Global mit Blick auf Afrika – Migrationsbewegungen stehen im Mittelpunkt der Forschung von Marcia C. Schenck. Sie ist neu ernannte Professorin für Globalgeschichte an der Philosophischen Fakultät

Die Historikerin Marcia C. Schenck | Foto: Kevin Ryl
Quelle: Kevin Ryl
Die Historikerin Marcia C. Schenck

„Professuren in Deutschland, insbesondere an Historischen Instituten, sind meist eurozentrisch geprägt“, sagt Prof. Marcia C. Schenck, PhD. Die Historikerin ist seit Anfang 2020 Professorin für Globalgeschichte in Potsdam – und setzt frische Akzente. Über die Ausschreibung einer themenoffenen Tenure-Track-Professur hat sie sich sehr gefreut. Denn sie bietet ihr die Möglichkeit, rein europäische Sichtweisen zu überwinden. Als Forscherin interessiert sie sich nämlich für einen Kontinent, der in globalwissenschaftlicher Perspektive sehr vernachlässigt sei: Afrika. „Mein Fokus auf afrikanische Geschichte hat hier offenbar Anklang gefunden.“ Sicher nicht ohne Grund, bestehen an der Universität doch etliche Möglichkeiten zur Vernetzung. Zum Beispiel zum Graduiertenkolleg „Minor Cosmopolitanisms“, das sich mit in Europa bisher wenig beachteten, globalen Formen von Weltbürgertum befasst. „Potsdam ist ein wunderbarer Ort mit einer jungen Universität, die neue Ideen unterstützt“, sagt die Historikerin.

In das Potsdamer Forschungsprofil passt Schenck auch deshalb besonders gut, weil sie die jüngere, regionale Geschichte in ihren globalen Zusammenhängen betrachtet. Für ihre Dissertation an der US-amerikanischen Princeton University befragte die Wissenschaftlerin Menschen, die aus sozialistischen Bruderstaaten in die DDR eingewandert waren. Die größte Gruppe bildeten Arbeitsmigranten, die ab den frühen 1960er Jahren ins Land kamen – aus der Volksrepublik Polen oder aus Ungarn, ab den 1970er und 1980er Jahren auch aus Algerien, Kuba, Vietnam, Mosambik und Angola. Nach fünf Jahren wurden die Zuwanderer meist wieder in ihr Heimatland zurückgeschickt. Anders als bei den Gastarbeitern in Westdeutschland war die Migration zwischen den sozialistischen Ländern sehr stark staatlich gesteuert. „Es gab bilaterale Verträge, die die Zahl der Migrantinnen und Migranten und die Modalitäten des Aufenthalts genau festlegten“, erklärt Schenck.

„Im Kalten Krieg gab es sehr viel Bewegung: Gewerkschafter, Studierende, Schüler, Arbeiterinnen, alle gingen ins Ausland“, sagt Schenck. „Das widerspricht dem Vorurteil, dass der Ostblock – auch mit seiner Mauer mitten durch Deutschland – etwas rein Statisches war.“ Der Historikerin geht es um solche Globalisierungsprozesse abseits des westlichen, die bisher kaum erforscht sind. Das liege auch daran, dass sich die Archive der ehemals sozialistischen Staaten erst seit Kurzem öffnen und Einblick geben in Migrationsdynamiken von Havanna bis Moskau. Was dennoch jeden Abwanderungsprozess, im Westen wie im Osten, damals wie heute, verbinde, sei der menschliche Faktor: „Migration findet einen Weg. Sie lässt sich nie vollständig regeln.“

Für ihre Dissertation in Princeton interviewte Schenck 268 Menschen aus Mosambik und Angola, die seit 1975 in der DDR arbeiteten, studierten oder eine Ausbildung machten. Die geschichtswissenschaftliche Basis der Befragungen bildete die sogenannte Oral History, eine Methode, die auf Interviews mit Zeitzeugen basiert. „Oral History bezieht die Migranten selbst ein und spricht nicht nur über sie.“ Zudem nimmt die Methode das Erzählte nicht einfach als Tatsachenbericht an, sondern bezieht ein, wie erzählt wird. Und sie bezieht sie auch die Interviewer ein, die ihre Quelle während des Gesprächs mehr oder weniger bewusst mit erschaffen.

Da die ehemaligen Vertragsarbeiter meist noch nach ihrer Rückkehr aus der DDR mobil waren, gestaltete sich die Recherche nach geeigneten Zeitzeugen oft unkonventionell. Schenck fand sie häufig durch Zufall: etwa wenn sie auf ihren Forschungsreisen mit Taxifahrern oder Security-Mitarbeitern ins Gespräch kam und dabei als Deutsche erkannt wurde. Doch auch über die deutsche Botschaft, Rückkehrer-Organisationen oder Facebook konnte sie ehemalige DDR-Einwanderer für Interviews gewinnen. Sowohl in Angola als auch in Mosambik hatten Bürgerkriege oftmals verhindert, dass diese nach der Rückkehr in ihr Heimatland tatsächlich auch im Ausbildungsberuf arbeiten konnten. Erfolgsgeschichten gab es schon eher bei denen, die in den frühen 1980er Jahren zurückkehrten und Arbeit in der Textilbranche oder in Häfen fanden. In beiden Staaten kam das Ende des Sozialismus anders als in der DDR schleichend: Die Regierungen wechselten nicht, sondern wollten ab den 1990er Jahren vom Sozialismus schlicht nichts mehr wissen.

