Wo sich Kudu und Springbock Gute Nacht sagen – Potsdamer Forschende untersuchen, ob gutes Wildtiermanagement der Savanne helfen kann

Das Forschungsteam unterwegs in Namibia | Foto: Olwen Evans
Staubsturm in der Trockenzeit | Foto: Dr. Niels Blaum
Dr. Niels Blaum beim Tracking auf dem Projektwagen | Foto: R. Hering
Giraffe mit Solar-GPS-Sender am Kopf | Foto: Robert Hering
Landschaft in Namibia mit der Drohne aufgenommen | Foto: Robert Hering
Springbock mit GPS-Halsband | Foto: Robert Hering
PD Dr. Niels Blaum und Dr. Katja Geißler im Interview | Foto: Tobias Hopfgarten
Quelle: Olwen Evans
Das Forschungsteam unterwegs in Namibia
Quelle: Dr. Niels Blaum
Staubsturm in der Trockenzeit
Quelle: Robert Hering
Dr. Niels Blaum beim Tracking auf dem Projektwagen
Quelle: Robert Hering
Giraffe mit Solar-GPS-Sender am Kopf
Quelle: Robert Hering
Landschaft in Namibia mit der Drohne aufgenommen
Quelle: Robert Hering
Springbock mit GPS-Halsband
Quelle: Tobias Hopfgarten
PD Dr. Niels Blaum und Dr. Katja Geißler im Interview

Die Savanne ist in Gefahr. Das afrikanische Grasland – auf weiten Ebenen platzieren sich malerisch Baumgruppen, große Wildtierherden ziehen vorbei, wachsam beäugt von Löwenrudeln und begleitet vom Zirpen der Zikaden – droht zu verarmen. Verantwortlich dafür ist neben dem Klimawandel auch seine Nutzung als Weideland für Rinder, Schafe und Ziegen. Verhindern könnte dies eine politische Initiative, dank der auf immer mehr Flächen Wild- statt Nutztiere angesiedelt und gehalten werden. Wie sich diese Landnutzung auf Savannenökosysteme auswirkt und wie man sie steuern kann, untersuchen Forschende der Universität Potsdam gemeinsam mit Kollegen aus Berlin und Frankfurt sowie mit Partnern in Namibia.

Vielerorts in Afrika herrscht dasselbe Problem: Die intensive Nutzung großer Gebiete als Weideflächen für die kommerzielle Tierhaltung schadet dem Land. Es degradiert, wie Forscher sagen. Gräser und Bäume, die sich bislang die Savanne teilten, werden verdrängt von dornigen Büschen und Sträuchern. Dadurch ist das Land nicht nur für die Viehhaltung verloren, es verarmt auch ökologisch. Im Projekt OPTIMASS suchten Potsdamer Forschende schon seit 2014 nach den Ursachen dieser Entwicklung – und nach Wegen, wie sie sich aufhalten und bestenfalls umkehren lässt. „Die flächendeckende Landdegradierung in Namibia hat Farmer und Wissenschaftler an einen Tisch gebracht“, erklärt Dr. Niels Blaum, der OPTIMASS gemeinsam mit Prof. Dr. Florian Jeltsch geleitet hat. Denn wenn das Grasland verbuscht, verlieren die Farmer ihre Lebensgrundlage: Ihre Tiere finden nicht mehr ausreichend Nahrung. „Das ist nur der offensichtliche Verlust“, betont die Biologin Katja Geißler, die das Forschungsprojekt koordiniert hat und regelmäßig vor Ort in Namibia war. Doch das Schwinden der Gräser hat weitere Folgen: Dort, wo die Grasnarbe den Boden nicht mehr schützt, erodiert dieser leichter, der Regen fließt oberflächig ab und sickert schlechter ins Erdreich. Grundwasserhaushalt, Nährstoffkreisläufe und die Artenzusammensetzung verändern sich. Das gesamte Ökosystem ist betroffen.

Können Wildtiere die Savanne retten?

