Kreuz und quer mit Sachverstand – Potsdamer Bildungsforscher untersuchen Kompetenzen von Quereinsteigern ins Lehramt

Potsdamer Bildungsforscher haben die Kompetenzen von Quereinsteiger-Lehrern mit klassisch ausgebildeten Lehrern verglichen. Mit durchaus überraschendem Ergebnis. | Foto: AdobeStock/contrastwerkstatt
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Potsdamer Bildungsforscher haben die Kompetenzen von Quereinsteiger-Lehrern mit klassisch ausgebildeten Lehrern verglichen. Mit durchaus überraschendem Ergebnis.

Seit einigen Jahren schlagen Bildungsexperten in Deutschland Alarm: Dem Land gehen die Lehrerinnen und Lehrer aus. Denn an deutschen Universitäten werden weniger Pädagoginnen und Pädagogen ausgebildet als Jahr für Jahr in Ruhestand gehen. Die Lösung: Quereinsteiger. In den meisten Bundesländern ist es inzwischen auch möglich Lehrer zu werden, ohne ein klassisches Lehramtsstudium absolviert zu haben. Tatsächlich füllen vor allem Quereinsteiger das demografische Loch im Klassenzimmer. Tendenz steigend. Waren 2013 rund zwei Prozent aller neu eingestellten Lehrer Quereinsteiger, lag dieser Wert 2018 mit 13,3 Prozent rund sechsmal so hoch. Doch manch einer sieht diese Entwicklung skeptisch: Wie können Quereinsteiger richtige Lehrer sein, ohne die notwendige pädagogische, didaktische und bildungswissenschaftliche Ausbildung? Die Wissenschaft konnte diese Frage bisher nur unzureichend beantworten. Potsdamer Bildungsforschende um Prof. Dr. Dirk Richter haben nun in einer Studie Quereinsteiger und traditionell ausgebildete Lehramtsanwärter miteinander verglichen. Sie interessierte vor allem, welche Kompetenzen mitbrachten und wie gut ihre Ausbildung und Berufspraxis sie auf den Lehrerberuf vorbereiteten. Matthias Zimmermann sprach mit Prof. Dr. Dirk Richter und der Hauptautorin der Studie Christin Lucksnat.

2018 wurden in Deutschland mehr als sechsmal so viele Quereinsteiger als Lehrer eingestellt als noch 2013. Hat die Politik den Bedarf verschlafen?

Richter: Ja, die Politik hätte hier früher reagieren müssen. Auf Basis der Schülerzahlen und der Zahl an Lehramtsstudierenden hätte berechnet werden können, ob der Bedarf an Lehrkräften durch die ausgebildeten Personen gedeckt werden kann. Brandenburg hat durch den Ausbau der Studienplätze sehr gut reagiert und die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass zukünftig ausreichend viele Studierende einen Abschluss machen und in den Vorbereitungsdienst übergehen können. Bis es soweit ist, müssen jedoch auch in Brandenburg Personen ohne Lehramtsstudium durch Zusatzmaßnahmen qualifiziert werden.

Sie bemängeln, dass mit dem Begriff Quereinsteiger eine große, heterogene Gruppe von „nicht traditionell ausgebildeter Lehrer“ zusammengefasst wird. Wer gehört denn dazu? Und welche Gruppe haben Sie untersucht?

Lucksnat: Unter dem Begriff der Quereinsteiger sind Personen ohne Lehramtsstudium zu verstehen, die ein Fachstudium abgeschlossen haben, aus dem Lehrbefähigungen für zwei Fächer ableitbar sind. Dies qualifiziert sie dafür, den Vorbereitungsdienst zu absolvieren. Neben dieser Gruppe gibt es auch die Seiteneinsteiger, die durch ihr Studium nur für ein Schulfach qualifiziert sind und keinen Vorbereitungsdienst durchlaufen haben. In unserer Studie haben wir ausschließlich die Quereinsteiger im Vorbereitungsdienst betrachtet und mit traditionell ausgebildeten Referendaren verglichen. Die Gruppe der neu eingestellten Seiteneinsteiger bzw. Vertretungslehrkräfte nehmen wir nicht in den Blick.
Eine Einschränkung der Arbeit besteht allerdings in dem Alter der Daten. Wir betrachten Quereinsteiger, die vor ca. 10 Jahren über den Vorbereitungsdienst in den Lehrberuf eingemündet sind. Aktuell beginnen aber auch viele Seiteneinsteiger den Schuldienst, weshalb zu beachten ist, dass die Befunde zu den Quereinsteigern nicht direkt auf die Gruppe der Seiteneinsteiger übertragen werden können. Nichtsdestotrotz bleiben die Befunde der Studie auch für die aktuelle Situation relevant, da auch aktuell immer noch Personen ohne traditionelles Lehramtsstudium über den Vorbereitungsdienst in den Lehrberuf einmünden.

