„Nicht jedem tut Sport automatisch gut“ – Ein Psychologe und ein Mediziner über Gewohnheiten, Vernunft und Motivation

Sport in Corona-Zeiten | Foto: AdobeStock/galitskaya
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Sport in Corona-Zeiten

Ist Sport gesund? Was für eine Frage! Jeder weiß es, und dennoch fällt es vielen Menschen schwer, sich regelmäßig zu bewegen, den Kreislauf auf Trab zu bringen, die Muskeln anzustrengen. Nicht nur Übergewicht, Erkrankungsrisiken und gesundheitliche Probleme ließen sich damit verringern, sondern auch seelische Verstimmungen und stressbedingte Befindlichkeitsstörungen. „Portal Wissen“ hat den Rehabilitationsmediziner und Kardiologen Prof. Dr. med. Heinz Völler und den Sportpsychologen Prof. Dr. Ralf Brand um fachliche Auskunft gebeten.

Wie erklären Sie das Paradoxon, dass Menschen sich wider besseres Wissen zu wenig bewegen und damit die eigene Gesundheit riskieren? Oder anders gefragt: Warum handeln sie gegen den eigenen Körper?

Völler: Es ist ja nur ein scheinbarer Widerspruch. Menschen mit Bewegungsmangel haben ihrerseits Vorbilder, die auch ohne körperliche Aktivität alt geworden sind. Zudem haben sie ein anderes Körpergefühl bzw. -verständnis und nicht das Bedürfnis, sich bewegen zu müssen oder zu sollen. Hier spielt einerseits die Veranlagung, die Erbanlage eine Rolle, andererseits ist die soziale Umgebung ausschlaggebend. Wer nie gelernt hat, sich zu bewegen, und niemanden in seiner unmittelbaren Umgebung kennt, der Sport treibt, wird diesen auch nicht vermissen.

Brand: Das ist ja nicht nur beim Sport so, sondern auch in vielen anderen Lebenssituationen. Wir wissen oft genau, dass dieses und jenes nicht vernünftig ist, tun es dann aber trotzdem. Menschen folgen ihren Gewohnheiten und richten sich insbesondere ihre Freizeit so ein, dass sie angenehm ist. Und genau da fangen dann die Probleme mit dem Thema Sporttreiben an: Erstens einmal kostet Sporttreiben Zeit. Zeit, die ich in meinem Leben ohne Sport gern für etwas anderes genutzt habe. Dann soll ich mir diese Zeit auch noch für etwas nehmen, regelmäßig sogar, von dem ich weiß, dass es mich erstmal aus der Puste bringen könnte? Menschen, die viel und regelmäßig Sport treiben, haben – durch vielfache Wiederholung – gelernt, dass es sich für sie in irgendeiner Weise lohnen wird, die Anstrengung beim Joggen auszuhalten. Die irrige Annahme, dass sich Sport nur „lohnt“, wenn er anstrengend ist, muss raus aus den Köpfen der Menschen. Für den Einstieg in ein gesünderes Leben geht es doch nur darum, für sich selbst die Bewegungsaktivität zu finden, für die man gerne etwas Zeit aufbringt. Training und Anstrengung können später kommen, und kommen dann oft sogar von ganz allein, ohne dass man sich noch dazu zwingen muss.

In der Pandemie sind wir derzeit gezwungen, uns vor einer noch weitgehend unbekannten Erkrankung zu schützen, indem wir unser Verhalten danach ausrichten. Zur Prävention vor durchaus bekannten und häufig auftretenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen scheint eine Änderung des Verhaltens vergleichsweise schwerer zu fallen. Wie lässt sich hier die Motivation steigern?

