Schatzsuche mit GPS – Zum EarthCache Day 2020 auf Tour mit dem Geoinformatiker Dr. Harald Schernthanner

Mann mit zwei Kindern auf einem Weg neben einem Feld. Foto: Aura Cárdenas
Mann mit einem Smartphone im Grünen.
Quelle: Aura Cárdenas
Geochaching ist für Harald Schernthanner durchaus nicht nur was für spannende Alleingänge, sondern eine gute Gelegenheit, mit seiner Familie Natur, Schätze und neues Wissen zu entdecken.
Quelle: Aura Cárdenas
Jede Schatzsuche fängt klein an. Ab und zu macht sich Harald Schernthanner auf, um mit der richtigen App einen Geocache zu „jagen“.

Am kommenden Sonntag, dem 11. Oktober 2020, ist International Earth Cache Day 2020. Für Geocacher, Freunde der GPS-gestützten Schnitzeljagd, eine gute Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass die Erde selbst einer der größten Schätze ist, die man entdecken kann. Earth Caches sollen dabei helfen und führen zu geologischen Besonderheiten und sorgen dafür, dass jene, die sie aufspüren, etwas über die Geologie lernen. Matthias Zimmermann sprach mit Dr. Harald Schernthanner, Geoinformatiker und gelegentlicher Geocacher, über die Faszination einer Schatzsuche in Zeiten der Digitalisierung, das Finden von Wissen beim Suchen und die Frage, ob Geoinformatiker auch besonders gute Geochacher sind.

Hat bzw. braucht man als Geowissenschaftler oder Geoinformatiker eine gute Orientierung?

Es ist sicher hilfreich, wenn man einen halbwegs guten Orientierungssinn hat, aber nicht unbedingt notwendig. Aktivitäten wie das Geocaching können helfen, den Orientierungssinn spielerisch zu schärfen. Nach meiner Einschätzung haben meine Fachkolleginnen und -kollegen von Hause aus einen sehr ausgeprägten Orientierungssinn und sind es gewohnt, sich in schwierigem auch unwegsamem Gelände zu orientieren.
Da man eigentlich ständig entweder selbst Karten erstellt, Geodaten erfasst und in komplexen raumzeitlichen Zusammenhängen denken muss, trainiert man seinen Orientierungssinn nebenbei. Trotzdem habe ich mich schon das eine oder andere Mal verlaufen, vor allem Indoor in sehr großen Gebäudekomplexen, wenn ich bei einem ersten Besuch schnell von A nach B finden musste.
Mit dem Aufkommen von Google Maps trat übrigens bei vielen Menschen in den letzten Jahren das Phänomen auf, dass durch das blinde Vertrauen auf Online-Wegführungen entweder Fähigkeiten der Orientierung verloren gingen oder gar nicht erst erworben wurden. Manche sprechen von einer „map illiteracy“, einer Art “Karten-Analphabetismus“. Geocaching wirkt diesem Phänomen meines Erachtens entgegen und kann helfen, das Orientieren und Navigieren im Gelände zu üben, anstatt blind einem Routing-Algorithmus zu vertrauen.

Wie sind Sie zum Geocaching gekommen?

Vor vielen Jahren (zwischen 1999 und 2005) habe ich neben meinem Studium als Höhlenführer in einer Eishöhle gearbeitet, der Eisriesenwelt im Tennengebirge in Salzburg. Direkt am Höhleneingang war ein Cache versteckt und das noch bevor das erste iPhone entwickelt wurde oder es gar Plattformen wie geocaching.com gab. Ich bewunderte diese im positiven Sinne „Verrückten“, die sich ins Hochgebirge wagten, nur um einen kleinen „Schatz“ zu finden. Es scheint ihn übrigens noch immer zu geben, zumindest ist noch ein Cache zum Loggen vorhanden.
Ich denke, das war der Auslöser dafür, dass ich immer wieder mal beim Geocachen mitmache. Vor ein paar Jahren gab es einen regelrechten Hype. Im Zuge dessen habe ich öfter Caches gesucht und wir haben auch im Rahmen einer Geoinformatik-Einführungsveranstaltung immer wieder Caches auf dem Campus Golm versteckt – wobei wir diese Caches auf keiner der Geocaching-Internetplattformen veröffentlicht haben. Ich muss gestehen, dass ich Geocaching eher immer nebenher betrieb, und zwar oft neben dem Kartieren für die freie Weltkarte OpenStreeMap (OSM), was mir eine Zeitlang sehr viel Spaß bereitet hat. Mittlerweile gehe ich ab und zu mit meiner Familie geocachen.

Was reizt Sie daran?