Untersucht haben Sie Quereinsteiger für das Fach Mathematik. Inwiefern sind die Ergebnisse verallgemeinerbar?

Richter: Die Analysen wurden beispielhaft für das Fach Mathematik durchgeführt, da wir auch Leistungstests im fachlichen und fachdidaktischen Wissen eingesetzt haben. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich die Ergebnisse für andere Fächer grundsätzlich unterscheiden. Allerdings würden uns weitere Studien dabei helfen, die Übertragbarkeit der Befunde zu überprüfen.

Fachwissen, didaktisches Wissen – worauf haben Sie bei diesem Vergleich geschaut?

Richter: Beim Fachwissen haben wir erfasst, in welchem Umfang angehende Lehrkräfte über vertieftes fachliches Mathematikwissen in der Sekundarstufe I verfügen. Beispielsweise haben wir gefragt, ob 2^1024 – 1 eine Primzahl ist. Die Primzahlen werden in der Sekundarstufe I behandelt, jedoch wird ohne ein mathematisches Studium diese Frage kaum beantwortbar sein. Beim fachdidaktischen Wissen haben wir erfasst, wie gut angehende Lehrkräfte fachliche Inhalte den Schülern vermitteln können. Hier ging es z.B. darum, möglichst viele Lösungswege zu erklären oder zu erkennen, welche potenziellen Fehler Schüler machen können. Darüber hinaus haben wir uns auch angeschaut, welche Vorstellungen die Studienteilnehmer über das Lehren und Lernen haben und wie motiviert sie sind, das Fach zu unterrichten. Hierfür haben wir einen Fragebogen eingesetzt, in dem Quereinsteiger und traditionell ausgebildete Lehrkräfte ihre Überzeugungen und Motivation einschätzen konnten.

Traditionell ausgebildete Lehrer oder Quereinsteiger – wer sind denn nun die besseren Lehrer?

Lucksnat: Anhand der Studie lassen sich Merkmale der professionellen Kompetenz miteinander vergleichen. In beiden Gruppen finden sich Personen, die sowohl sehr gute als auch eher schwache Kompetenzausprägungen zeigen. Es ist somit nicht per se der Weg ins Lehramt, der über den Umfang der erreichten Kompetenzen bestimmt. Wie sich die festgestellten Kompetenzunterschiede jedoch in der beruflichen Praxis niederschlagen und welche Gruppe den besseren Unterricht macht, lässt sich auf Basis dieser Studie nicht beantworten.

Wo haben Quereinsteiger die größten Defizite gegenüber „traditionell ausgebildeten Lehramtsanwärtern“?

Richter: Das größte Defizit besteht im Bereich des pädagogisch-psychologischen Wissens und dort vor allem im Wissen über Unterrichtsmethoden. Dieses Ergebnis ist nicht ganz überraschend, da Quereinsteiger kein bildungswissenschaftliches Studium durchlaufen haben.

Gibt es etwas, das Quereinsteiger besser können?

Lucksnat: Quereinsteiger weisen bessere selbstregulative Fähigkeiten auf. Ihnen gelingt es häufiger, eine gute Balance zwischen beruflichem Engagement und der eigenen Widerstandsfähigkeit zu schaffen. Der Anteil dieser Personen, der in der psychologischen Forschung als „Gesundheitstyp“ bezeichnet wird, ist in der Gruppe der Quereinsteiger deutlich höher (55 Prozent) als bei den traditionell ausgebildeten Lehrkräften (38 Prozent).

Gibt es etwas, das die „traditionell ausgebildeten Lehrkräfte“ von den Quereinsteigern lernen können?

Richter: Im professionellen Wissen stehen die traditionell ausgebildeten Lehrkräfte den Quereinsteigern nach unserer Studie in nichts nach. Dennoch lässt sich auf Basis der Forschungsliteratur feststellen, dass Quereinsteiger in der Regel vielfältige pädagogische Vorerfahrungen aufweisen und in ganz verschiedenen Einrichtungen gearbeitet haben, bevor sie sich für den Lehrerberuf entschieden haben. Insofern bringen Quereinsteiger auch umfangreiche Kenntnisse aus anderen pädagogischen Einrichtungen bzw. aus anderen beruflichen Institutionen mit, die die Schule bereichern.

Wie lassen sich Quereinsteiger – auch angesichts der Ergebnisse Ihrer Studie – Ihrer Ansicht nach bestmöglich qualifizieren?