Als OPTIMASS 2018 zu Ende ging, begann ein eher politisch motivierter Wandel ganz neue Ausgangsbedingungen zu schaffen. Eine Grundlage dafür bildet das Konzept der „Communal Conservancies“. Es räumt lokalen Gemeinschaften dort, wo solche „Conservancies“ eingerichtet werden, die Hoheit über ihren Lebensraum ein. Dies umfasst auch die Rechte zur Nutzung des Landes und der Wildtiere. Gleichzeitig sind die Menschen für den Schutz von Flora und Fauna verantwortlich – und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität. Auf diese Weise wurden nicht nur die lokale Bevölkerung anerkannt und ihre Rechte gestärkt, sondern auch die illegale Wilderei erfolgreich eingedämmt. „Vielerorts wurden Wilddiebe zu Wildhütern“, sagt Niels Blaum. „Ohnehin hatten sie meist das beste Wissen über Wildtiere in ihrer Region.“ Inzwischen sind fast 40 Prozent der Fläche Namibias „Conservancies“ – wobei rund 25 Prozent auf „Communal Conservancies“ entfallen, also staatliches Land, und 15 Prozent auf private „Freehold Conservancies“. Dazu kommen weitere zehn Prozent des Landes, die als Nationalpark und private Schutzgebiete organisiert sind. Natürlich unterscheiden sich diese teilweise stark in der Art und Weise, wie sie Land und Tiere nutzen. So dienen Nationalparks ausschließlich dem Schutz von Flora und Fauna, während die „Communal Conservancies“ die Ressourcen lediglich zur eigenen Versorgung nutzen. „Freehold Conservancies“ sind wiederum ein Zusammenschluss privater Farmen zum Schutz von Wildtieren, auf denen Tiere für die gemeinsame Fleischproduktion kommerziell gehalten werden. Nicht zuletzt gibt es „Conservancies“ und private Wildtierfarmen, die sich auf Jagd- oder Fototourismus spezialisieren – und dafür entsprechende Tiere ansiedeln. Welche Auswirkungen es auf das Ökosystem der Savanne hat, dass dadurch wieder mehr Wild- statt Nutztiere gehalten werden, sei jedoch noch völlig unklar, sagt Niels Blaum. Deshalb haben die Potsdamer Forschenden gemeinsam mit ihren deutschen und namibischen Partnern ein Folgeprojekt auf den Weg gebracht: ORYCS. Dessen Ziel ist es zu untersuchen, ob sich Wildtiermanagement für eine nachhaltige Nutzung von Savannen eignet. „Bisher gibt es noch keine Untersuchungen dazu, ob es besser ist als die vorher dominante Nutztierhaltung“, sagt Niels Blaum. „Deshalb analysieren wir die verschiedenen Nutzungsarten und schauen, wie sie sich optimieren lassen.“ Wie wirkt sich die Besiedlung mit – durchaus auch unterschiedlichen – Wildtieren auf die Pflanzenwelt aus? Wie entwickeln sich Vegetation und Wasserhaushalt in Gebieten mit großen Springbock-, Kudu- oder Elandpopulationen? Wie verändert der Klimawandel das Zusammenspiel all dieser Faktoren? Und können die Menschen vor Ort ganz konkret für ein stabiles ökologisches Gleichgewicht sorgen? Die Fragen, denen die Forschenden dabei nachgehen müssen, um das komplexe System zu verstehen, sind vielfältig. Deshalb gehören zum Team Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedensten Gebieten wie Wildtierökologie, Vegetationsökologie, Hydrogeologie, geologische Fernerkundung und Soziale Ökologie.

Mit GPS-Sendern und Drohnen

Die Potsdamer Forschenden koordinieren das gesamte Vorhaben, das von Niels Blaum geleitet wird. Außerdem bearbeiten sie vier von sechs Teilprojekten. In den Feldphasen sind sie gemeinsam mit den namibischen Partnern unterwegs, um Daten zu erheben. Sie versehen Tiere und Pflanzen mit Sendern, messen Wasserhaushalt und Biomasse auf abgesteckten Arealen, führen Experimente an unterschiedlichen Vegetationssystemen durch und erfassen die Untersuchungsgebiete mit modernsten technologischen Instrumenten der Fernerkundung.