Geocaching ist eine sehr gute Möglichkeit, beim Wandern oder Spazierengehen etwas über seine Umwelt zu lernen. Mich begeistert diese Mischung aus der Suche, dem oft damit verbunden Rätsel und der Bewegung in der Natur. Findet man den Cache, dann freut man sich und hat den Ansporn den nächsten, vielleicht etwas schwierigeren Cache zu suchen. Mit meiner Familie suche ich öfter „leichtere“ Geocaches, z.B. in Potsdam in der Lennéschen Feldflur oder in der Umgebung des Volksparks. Im Lockdown hatten wir Anfang April den Unterricht einige Male in den Wald verlegt, mit dem Ziel Geocaches zu finden. Während wir suchten, konnte ich meinen beiden Kindern wunderbar etwas über die Natur beibringen oder auch darüber, wie Karten überhaupt in das Smartphone kommen. Das Geocaching wurde so zum Bestandteil des Nawi-Unterrichts im Freien. Meines Erachtens ist Geocaching eine ideale Aktivität, um Orte kennenzulernen oder neue Perspektiven auf vorhandene Orte zu bekommen.
Eine gewisse Technik-Affinität kommt bei mir noch dazu. Als ich damit anfing, gab es noch keine Apps oder Handys mit eingebauten GPS-Chips und wir haben die Hinweise auf Karten in Papierform verteilt. Ich war begeistert, als ich später meinen ersten Garmin-Handheld-GPS-Empfänger bekam. Was mich beeindruckt, ist, das mittlerweile sogar sehr günstige Smartphones GPS-Empfänger enthalten, manche bessere Smartphones haben sogar Empfänger für GPS, Glonass, BeiDou und Galileo. Das ist hilfreich bei der Suche: Man kommt dem Cache schnell näher und das sogar in engen Talschluchten oder stark verbautem Gebiet. Wo man früher allenfalls bis auf 20 Meter an einen Cache herankam, sind es heute teils fünf Meter oder weniger. Für die letzten Meter gibt es dann fast immer ein kleines Rätsel, das es zu lösen gilt. Es gibt Caches, die sich gemütlich beim Spazieren nebenbei mit den Kindern suchen lassen, andere sind deutlich schwerer zu finden. Für manche muss man klettern oder wieder andere sind nur in der Nacht zu finden, da sie in einer fluoreszierenden Filmdose versteckt sind.

Ist diese Art von Schnitzeljagd unter Geoinformatikern besonders beliebt?

Das kann ich nicht pauschal beantworten, wobei ich das eher bejahen würde. Viele Geoinformatiker, mit denen ich befreundet bin, gehen ebenfalls ab und zu geocachen – entweder mit der Familie oder neben dem Kartieren für die OSM. Einige nehmen eine kleine Drohne im Rucksack mit, um nebenher noch einen Erkundungsflug zu machen. Bei einigen Bekannten wurde Pokémon GO beliebt und statt nach Schätzen in kleinen Metalboxen oder Filmdosen zu suchen, veranstalten sie eine GPS-basierte Jagd auf Pokémon Monster.

Hat man als Geoinformatiker besondere Vorteile beim Geocaching?

Vorteile hat man insofern, als dass man sich von Berufs wegen mit Geodaten beschäftigt. Bei Geoinformatikern gibt es sicher eine Schnittmenge zwischen Geocachern und Kartierern der OSM, die ihre GPS-Tracks der OSM-Community beisteuern. Einige nehmen auch professionell Geodaten auf und kartieren nebenher Wanderwege mit digitalen Kartiertools wie dem frei erhältlichen Geopapparazzi oder dem ArcGIS Collector. Beim Geochaching muss man sich aber nicht nur mit Apps, Karten und Geodaten auskennen. Es kommt ja noch die Komponente der Rätsel dazu. Und um diese zu lösen, muss man sicher kein Geoinformatiker sein.

Am 11. Oktober 2020 ist EarthCache Day. Schon mal einen EarthCache gefunden?

Ehrlich gesagt, wusste ich bis dato nicht, dass es den EarthCache Day gibt. Nun, da ich es weiß, werde ich sicher mal nach einem EarthCache suchen. Die Idee, dass man über das Suchen von Caches mehr darüber lernt, wie die geologischen Begebenheiten sind und wie unser Planet geformt wurde, finde ich fantastisch. Wir werden definitiv einen EarthCache suchen!

Und dieses Jahr?

Das Interview hat meine Motivation gesteigert, wieder mal einen Geocache zu suchen oder auch einen zu verstecken – vielleicht auf dem Unigelände? Eventuell gehen wir an einem schönen „goldenen“ Herbstag einen Earthcache suchen. Ad hoc würde mich die Suche des Earthcaches bei dieser Wanderdüne in Sachsen-Anhalt interessieren. Vielleicht mache ich mich aber auch mit meiner Familie auf zum EarthCache „Findlinge in Potsdam“. Ein Cache ist auf dem Teufelsberg beim ehemaligen US-Abhörgebäude versteckt. Dort wollte ich auch schon länger wieder einmal hoch. Dann könnte ich das Suchen gleich mit meiner Leidenschaft fürs Fotografieren verbinden.

 

Übrigens kann man auch auf bzw. rund um die Standorte der Uni Potsdam als Geochacher auf die Pirsch gehen. So lädt direkt auf dem Campus Golm ein Cache dazu ein, das Gelände mal anders zu entdecken. Dabei müssen die Suchenden anhand von Bildern verschiedene Häuser erkennen, Fahrradständer, Tische und Fenster zählen, um so an die finalen Koordinaten zu gelangen.

Beim Campus Am Neuen Palais lohnt sich der Blick in den benachbarten Park Sanssouci:
https://www.geocaching.com/geocache/GCHT83
https://www.geocaching.com/geocache/GC1HJJV
https://www.geocaching.com/geocache/GC1E4T6

Und gerade die EarthCaches zeigen, dass Geocaching und Wissenschaft eng beieinander liegen. EarthCaches führen die Geocacher zu geologisch interessanten Orten, an denen sie etwas über die Entstehung und den Aufbau der Erde, ihre Gesteinsformen und die Wandlungen der Erdkruste und ihrer Gesteine durch die Zeit erfahren können. In Potsdam gibt es auf diese Art die „Findlinge in Potsdam“ zu entdecken.