Lucksnat: Die Quereinsteiger, die an unserer Studie teilgenommen haben, durchlaufen das Referendariat und werden so zusätzlich pädagogisch und fachdidaktisch begleitet. Ein besonderes Augenmerk sollte jedoch auf die Seiteneinsteiger gelegt werden, die ohne den Vorbereitungsdienst in den Schuldienst eintreten. Personen ohne Lehramtsstudium benötigen in der Regel umfassende pädagogisch-psychologische Zusatzqualifizierungen. Diese sollten möglichst universitär angebunden sein, um die Standards der Hochschulbildung abzusichern und keine Ausbildung zweiter Klasse zu etablieren. Ferner braucht es eine individuelle Beratung und Unterstützung in der Schule, z.B. durch erfahrene Mentoren, die in konkreten praktischen Fragen beraten können.

Was muss dafür getan werden, damit das gelingt?

Richter: Für eine gelingende Qualifizierung braucht es zum einen berufsbegleitende Studiengänge an der Hochschule, die es den Seiteneinsteigern möglich machen, neben ihren beruflichen Aufgaben das Zusatzstudium zu bewältigen. Dafür benötigen die Hochschulen zusätzliche finanzielle und personelle Mittel. Darüber hinaus sollten Personen ohne traditionelles Lehramtsstudium mit einem deutlich reduzierten Lehrdeputat in der Schule eingesetzt werden, damit sie in der Lage sind, ihre Unterrichtsstunden angemessen vorzubereiten und Beratung in Anspruch zu nehmen. Schließlich braucht es auch eine gute Begleitung seitens der Studienseminare, die in berufsbegleitenden Veranstaltungen den Quer- und Seiteneinsteigern die Möglichkeit geben, ihre beruflichen Erfahrungen zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Zeigt Ihre Studie auch Schwächen in der traditionellen Lehrerausbildung auf?

Richter: Ein sehr interessanter Befund besteht darin, dass sich traditionell ausgebildete Lehramtsstudierende und Quereinsteiger nicht im fachdidaktischen Wissen in Mathematik unterscheiden. Dies hat uns sehr überrascht, da gerade Lehramtsstudierende Lehrveranstaltungen in der Fachdidaktik besucht haben. Es stellt sich somit die Frage, wie gut die fachdidaktische Ausbildung die Lehramtsstudierenden auf Aufgaben in der Schule vorbereitet.

Was ist Ihrer Ansicht nach das Modell der Zukunft: Lehramtsstudienplätze erhöhen oder Quereinsteiger besser qualifizieren?

Lucksnat: Aus unserer Perspektive sollten Maßnahmen in zwei Bereichen ergriffen werden. Zunächst sollten die bestehenden Studiengänge so gestaltet werden, dass es weniger Abbrüche gibt. Das kann unter anderem durch stärkere Beratung und Unterstützungsmaßnahmen zu Beginn des Studiums und eine stärkere Professionsorientierung gelingen. Des Weiteren braucht es eine größere Flexibilität in den Studiengängen. Wir benötigen berufsbegleitende Lehramtsstudiengänge, die es Personen erlauben, ihre fehlenden fachlichen und fachdidaktischen Kompetenzen zu erwerben und sich so für den Vorbereitungsdienst zu qualifizieren. Dies sichert einerseits Standards in der Lehrerbildung und ermöglicht den Personen, sich beruflich weiterzuentwickeln. Ferner lässt sich dieses Modell bei einem sinkenden Lehrkräftebedarf auch flexibel anpassen, indem weniger Personen zugelassen werden.

Die Studie basiert auf Daten aus Baden-Württemberg, Bayern, NRW und Schleswig-Holstein. Inwiefern sind die Ergebnisse Ihrer Ansicht nach auf Brandenburg übertragbar?

Richter: Dies ist eine der ersten Studien in Deutschland, welche die Kompetenzen von traditionell ausgebildeten Lehrkräften im Vorbereitungsdienst mit denen von Quereinsteigern vergleicht. Die Stichproben wurden repräsentativ gezogen und ermöglichen die Generalisierbarkeit für diese Länder. Für einzelne andere Länder liegen noch keine Befunde vor, sodass die Übertragbarkeit der Befunde für Brandenburg geprüft werden muss.

 

Zur Publikation „Unterschiedliche Wege ins Lehramt – unterschiedliche Kompetenzen? Ein Vergleich von Quereinsteigern und traditionell ausgebildeten Lehramtsanwärtern im Vorbereitungsdienst“: https://doi.org/10.1024/1010-0652/a000280

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2020 „Digitalisierung“ (PDF).