstellen, wären zu sensibel. Umso anstrengender und schwieriger ist es für Betroffene, immer wieder darüber zu berichten. Was wir aber auch fragen müssen, ist: Was macht Rassismus mit denjenigen, die in diesem System privilegiert sind? Inwiefern profitieren sie von Rassismus, gewollte oder ungewollt? Inwiefern verbreiten sie Rassismen weiter? Es geht also nicht nur um den Blick auf die Betroffenen, sondern darum, dass alle sich und ihre jeweiligen Verortungen in diesem System reflektieren.

Was tut die Universität Potsdam gegen Rassismus?

Wolff: Bis Ende Juni 2020 hatten wir keine spezifische Beratungsstelle. Die Stelle von Frau Khan wurde im Juni besetzt. Sie ist unsere neue Referentin für Chancengleichheit und Diversity im Koordinationsbüro für Chancengleichheit. Sie soll den Beratungsbedarf in diesem Feld bündeln – mit einem Konflikt- und Beschwerdekonzept, wobei durch Öffentlichkeitsarbeit sichtbar werden soll, wohin sich Personen mit Erfahrungen von rassistischer Diskriminierung wenden können. Wir wollen die Beratung zu Diskriminierungserfahrungen, auch aufgrund von rassistischen Zuschreibungen, systematisch ausbauen. Wir sind am Anfang von einem System, was gut vernetzt arbeiten kann und gerade für Betroffene sichtbar gemacht werden muss. Besonders befasst sind aktuell der AStA mit dem Antira-Referat, aber auch das International Office, der Service für Familien und die Beauftragten für Studierende und Mitarbeitende mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, gerade wenn bei Personen Lebenssituationen mögliche Mehrfachdiskriminierung hervorbringen. Außerdem sind die Gleichstellungsbeauftragten – also ich und meine dezentralen Kolleginnen – gute Anlaufstellen. Und wir haben Vertrauenspersonen im Rahmen des Konfliktmanagements. Die Kollegen und Kolleginnen haben oft eine Mediationsausbildung, werden regelmäßig supervisiert und haben immer ein offenes Ohr für die Belange der Hochschulangehörigen. Natürlich hat die Hochschule auch eine AGG-Beschwerdestelle für das Universitätspersonal, die der Leitung des Dezernats für Personal- und Rechtsangelegenheiten obliegt.  

Khan: Beratung zu Rassismus ist Teil meiner neuen Aufgaben an der Universität Potsdam und es ist ein wichtiges Zeichen, dass diese Stelle seit Juni 2020 existiert. Die UP hat es sich zum Ziel gesetzt, umfassende Antidiskriminierungsarbeit zu leisten, und durchläuft hierfür in den kommenden zwei Jahren das Diversity Audit „Vielfalt gestalten“ des Stifterverbands. Im Laufe dieses Prozesses soll eine hochschulweite Diversitätsstrategie entwickelt und dabei ein besonderer Fokus auf Rassismus gelegt werden.

Was muss noch getan werden?

Wolff: Rassismus-Forschung erscheint mir in dem Kontext sehr wichtig – das gibt es hier bisher wenig. Und auch der Gedanke, ein interdisziplinäres Zentrum zu haben, gefällt mir, so ähnlich, wie ich es mir auch für die Genderforschung wünsche, wo es Netzwerke gibt, Forschende eingeladen, internationale Kooperationen gepflegt werden. Kritische Lehre scheint mir auch sehr wesentlich zu sein – Rassismus und Antirassismus sollten Querschnittsthemen sein. Gerade in der Lehramtsausbildung braucht es ein Mehr an kritischer Lehre, da diese jungen Lehrerinnen und Lehrer in einem Land arbeiten werden, in dem wir uns definitiv für mehr Toleranz und Vielfältigkeit einsetzen müssen. Ich denke, es braucht noch mehr Zusammenarbeit – Projekte und Initiativen – zwischen den Einrichtungen, die sich schon in Teilen mit Rassismus beschäftigen. Also zum Beispiel dem Gleichstellungsbüro, dem International Office, dem AStA, dem Refugee Teachers Program. Außerdem ist es wichtig, Beschwerdewege klar zu definieren und eine Antidiskriminierungsrichtlinie zu etablieren, die Prozesse standardisiert und Rechtssicherheit schafft. Auch die Diversität der beratenden Personenscheint mir sehr wichtig! Vertrauenspersonen im Rahmen des Konfliktmanagements gibt es zum Beispiel seit 2014. Sie sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vom Präsidenten benannt werden und dabei sollte ein größerer Fokus auch auf Diversität gelegt werden. Wir suchen dringend neue Vertrauenspersonen! Wir suchen vielfältige Menschen dafür, die die Vielfalt unsere Hochschule abbilden. Es sollte einfach Teil der Hochschulkultur sein, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Ich wünsche mir eine offene Gesprächskultur zu dieser Thematik!

Khan: Ergänzen möchte ich, dass wir Daten brauchen, zum einen zu rassistischer Diskriminierung hier an der Hochschule, aber auch zur Zusammensetzung der Studierendenschaft und der Belegschaft . Wir planen im Frühjahr 2021 eine Umfrage zu Diversität und Diskriminierung an der UP, um diese Leerstelle anzugehen. Ohne Daten ist es schwierig, mangelnde Repräsentation, Ausschlüsse und Benachteiligung zu belegen und daher brauchen wir das Mitwirken aller Hochschulangehörigen! Rassismus muss ein Querschnittsthema werden und die Hochschule sollte insgesamt reflektieren, was verändert werden muss – in der Hochschulkultur und in den Strukturen – damit von Rassismus betroffene Menschen sich hier wohl fühlen und die gleichen Chancen haben. Das beinhaltet aber auch, dass es, wenn Konflikte angesprochen, Probleme aufgezeigt werden, nicht zu reflexartigen Reaktionen kommt nach dem Motto „Bei uns gibt es keinen Rassismus“. Dann ist es nicht möglich, ein Gespräch darüber zu führen und tatsächliche Veränderungen anzustoßen. Sich ernsthaft diesem Thema zu stellen bedeutet auch, Verunsicherungen auszuhalten und eigene Fehler einzugestehen. Das ist ein ganz normaler Teil des individuellen Lernprozesses und das gehört auch zur rassismuskritischen Selbstreflexion einer Hochschule dazu.

Veröffentlicht

Online-Redaktion

Sabine Schwarz