Brand: Tatsächlich scheinen sich viele Menschen in Deutschland für einige Zeit sehr vernünftig verhalten zu haben und sind den Aufforderungen zur Verhaltensänderung während COVID-19 gut nachgekommen. Aus meiner Sicht hat das auch etwas mit der Dringlichkeit des Gebots zur Verhaltensänderung zu tun, die uns beispielweise im Fernsehen täglich vor Augen geführt wurde. Die Berichterstattung machte nachdrücklich klar, dass das Virus nicht nur theoretisch jeden treffen kann, sondern man selbst schon morgen der oder die Nächste sein könnte. Wenn es um die Gesundheitsvorsorge durch Bewegung und Sport geht, haben wir es schon zeitlich mit einer anderen Dimension zu tun. Stellen Sie sich eine 30-jährige Person vor: Wenn sie ab jetzt regelmäßig zwei bis dreimal die Woche zum Sport geht, dann erleidet sie in 20 Jahren vielleicht keinen Herzinfarkt. Veranlasst sie das in ähnlicher Weise zum sofortigen Handeln? An das Thema Sport- und Bewegungsförderung muss man deshalb anders, psychologisch geschickter herangehen. Auch die Studierenden am Department für Sport- und Gesundheitswissenschaft in Potsdam lernen viel darüber, was man tun kann, um Menschen dazu zu motivieren, sich ihrer Gesundheit zuliebe mehr zu bewegen. Beispielsweise, dass es wertvoller ist, Menschen Bewegung und Sport erleben zu lassen, als über die möglichen positiven Konsequenzen zu sprechen.

Völler: Es war ja auch zu Zeiten des Lockdowns so, dass jeder Einzelne sich frei bewegen konnte. Wandern, Joggen oder Fahrradfahren waren möglich und sind auch von vielen bewegungsfreudigen Menschen ausgeübt worden. Ein ebenso großer Anteil der Bevölkerung wird den Lockdown eher als Einschränkung der Bewegungsfreiheit empfunden oder auch wohlwollend akzeptiert haben. Ob letztere den Zusammenhang zwischen einer höheren Gefährdung durch das SARS-CoV-2-Virus bei Vorliegen kardiovaskulärer Erkrankungen oder Risikofaktoren wie Bluthochdruck sehen, wage ich zu bezweifeln. Somit denke ich nicht, dass dieser Zusammenhang von vielen Menschen erkannt wird und die Motivation, körperlich aktiv zu sein, steigert.

Brand: Natürlich ist es unrealistisch, aber wenn es für Bewegung und Sport ähnlich nachdrückliche Kampagnen gäbe wie zum Schutz vor Corona, dann sähen wir sicher auch in diesem Bereich Veränderungen. Zumindest für eine gewisse Zeit. Denn die motivationspsychologisch schwierige Situation bleibt ja: Die Kampagne will, dass man etwas tut, wozu man eigentlich keine Lust hat, wovon man gesundheitlich irgendwann aber sicher profitieren wird. Die Person meint aber, dass sie das Ausruhen jetzt braucht, weil der nächste Tag schon anstrengend genug wird. Einfach nur an die Vernunft zu appellieren reicht eben meistens nicht aus.

Viele Erkrankungen, insbesondere des Bewegungsapparats und des Herz-Kreislauf-Systems, aber auch der Psyche werden unterstützend mit Sport therapiert. Welche Effekte sehen Sie bei den Patienten?

Völler: Gerade bei Menschen mit den genannten Erkrankungen ist der Benefit einer regelmäßigen sportlichen Betätigung größer als bei Gesunden.

Brand: Sehr eindrückliche Befunde gibt es mittlerweile auch zur Bedeutung von Sport und Bewegung in der Behandlung von depressiven Erkrankungen. Frühe Arbeiten zum Thema waren methodisch oft schwach und die Befunde konnten nicht überzeugen. In den letzten zehn Jahren hat sich das geändert, und es ist klar, dass sich Therapieergebnisse verbessern, wenn Sport und Bewegung eine Rolle spielen.

Menschen, die nach langer Zeit der Inaktivität oder in der medizinischen Rehabilitation begonnen haben, Sport zu treiben, berichten nicht nur von positiven körperlichen Effekten, sondern auch von einem besseren Wohlbefinden. Der Rückfall in alte Gewohnheiten ist dennoch nicht selten. Woran liegt das und wie kann man dem entgegenwirken?

Völler: Die Effekte einer aktiven Lebensweise sind vielfältig. Neben einer besseren Fitness kommt es auch zu verbesserter Immunität und stabilerer Gemütslage. Wenn Menschen jedoch keine dauerhafte Unterstützung erfahren, fallen sie in Abhängigkeit ihres sozialen Umfeldes häufig in gewohnte Verhaltensmuster zurück. Daher muss in Schulen und Betrieben einer gesunden Lebensweise – neben der Bewegung spielt auch die Ernährung eine große Rolle – viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Schul- und Betriebssport sollten fester Bestandteil des Alltags sein.

