Im Handumdrehen digitalisiert?! – Wie die Universität Potsdam ein Digitalsemester aus dem Boden stampfte und sich dadurch nachhaltig verändert

Im Handumdrehen digitalisiert?! – Wie die Universität Potsdam ein Digitalsemester aus dem Boden stampfte und sich dadurch nachhaltig verändert. | Foto: Tobias Hopfgarten / Illustration: Anke Seeliger
Quelle: Tobias Hopfgarten / Illustration: Anke Seeliger
Im Handumdrehen digitalisiert?! – Wie die Universität Potsdam ein Digitalsemester aus dem Boden stampfte und sich dadurch nachhaltig verändert.

Im März 2020, als ein ganzes Hochschulsemester auszufallen drohte, verlegte die Universität Potsdam ihren Lehrbetrieb, aber auch große Teile der Forschungs- und Verwaltungsarbeit ins Internet. Zoom-Meetings und Videovorlesungen statt Hörsaal, Labor und Mensa prägen seitdem den Unialltag. Sorgte die Corona-Pandemie für eine Digitalisierung im Schnelldurchlauf? Und wie nachhaltig ist dieser Schub? Matthias Zimmermann sprach mit der Informatikerin und Leiterin des Projekts „eLiS – E-Learning in Studienbereichen“, Prof. Dr. Ulrike Lucke, der Referentin des Vizepräsidenten für Lehre und Studium, Dr. Britta van Kempen, und dem Chief Information Officer, Dr. Peter Kostädt.

Wie war die Universität Potsdam Anfang 2020 – vor der Corona-Pandemie – digital aufgestellt?

Kostädt: Insgesamt lag sie im vorderen Mittelfeld. In der Lehre etwa gab es schon vor Corona größere Digitalisierungsprojekte, vor allem aber sehr gute Strukturen, um digitale Formate zu unterstützen. Die Verwaltung befand sich etwas dahinter. Dort beruhte vieles noch auf papierbasierten Prozessen. Allerdings hat sich jetzt viel getan und dank des personellen Aufwuchses an der UP wird die Situation langsam besser.

Van Kempen: In der digitalen Lehre waren wir schon gut. Vor allem dank des Zentrums für Qualitätsmanagement (ZfQ) mit dem Bereich Lehre und Medien sowie Drittmittelprojekten wie eLiS. Das hat schon seit Längerem in die  Fakultäten ausgestrahlt.

Lucke: Wir konnten durch eLiS und Co. frühzeitig Strukturen bilden, um die relevanten Bereiche miteinander in Kontakt zu bringen. Das hat uns handlungsfähig gemacht. Als Corona kam, wussten wir schon, wer wen ansprechen und wer mit wem an einen Tisch muss.

 

Das Sommersemester 2020 musste quasi von einem Tag auf den anderen „digitalisiert“ werden. Wie ist das gelungen?

Van Kempen: Wir sind super gestartet. Die Strukturen waren klar und daher hat die Interaktion sofort funktioniert. ZIM, eLiS, ZfQ und viele mehr – alle haben an einem Strang gezogen, auch der Großteil der Lehrenden. Die wöchentlichen Treffen der Zuständigen – also des Vizepräsidenten für Lehre und Studium, der Studiendekane, CIO, ZfQ, eLiS – haben enorm geholfen. So konnten Probleme sofort angesprochen und diskutiert werden. Einen solchen Austausch gab es übrigens auch mit Studierenden, bis hin zur PotsBlitz-Umfrage.  Anfangs vor allem dazu gedacht, über wichtige Entscheidungen zu informieren, konnten wir auf diesem Weg später auch Anregungen der Studierenden einholen und darauf reagieren: etwa auf den Wunsch, die asynchrone Lehre zu stärken.

Lucke: Wir hatten die Szenarien für die Weiterentwicklung der digitalen Lehre ja schon in der Tasche – auch wenn das für später gedacht war: Was braucht man für digitale Lehre? Was taugt, was nicht? Was sollte man gleich angehen, was später? Welche Infrastrukturen sind nötig? Deshalb konnten wir sofort reagieren.

Kostädt: Letztlich hat die Hochschule insgesamt sehr gut funktioniert. Innerhalb kürzester Zeit mussten zahlreiche Beschaffungsvorgänge angestoßen und durchgeführt, neue Homeoffice-Arbeitsplätze eingerichtet, die zentrale Hardware erweitert und neue Software eingeführt werden – immer unter Beteiligung der zuständigen Arbeitsgruppen und Gremien. Die üblichen Vorlaufzeiten und Fristen konnten dabei in vielen Fällen nicht eingehalten werden, aber alle waren kooperativ. Hierbei haben alle an einem Strang gezogen.

Van Kempen: Es wurden die nötigen Entscheidungen getroffen, um das Semester zu retten, und auch akzeptiert. Dinge, über die wir normalerweise viel diskutieren würden – und Gott sei Dank auch können –, wurden kurz besprochen und anschließend haben sich alle darauf fokussiert, das Beschlossene umzusetzen.