Aus ihrer Zeit in der DDR nahmen die Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter dennoch einiges mit. „In Maputo wird viel demonstriert. Meine Gesprächspartner erzählten mir, dass sie die Tradition der Montagsdemos aus der DDR mit nach Hause gebracht hätten. In Maputo gehen die Menschen allerdings mittwochs auf die Straße“, sagt Schenck und lächelt. Einige der Migranten sprechen noch heute Deutsch; und sie gewannen in persönlicher Hinsicht eine neue Perspektive, lernten andere Traditionen kennen. „Ich nenne sie ‚socialist cosmopolitans‘“, erklärt die Historikerin – also Weltbürger des Sozialismus. Sie erwarben einen kritischen Blick auf die Lebensumstände und Arbeitsverhältnisse ihres Heimatlandes. Viele blicken nostalgisch auf die Zeit in der DDR zurück: „Sie haben einen relativen Wohlstandsstaat erlebt.“ Die meisten Migrantinnen und Migranten stammen aus der Mittel- oder Unterschicht und schätzten in der DDR den günstigen Personennahverkehr und die niedrigen Mieten in den von drei oder vier Personen belegten Wohnheimzimmern. Im Rückblick erscheint ihnen diese Zeit, die sie meist als junge Menschen erlebten, als sorglos. Politisches spielt in ihren Erinnerungen kaum eine Rolle.

Doch wie kommt eigentlich eine junge Frau, am Ende des Kalten Krieges geboren und im Westen des vereinigten Deutschlands aufgewachsen, dazu, über Sozialismus und afrikanische Geschichte zu forschen? „In der 11. Klasse war ich ein Jahr in Südafrika. Ich bin mit aufregenden Eindrücken zurückgekommen und wollte die sehr komplexe Geschichte des Landes verstehen.“ Im Bachelor-Studium der Internationalen Beziehungen in Massachusetts machte sie ein Zusatzzertifikat in Afrikawissenschaften, für den Master an der Oxford Universität entschied sie sich dann gleich ganz für Afrikawissenschaften. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über die San, verschiedene Bevölkerungsgruppen im Süden Afrikas, ihre Traditionen und ihre Selbstdarstellung nicht zuletzt für den Westen. Im Fach zu Hause fühle sie sich, gerade weil sie keine Afrikanerin sei – die Bezüge zur deutschen Geschichte herauszuarbeiten, sei dann besonders fruchtbar.

Als Professorin in Potsdam hat Schenck nun einiges vor. Sie möchte in einem Publikationsprojekt die Rolle der Organisation für Afrikanische Einheit (OAE) in Bezug auf Flüchtlingsschutzprogramme erforschen. „Weltweit existieren zwei rechtsverbindliche regionale Flüchtlingsschutzregime, eines in Afrika, das andere in Europa“, erklärt die Historikerin. In Afrika jedoch reiche die Geschichte der Auseinandersetzung mit Flucht viel länger zurück. „Bereits 1969 wurde von der OAE in einer Konvention für den gesamten Kontinent definiert, was ein Flüchtling ist und wie die Regierungen sich zu Fragen der Flucht verhalten sollen. Von der Geschichtsforschung ist bisher noch völlig unbeantwortet, warum Afrika hier Vorreiter war.“ Zudem plant die Professorin bereits ein Blended-Learning-Seminar, das sie an der Universität Potsdam mit internationalen Partnern, unter ihnen ihre Alma Mater, die Princeton University, im Sommersemester 2020 durchführen wird. Im „History Dialogues“-Projekt befassen sich Studierende mit und ohne Fluchterfahrung mit Oral History. Beteiligt sind neben Potsdam und Princeton auch Universitäten und Nichtregierungsorganisationen in Ruanda, Paris, Athen, Madrid und in Jerusalem sowie im irakischen Sulaimani. Auch mit den Initiatorinnen des Refugees Teachers Program an der Uni Potsdam ist sie dafür bereits in Kontakt. Die Professorin bemüht sich außerdem um eine institutionelle Partnerschaft zwischen der Philosophischen Fakultät der Uni Potsdam und der Princeton University. Im Rahmen eines gemeinsamen „Global History Labs“ wird ein Massive Open Online Course Hunderten Studierenden auf der ganzen Welt einen globalgeschichtlichen Überblick und eine Vertiefung in Oral History geben.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2020 „Bioökonomie“.