Niels Blaum selbst untersucht in einem Teilprojekt, wo genau sich die Wildtiere aufhalten und bewegen. „Uns interessiert, wie die wichtigsten Pflanzenfresser der jeweiligen Parks die dortige Vegetation beeinflussen“, so der Forscher. Dafür erfassen und analysieren die Ökologen die Bewegungen der Wildtiere über einen längeren Zeitraum – und zum Teil sehr große Distanzen. So umfasst eines der zentralen Untersuchungsgebiete allein 70.000 Hektar. Um den Tieren folgen zu können, werden sie gefangen und mit Sendern versehen. Diese verfügen über GPS- und Beschleunigungssensoren. Die hochmoderne Technologie eröffnet dem Forschungsgebiet der sogenannten „Movement Ecology“ ganz neue Möglichkeiten. Denn die Sensoren erlauben es nicht nur, die Tiere bis auf wenige Meter genau zu orten und zu erfassen, wo sie länger verweilen. „Wir können sogar sehen, was sie genau an den jeweiligen Orten tun: ob sie flüchten, langsam laufen oder stehen, wie sie den Kopf halten und eventuell fressen und trinken“, so Blaum. Letztlich wollen die Forschenden herausfinden, wie Wildtiere mit der Vegetation interagieren. Dafür wollen Blaum und sein Team insgesamt 50 Tiere von drei verschiedenen Arten „besendern“, die in den Beispiel-Conservancies beheimatet sind: Springböcke, Kudu und Eland, die größte Antilopenart Afrikas. Grundsätzlich gehen die Forschenden davon aus, dass Wildtiere besser an die klimatischen Bedingungen und die Savannenvegetation angepasst sind als Nutztiere. „Die Wildtiere fressen an Büschen und Bäumen, sogar die neuen Keimlinge. Das machen Rinder gar nicht“, sagt Niels Blaum. „Denn viele Büsche sind mit Dornen ‚bewaffnet‘ oder lagern schlecht verdauliche Substanzen in ihren Blättern ein.“ Wildtiere würden also eher dazu beitragen, die Verbuschung in Grenzen zu halten oder gar zurückzudrängen.

Da die Wildtiere in den Conservancies von Menschen angesiedelt und gehalten werden, soll ORYCS klären, wer sich mit wem „gut verträgt“. „Der Beweidungsdruck der Wildtiere beeinflusst beispielsweise auch die Architektur der Bäume und damit evtl. auch den gesamten Wasserhaushalt der Gebiete“, erklärt Dr. Katja Geißler. Die Ökologin beschäftigt sich mit den Wasserflüssen in der Savanne. Um dieses komplexe System zu rekonstruieren, kombinieren sie und ihre Kollegen verschiedene Untersuchungsmethoden. So erfassen sie in ausgewählten typischen Arealen exemplarisch die Vegetation. Dabei helfen Kollegen wie der Potsdamer Geowissenschaftler Prof. Dr. Bodo Bookhagen, der seine Expertise für die „öko-hydrogeomorphe Fernerkundung“ einbringt. Durch die Analyse von Satellitenbildern und Drohnenaufnahmen der Region skalieren Geißler und ihre Kollegen die ermittelte Biomasse auf das gesamte Untersuchungsgebiet. Sie erfassen die Bodenfeuchte und versehen ausgewählte Bäume mit Sensoren, die anzeigen, wo mehr oder weniger Wasser fließt. Um die Beweidung durch Wildtiere messen zu können, werden einige der untersuchten Bäume künstlich teilweise entlaubt. „Durch den Vergleich unterschiedlich stark beweideter Bäume können wir sehen, welchen Einfluss der Beweidungsdruck auf den Wasserhaushalt der Bäume und die Wasserflüsse hat“, so die Ökologin. Alle Messungen fließen letztlich zusammen, um die „skalenübergreifenden Wasserflüsse“ abbilden und schließlich mit den Untersuchungen zur pflanzlichen Artenvielfalt zusammenführen zu können. Für diese sogenannte „ökohydrologische Modellierung der Pflanzendiversität“ kooperieren die Potsdamer Forschenden mit Kollegen von der Freien Universität zu Berlin um Prof. Dr. Britta Tietjen.

Alle Disziplinen für ein Ziel

Am Ende fließen alle Daten und Erkenntnisse in ein szenarienbasiertes Wildtiermodell, das unter der Leitung von Prof. Dr. Florian Jeltsch und Dr. Dirk Lohmann entsteht. Es soll dabei helfen, das Wildtiermanagement ebenso erfolgreich wie umweltverträglich zu gestalten. „Wenn wir verstehen, wie die Landschaft genutzt wird, wie sich die Verteilung von Wasser, Nahrung und Prädationsdruck auswirkt, lassen sich Empfehlungen für ein nachhaltiges Wildtiermanagement entwickeln.“ Welche Tier- und Pflanzenarten passen zusammen? Wie groß dürfen die Populationen sein? Wie müssen die Parks gestaltet sein, damit die Tiere optimale Lebensbedingungen vorfinden? „Beispielsweise hat die Frage, wo Trinkstellen angelegt werden, enorme Auswirkungen auf die Parks“, erklärt Niels Blaum. „Denn die Wildtiere folgen dem Wasser – und fressen dort, wo sie trinken. Tiere, Pflanzen und Wasserhaushalt sind also untrennbar miteinander verbunden und beeinflussen sich ständig.“