 

Welche Infrastrukturen mussten dafür fit gemacht werden und wie?

Kostädt: Wir haben die Kapazitäten unserer Internetanbindung verdoppelt und die Hardwareressourcen der zentralen IT-Systeme verdreifacht. Zudem gab es zahlreiche Erweiterungen der Systeme, die für die digitale Lehre nötig sind, also beispielsweise Software für Screencasts, um Videos zu erstellen und über unsere Videoplattform bereitzustellen. Auf den sprunghaften Anstieg der Videokonferenzen waren die bislang genutzten Systeme des DFN nicht vorbereitet, sodass wir kurzfristig ein kommerzielles Cloudsystem lizenzieren und in unsere Infrastruktur integrieren mussten. Ein großes Thema war hier der Datenschutz, der insbesondere bei Aufzeichnungen von Lehrveranstaltungen eine Rolle spielt.

Lucke: Hinter den Kulissen wurde gewirbelt, um Server und Speicher bereitzustellen, die Menge an Daten etwa der Vorlesungsvideos zu verarbeiten und aufzunehmen. Dabei kam uns zugute, dass die Infrastruktur in den vergangenen zehn Jahren dafür ertüchtigt worden ist.

 

Forschung ist in vielen Disziplinen schon lange digital. Dennoch war auch hier Improvisation und Ad-hoc-Fortschritt nötig. Ist das gelungen?

Lucke: Das war fachspezifisch sehr verschieden. Griebnitzsee war quasi leer, wir haben Bücher und Rechner mitgenommen und zu Hause weitergearbeitet. In Golm, wo die experimentellen Fächer beheimatet sind, die auch ihre Labore, Pflanzen und Kulturen nicht einfach im Stich lassen konnten, war das anders. Hier hat der Notbetrieb gut funktioniert. Empirische Arbeiten, die auf Interviews und persönlichen Kontakt angewiesen sind, wurden dagegen deutlich beeinträchtigt.

Van Kempen: Vielerorts war Improvisation an der Tagesordnung und manche haben andere Wege entdeckt. So waren bei der Vorbereitung von Forschungsanträgen Zoom-Konferenzen viel leichter und öfter realisierbar als sonst die „echten“ Treffen. Daraus lässt sich für die Zukunft ableiten, für welche Zwecke virtuelle Treffen zielführender sind.

Kostädt: Auch Koop-Tools wie Box.UP, Pad.UP und andere wurden deutlich stärker genutzt. Das ist nachhaltig.

Lucke: Tatsächlich hat die Not viele Leute zum Ausprobieren gebracht.

Van Kempen: Und keiner war sauer, wenn mal was schiefgelaufen ist ...

 

Was blieb bei dieser Hauruck-Digitalisierung auf der Strecke?

Lucke: Wer Kinder hat, hatte es verdammt schwer. Ich habe mit drei Kindern Schule gemacht und in dieser Zeit sicher keine 40 Stunden pro Woche gearbeitet. Auch unter den Studierenden war das Digitalsemester für die einen Fluch, für die anderen Segen. Ich habe Studierende mit Autismus, die sind aufgeblüht, sichtbar gewachsen. Andere, die schon vorher mit Depressionen zu kämpfen hatten, haben stark gelitten.

Van Kempen: Bei den Studierenden, das zeigen auch die Umfragen, geht die Schere weit auseinander. Viele sehen die Vorteile, andere treffen die Nachteile hart. Zum Glück kommt eine Änderung des Brandenburgischen Hochschulgesetzes, über die in einer Notlage Maßnahmen ergriffen werden können, wie etwa die aktuell geplante Verlängerung der individuellen Regelstudienzeit um ein Semester. Aber es ersetzt nicht die menschlich-psychologische Komponente. Bedarf sehe ich derzeit auch noch bei der didaktischen Unterstützung der Lehrenden. Viele hatten digitale Formate vor dem Kaltstart im Sommersemester gar nicht ausprobiert.

Kostädt: Vieles musste schnell gehen und war deswegen nicht immer nachhaltig. Die solide Verstetigung macht uns schon jetzt zusätzliche Arbeit.

 

Das Wintersemester soll ein Hybridsemester werden. Wie funktioniert das?

Van Kempen: Nur mit Planungsunsicherheit. Vorgesehen ist eine Quote von 25 Prozent des Lehrangebots in Präsenz. Dafür haben wir eine Priorisierung ausgegeben – von den Veranstaltungen, die unbedingt  stattfinden  müssen, wie Laborpraktika oder kleinere Seminare v.a. für Studienanfänger. Große Vorlesungen sollen auf jeden Fall weiter online laufen. Ob die Verhältnisse die Umsetzung dieser Pläne zulassen, können wir noch nicht wissen.