Brand: Aber man muss auch aufpassen, dass man als Sport-Fan und Bewegungsförderer nicht in die Falle tappt und so tut, als ob Sport jedem Menschen in gleichem Maße immer sofort und automatisch gut tut! Das ist nicht so. Wenn eine untrainierte und eine trainierte Person gemeinsam zum Laufen gehen, dann fühlt sich bei schnellerem Tempo nur noch eine der beiden gut. Es geht darum, die für einen selbst richtige und gute Art von Sporttreiben zu finden. Dabei kann man sich sogar helfen lassen: Fachleute, die wissen wie man Sport und Bewegung so anbietet, dass die Freude im Vordergrund steht, gibt es in jeder Schule, in jedem Gesundheitszentrum und sicher auch in vielen Fitnessstudios.

Sport während der Pandemie

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland hat Prof. Dr. Ralf Brand eine große Studie zu den Auswirkungen des Corona-bedingten Lockdowns auf das Bewegungsverhalten und dessen Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden durchgeführt. Jetzt sind die Daten von mehr als 16.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 32 Ländern erhoben, die wissenschaftliche Veröffentlichung zur Untersuchung liegt gerade bei einer internationalen Fachzeitschrift zum Peer Review. „Was wir sehen ist, dass diejenigen, die schon vor Corona regelmäßig aktiv waren, während des Lockdowns in der für sie gewohnten Häufigkeit aktiv bleiben oder sogar etwas mehr machen“, so Brand. „Viele derjenigen, die bisher in Fitness-Studios waren, gingen während dieser Zeit eben zum Joggen oder haben sich zuhause selbst Sportgelegenheiten geschaffen. Interessant ist, dass viele von denen, die vor dem Lockdown nie oder kaum Sport getrieben waren, während der Krise bewegungsaktiver geworden sind.“ Auch mit Blick auf die Auswirkung während Corona veränderten Bewegungsverhaltens fanden die Wissenschaftler Unterschiede. Diejenigen, die vor der Krise weitgehend inaktiv waren und erst in den Tagen des Lockdowns begonnen haben, sich hin und wieder der Gesundheit zuliebe zu bewegen, profitierten davon nicht auf Ebene des subjektiven Wohlbefindens. Schon vor der Krise ausreichend bewegungsaktiv gewesen zu sein, war in gewisser Weise Schutzfaktor für eine vergleichsweise gute Stimmung während der Krise.

Rehabilitation während der Pandemie

Prof. Dr. med. Heinz Völler ist Professor für Rehabilitationsmedizin an der Gesundheitswissenschaftlichen Fakultät und zudem Ärztlicher Direktor der „Klinik am See“, einer Rehabilitationsklinik für Innere Medizin in Rüdersdorf. In der Corona-Pandemie steht er vor der permanenten Herausforderung, Patienten und Mitarbeitern größtmöglichen Schutz zu bieten. Patienten, die direkt aus dem Krankenhaus in die Klinik kommen, müssen einen negativen Abstrich vorweisen. Wer zwischendurch zu Hause war, muss eine Woche lang ein Symptomtagebuch führen. „Bei Verdacht auf SARS-CoV-2-Infektion wird vor Ort ein Abstrich durchgeführt und der Patient muss in Quarantäne, bis das Ergebnis vorliegt“, beschreibt Völler das verschärfte Aufnahmeverfahren. Auch die Mitarbeiter führen ein Symptomtagebuch und werden großzügig abgestrichen und vom Dienst befreit. Gruppengrößen wurden verkleinert und Essenzeiten verändert, um die Abstandsregeln einzuhalten. Nicht zuletzt wurden die ohnehin schon hohen Hygienestandards intensiviert. „Bislang gab es keine Infektionen, sodass der Risikogruppe herzkranker Patienten eine regelhafte Rehabilitation ermöglicht werden konnte“, so Völler.

Die Forscher

Prof. Dr. Ralf Brand ist Sport- und Englischlehrer sowie Diplom-Psychologe. Er ist Professor für Sportpsychologie an der Universität Potsdam und Affiliierter Professor für Bewegung und Sport an der Iowa State University (USA).
E-Mail: ralf.branduni-potsdamde

Prof. Dr. med. Heinz Völler ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sozialmedizin. Er ist Professor für Rehabilitationsmedizin an der Gesundheitswissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam, der Medizinischen Hochschule Brandenburg und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus Senftenberg. Als Ärztlicher Direktor leitet er die „Klinik am See“ in Rüdersdorf.
E-Mail: heinz.voellerfgw-brandenburgde

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Zwei 2020 „Gesundheit“ (PDF).