Damit die Ergebnisse des Projekts in Namibia auch tatsächlich helfen und bei ihnen ankommen, arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Beginn an eng mit den Farmern, Parkverwaltungen, Dorfgemeinschaften, Ministerien und Tourismusverbänden zusammen. Gerade die Nöte, Interessen und Ansprüche der Menschen, die mit Wildtieren leben und arbeiten, gehen mitunter sehr weit auseinander, wie Niels Blaum erläutert. „Der Druck, den Farmer haben, unterscheidet sich sehr stark von Parkbetreibern, die sich auf Fotosafaris spezialisiert haben. Während die einen große Antilopenherden halten, müssen die anderen dafür sorgen, dass bestimmte beliebte Tierarten in ihren Parks miteinander auskommen und die passenden Lebensräume finden.“ Die vielschichtigen Handlungsmotive der namibischen Forschungs- und vor allem Praxispartner, aber auch das wertvolle Wissen der indigenen und lokalen Bevölkerung herauszuarbeiten und in das Projekt einfließen zu lassen, dieser Aufgabe widmet sich das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE). Das in Frankfurt am Main angesiedelte Institut arbeitet daran, die konfliktträchtigen Herausforderungen, die aus der Nutzung von Wildtieren erwachsen, zu moderieren.

Corona als Hemmschuh

Doch ein Problem mit globalen Dimensionen hatten die Forscher bei der Konzeption nicht berücksichtigen können: die Corona-Pandemie. Anfang März 2020 brach Niels Blaum mit Kollegen, Doktoranden und Studierenden nach Namibia auf, um im Anschluss an eine gemeinsame Sommerschule im Feld über drei Monate lang in großem Umfang Daten zu erheben. „Bedauerlicherweise mussten wir unseren Forschungsaufenthalt bereits nach drei Wochen abbrechen“, sagt Blaum. „Der Flugverkehr zwischen Deutschland und Namibia und einigen anderen Ländern wurde ab dem 16. März eingestellt. Schulen wurden auch in Namibia geschlossen. Elf Tage später gab es dann eine weitere Stufe des Lockdowns. Reisen zwischen Regionen innerhalb Namibias waren verboten. Am Ende waren wir sehr froh, rechtzeitig in Windhoek anzukommen und mit einem Regierungsflug am 29. März nach Frankfurt am Main zu fliegen.“

Dass sie ihre Feldarbeit abbrechen mussten, hat für die ORYCS-Forschenden verheerende Auswirkungen. Nur ein Bruchteil der Tiere konnte besendert werden, auch die Untersuchungen der Vegetation musste, kaum angefangen, abgebrochen werden. Einige Messstationen sind mit Akkus ausgestattet und können noch über ein paar Wochen hinweg Daten sammeln. „Aber faktisch verlieren wir die Feldphase für dieses Jahr komplett“, räumt Blaum ein. Es laufen bereits Gespräche mit dem Projektträger darüber, wie sich dieses Problem lösen lässt. Ob sich Fristen verlängern lassen und zusätzliche Finanzen bereitgestellt werden können, müssen die kommenden Wochen und Monate zeigen. Jetzt sei Flexibilität und Ideenreichtum gefragt. Dramatische Folgen hat der Ausfall auch für jene Studierenden und Doktoranden, die für ihre Abschlussarbeiten auf die Daten des Projekts angewiesen sind. „Wir versuchen, auch dafür Lösungen zu finden, aber ganz ohne Daten wird die Arbeit natürlich schwer.“ Deshalb wollen Blaum und seine Kollegen versuchen, die Datenerhebung mithilfe der namibischen Kollegen aus der Ferne wieder anzuschieben, sobald die Lage vor Ort dies erlaubt. „Denn unsere Modelle können nur durch die Daten aus der Feldarbeit so gut werden, dass mit ihnen Vorhersagen möglich sind, wie das Wildtiermanagement auch unter sich wandelnden klimatischen Bedingungen Flora, Fauna und Menschen hilft.“

Die Forschenden

PD Dr. Niels Blaum studierte Biologie in Nizza und Frankfurt am Main. Seit 2004 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Vegetationsökologie und Naturschutz
der Universität Potsdam.
E-Mail: blaumuni-potsdamde

Dr. Katja Geißler studierte Biologie in Berlin und Aberystwyth. Seit 2009 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Vegetationsökologie und Naturschutz der Universität Potsdam.
E-Mail: kgeissleuni-potsdamde

Das Projekt

ORYCS – Option for sustainable land use adaptations in savanna systems: Chances and risks of emerging wildlife-based management strategies under regional and global change

Beteiligt: Universität Potsdam (Koordination), Namibia University of Science and Technology, Freie Universität Berlin, University of Namibia, Institut für sozial-ökologische Forschung, Ministry of Environment and Tourism
Laufzeit: 2019–2021
Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

https://www.orycs.org/

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Zwei 2020 „Gesundheit“.