Lucke: Wir haben in der Lehrplanung geschaut und definiert, was online laufen muss, weil es zu viele Teilnehmende hat, und was in Präsenz stattfinden soll, weil es viel Interaktion braucht. Und dann haben wir Kohorten gebildet und die Online- und Präsenzveranstaltungen so auf die Woche verteilt, dass sich die Kohorten – die fünf Jahrgänge des Studiums – auf dem Campus nicht begegnen. Schwierig bleiben große Veranstaltungen, die zugleich viel Austausch brauchen.

Van Kempen: Natürlich funktioniert die Lehrplanung nicht in allen Fakultäten gleich. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät beispielsweise setzt sehr intensiv auf digitale Lehre. Die Quote von 25 Prozent Präsenz ist über die ganze Uni verteilt zu sehen. Manche kleinen Master finden überwiegend in Präsenz statt, große BA-Studiengänge fast komplett digital.

 

Lassen sich schon Lernprozesse bei der digitalen Lehre erkennen?

Lucke: Ich sehe bei vielen Kolleginnen und Kollegen den Mut, Dinge auszuprobieren. Eine Offenheit, von der ich hoffe, dass wir sie uns in die Zeit nach Corona retten können.

Kostädt: Der Wille Neues anzuschauen, etwa digitale Tools, ist definitiv größer geworden.

Lucke: Und auch die Bereitschaft, sich darüber auszutauschen, nach links und rechts zu schauen, wurde wiederentdeckt. Das ist doch der Kern der Academia!

 

Wo und wie sollte die Uni Ihrer Meinung nach analog bleiben?

Lucke: Überall dort, wo sozialer Austausch nötig ist. Wir arbeiten nur gut zusammen, wenn wir uns auch als Menschen kennen.

Kostädt: Nach den vielen virtuellen Sitzungen hat man gemerkt, dass alle froh waren, als kleinere Meetings wieder physisch stattfinden konnten. Die Kommunikation in den Kaffeepausen bleibt bei einem virtuellen Meeting auf der Strecke.

Van Kempen: Auch die Studierenden wünschen sich den direkten Austausch. Das ist Uni. Wir sind keine Fern-Uni und werden nie eine sein. Daher wollen wir, so schnell wie es geht, Präsenz wiederherstellen.

Kostädt: Gleichzeitig haben wir gelernt, dass Homeoffice funktioniert. Das ist eine wesentliche Erkenntnis, die sicherlich dazu führen wird, dass wir zu flexibleren Regelungen kommen.

 

Ist der Corona-Digitalisierungs-Schub von Dauer?

Lucke: Es wird nicht alles bleiben, aber das Gute. Andere über die Jahre eingeschliffene Gewohnheiten werden verschwinden. Es ist kein Strohfeuer, sondern ein reinigendes Feuer.

Kostädt: Ich denke, wir erleben einen Trend weg vom Papier. Natürlich bei den wissenschaftlichen Veröffentlichungen, wo fast alle Disziplinen auf elektronisches Publizieren umstellen. In den naturwissenschaftlichen Fächern gibt es bereits jetzt so gut wie kein Papier mehr. In anderen Bereichen wird es einen Mix geben: Videokonferenzen werden viele Reisen ersetzen, aber nicht alle.

Lucke: Meetings für ein kleines Projekt wird es sicher künftig eher per Zoom geben. Aber zu großen Konferenzen, werden wir – hoffentlich demnächst – wieder reisen.

 

Was steht an der UP aktuell an?

Lucke: Konkret arbeiten wir verstärkt am Thema E-Assessment. Wir waren dort mit Glück ganz gut gerüstet, müssen das jetzt aber systematisch breiter aufstellen.

Kostädt: In vielen Bereichen sollen neue Funktionalitäten angeboten werden, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Dafür müssen wir die notwendigen Systeme beschaffen. So prüfen wir gerade neue Software für unsere Videoplattform. Auch was die digitale Barrierefreiheit angeht, haben wir noch viel zu tun.

Van Kempen: Wir müssen außerdem unser Campusmanagementsystem weiterentwickeln. Es sollte flexibler, nutzerorientierter werden. Mobile.UP ist eine schöne App, könnte aber noch mehr können.

Lucke: Außerdem sollten wir auch im Analogen aus dem Semester lernen. Wir brauchen mehr Austauschräume. Vielleicht müssen wir uns in der Flurertüchtigung üben.

 

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, ohne Blick auf Ressourcen und Co., was wäre Ihr Herzensprojekt in der Digitalisierung?

Lucke: Eine komplett digitale Verwaltung mit automatisierten Zeichnungswegen.

Van Kempen: Ausreichend Personal in den Fakultäten, um die digitale Lehre bestmöglich zu unterstützen.

Kostädt: Wir brauchen ein gutes Change Management, damit alle an der digitalen Transformation mitwirken. Beispielsweise haben wir in einem ersten Schritt in den Verwaltungsdezernaten IT-Koordinatoren installiert, die eine Vermittlerrolle einnehmen sollen. Wir wollen die Leute, die die Prozesse kennen, mit an den Tisch kriegen. Nur so bringen wir Veränderungen auf den Weg, die auch bei allen ankommen.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2020 „Digitalisierung“ (PDF).