Klischee oder Chance? – Die Psychologin Andrea Hasl erforscht den amerikanischen Traum

Das Empire State Building in New York City | Foto: Pixabay/Free-Photos
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Das Empire State Building in New York City

Wer kennt sie nicht, die Erfolgsgeschichten mittelloser Amerikaner und Einwanderer aus aller Herren Länder, die ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufbrachen, um den „American Dream“ zu leben? Aber gibt es ihn wirklich oder wird hier nur ein Klischee bedient? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Doktorandin Andrea Hasl. Seit 2017 promoviert sie bei Professor Martin Brunner am Lehrstuhl für Quantitative Methoden in den Bildungswissenschaften. Die Nachwuchswissenschaftlerin hat Hunderte sozioökonomischer Daten empirisch ausgewertet. Gemeinsam mit anderen hat Andrea Hasl die Ergebnisse in einem Beitrag der renommierten Zeitschrift „Psychology & Aging“ veröffentlicht.

Egal, wer man ist, egal, woher man kommt, mit harter Arbeit und Ausdauer hat es jeder Mensch selbst in der Hand, sein Leben in der Zukunft zu verbessern. So oder ähnlich würden wohl die meisten Menschen den „American Dream“ beschreiben. In ihrer Studie wendet sich Hasl mit Kolleginnen und Kollegen von der Uni Potsdam sowie der Humboldt-Universität zu Berlin insbesondere zwei Fragestellungen zu: Inwiefern wurden Kernaspekte des amerikanischen Traums überhaupt je verwirklicht? Und: Ist ein Einfluss historischer Veränderungen auf dessen Kernaspekte nachweisbar?

Seit den 1960er Jahren lassen sich in den USA der Abbau von Sozialsystemen und eine wachsende Deregulierung der Märkte beobachten. Digitalisierung, Internet und zunehmende Internationalisierung hielten Einzug. Das eröffnete neue Möglichkeiten, brachte aber auch eine erhöhte Komplexität der Arbeitswelt mit sich. Wie haben sich diese und andere Entwicklungen auf die Realisierung des „American Dream“ ausgewirkt?

Um das Bild des amerikanischen Traums messbar zu machen, galt es zunächst Variablen zu finden, die dessen empirische Untersuchungen ermöglichen. „Wenn der ‚American Dream‘ wahr wäre, sollten Eigenschaften wie Intelligenz oder gewissenhaftes Arbeiten den Erfolg im Leben vorhersagen, nicht jedoch die Lebensumstände, in welche eine Person hineingeboren wurde“, sagt Hasl. Als echter Glücksfall erwiesen sich die „US National Longitudinal Surveys of Youth“ von 1979 und 1997, zwei repräsentative längsschnittliche Kohortenstudien, die über Jahrzehnte hinweg mehr als 100 sozioökonomische Personendaten von US-Bürgern erfassen. Sie bilden die Grundlage der Untersuchung.

Für die Teilnehmenden beider Studienkohorten, geboren Anfang der 1960er bzw. der 1980er Jahre, wurden im Alter von 15 bis 16 Jahren Intelligenz und Schulnoten sowie die finanzielle Situation und Bildung der Eltern erfragt. 20 Jahre später schaute man sich die Lebenssituation der jeweils 3.500 Personen erneut an, diesmal mit Blick auf Bildungsstand, Verdienst und Gesundheit. Mithilfe statistisch aufwendiger Verfahren konnten die Autorinnen und Autoren die gemessenen Life-Outcomes der nun Mitte 30-Jährigen zur Ausgangssituation in Beziehung setzen, um anschließend verschiedene Ergebnisse abzuleiten.

Bezogen auf ihre ursprüngliche Frage kommt Andrea Hasl zu einem klaren Schluss: „Der ‚American Dream‘ in seiner Reinform – also die Zurückführung des Erfolgs im Leben ausschließlich auf die eigenen Fähigkeiten, nicht jedoch auf die soziale Herkunft – war in keiner der beiden Kohorten präsent!“ Zwar hatte der Einfluss des familiären Hintergrundes über die Zeit, anders als von den Forschenden angenommen, nicht zugenommen. Doch er blieb ein maßgebliches Kriterium für die Lebensverläufe. Personen aus reicheren Familien hatten nach 20 Jahren mehr Bildungsjahre absolviert, verdienten mehr und wiesen bessere Gesundheitswerte auf. Dies galt allerdings auch für Personen, die in ihrer Jugend höhere kognitive Fähigkeiten (IQ) und bessere Schulnoten vorzuweisen hatten. Gerade ein hoher IQ hatte das Potenzial, Benachteiligungen auszugleichen.

Vergleicht man die Effekte miteinander, fällt der Einfluss guter Noten auf den Erfolg in verschiedenen Lebensbereichen auf. Dieser ist, besonders für Bildung und Einkommen, in der jüngeren Kohorte deutlich größer als in der älteren. Das kann mehrere Gründe haben. Zunächst stellen Zensuren ein Zusammenspiel unterschiedlicher Fähigkeiten dar. Andrea Hasl erklärt das so: „Noten spiegeln sowohl kognitive als auch sozio-emotionale Fähigkeiten wider. Ist jemand nicht nur klug, sondern auch gewissenhaft und motiviert?“ Gerade diese sozio-emotionalen Fähigkeiten werden immer wichtiger, um in einer komplexen Umwelt zu bestehen. Gleichzeitig können Zensuren in Zeiten größerer Konkurrenz eine Signalwirkung haben. Sie sind für Universitäten sowie Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber ein interessantes Auswahlkriterium.

Andrea Hasls Fazit fällt indes gespalten aus: Der „American Dream“ ist wohl doch eine Ausnahme, ein Klischee – verfilmt, besungen und in Romanen beschrieben. Folgt man den Ergebnissen der Studie, könnten sich Intelligenz und sozio-emotionale Fähigkeiten trotzdem auszahlen und sollten in ihrem Potenzial erkannt werden. „Um den amerikanischen Traum tatsächlich möglich zu machen, braucht es starke staatliche Sozialsysteme. Diese sollten Kindern bereits von klein auf die Möglichkeit geben, unabhängig vom finanziellen Status ihrer Familie hochwertige Bildung und Gesundheitsvorsorge zu erhalten. Nur so lässt sich Benachteiligungen früh entgegenwirken und eine nachhaltige Chancengleichheit für alle ermöglichen“, so das Resümee der Forscherin.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2020 „Bioökonomie“.