„So fing ich vor mehr als 15 Jahren mit einem Lehrbuch an“ – Wie aus Forschung ein gutes Buch für die Lehre wird

Geoforscher Martin Trauth und seine gesammelten (Lehr)werke. | Foto: Martin Trauth
Quelle: Martin Trauth
Geoforscher Martin Trauth und seine gesammelten (Lehr)werke.

Martin Trauth ist Geowissenschaftler und außerplanmäßiger Professor für Paläoklimadynamik. Wenn er nicht gerade in Ostafrika Feldstudien betreibt oder im Labor Proben analysiert, unterrichtet er Potsdamer Studierende – vor allem darüber, wie geowissenschaftliche Daten gewonnen und ausgewertet werden. Inzwischen hat er genau darüber auch schon einige Lehrbücher geschrieben. Matthias Zimmermann sprach mit ihm darüber, was ihn zum Lehrbuchschreiben gebracht hat, warum er dabei bleibt – und warum Lego-Steine in einem geowissenschaftlichen Praktikum genau das richtige Hilfsmittel sind.

Herr Trauth, für eines Ihrer Forschungsprojekte sind Sie vor nicht allzu langer Zeit in die Wüste von Äthiopien gereist, um Bohrkerne aus ausgetrockneten Seen zu entnehmen. Fällt es da manchmal schwer, aus dem Feld oder dem Labor den Weg zurück in den Hörsaal zu finden?

Nein, gar nicht! Mir macht beides gleich viel Spaß, Forschen in Afrika und Lehren im Hörsaal. Tatsächlich sind viele der Ideen in den Büchern während der Arbeit in Afrika entstanden. Und wenn Sie die Bücher durchblättern, finden Sie darin auch viele Beispiele aus Afrika, zum Beispiel Satellitenbilder von unseren Untersuchungsgebieten in Kenia und Äthiopien.

Was macht für Sie den Reiz aus, als Lehrender vor Studierenden zu stehen?

Ich stehe eigentlich nicht sehr viel VOR den Studierenden, sondern wandere zwischen ihnen umher, während sie Probleme knacken! Und dann stehen die Studierenden eher vor mir (und den anderen), wenn sie die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren.
Wenn ich tatsächlich vor den Studierenden stehe, bekommen sie eine kurze Einführung ins Thema – die Details stehen in den Büchern, ich muss sie eigentlich nicht „vorlesen“! Wir verlassen auch oft den Seminarraum, wandern mit GPS-Technik auf den Golmer Universitätscampus umher oder führen Messungen im botanischen Garten in der Maulbeerallee durch.
Der Reiz der Lehre ist die Faszination an der Kommunikation mit jungen Menschen, die mit großer Begeisterung Geowissenschaften studieren. Es ist unfassbar schön, wenn ich spüre, dass jemand etwas verstanden hat, was ich ihm/ihr zu erklären versucht habe! Ich erfahre dann auch viel Dankbarkeit, aktuell gerade bei unseren internationalen Studierenden.

Wie muss Lehre Ihrer Ansicht nach sein, damit sie gut ist?

Hierzu mache ich mir tatsächlich ständig Gedanken – und vielleicht wird das mein nächstes, viertes Buch, dann mit meiner Kölner Kollegin Frau Dr. Verena Förster. Sie arbeitet an der Universität Köln am Seminar für Geographie und ihre Didaktik und unterrichtet gelegentlich im Rahmen meiner Kurse einzelne Veranstaltungen zum Thema nonverbale Kommunikation.
Ich habe das traditionelle Format mit Vorlesung, Übung und/oder Seminar mit einer Abschlussklausur fast komplett aufgegeben. Stattdessen bekommen die Studierenden eine Aufgabe, die mit nur wenigen Worten beschrieben ist. Und dann verbringen wir einen Nachmittag miteinander, einen experimentellen Aufbau zu entwerfen und zu bauen, Messungen durchzuführen und die gemessenen Daten auszuwerten und zu interpretieren.
Im Verlauf des Semesters arbeiten alle an eigenen Projekten, schlagen sie zunächst vor, führen sie durch und präsentieren die Ergebnisse in einem Abschlusskolloquium. Einer meiner internationalen Studenten wusste das nicht, hatte furchtbare Angst vor der Abschlussklausur. Gleichungen auswendig lernen, das hatte er erwartet. Er hat den Kurs mit einem tollen Projekt und einer sehr guten Note abgeschlossen!

Sie haben bereits zwei Lehrbücher geschrieben. Worum geht es darin?

Das erste Buch befasst sich mit statistischen und numerischen Verfahren zur Datenanalyse in den Geowissenschaften. Als ich anfing, das Buch zu schreiben, hatte ich bereits zehn Jahre lang Kurse zu diesem Thema an der Universität Potsdam, aber auch an anderen Universitäten und Forschungsinstituten weltweit unterrichtet. Das zweite Buch schrieb ich mit meiner Schwester Elisabeth Sillmann, einer Grafikdesignerin. Darin gehtʼs um Datenrecherche, -verarbeitung und -präsentation.

Was reizt Sie daran, Lehrbücher zu verfassen?

Meist schreiben Wissenschaftler Aufsätze für Fachzeitschriften, höchstens zehn Seiten lang, viele sogar kürzer. Als die Liste diese Aufsätze länger wurde, hab ich überlegt, was ich wohl als nächstes ausprobieren könnte. Wenn man es geschafft hat, einen Artikel auch in renommierten Zeitschriften wie „Science“ oder „Nature“ unterzubringen, sucht man nach neuen Herausforderungen.
Und so fing ich vor mehr als 15 Jahren mit einem Lehrbuch an, das in der ersten Auflage etwa 250 Seiten hatte, in der neuen, fünften Auflage fast doppelt so dick ist. Wenn dann nach einem Jahr mit Verhandlungen mit dem Verlag, Vertragsabschluss, intensivem Schreiben, Lektorat und Satz, das Paket mit Freiexemplaren ins Büro geliefert wird, mit buntem Festeinband, das ist schon ein sehr schönes Gefühl!

Sie schreiben derzeit ein Lehrbuch, in dem Sie Studierenden erklären, wie man mit Smartphones, kleinen Infrarot-Kameras und Lego-Sets Datenerfassung in den Geowissenschaften betreibt. Was hat es damit auf sich?

Im Unterricht zur Datenanalyse verweise ich auf die geowissenschaftlichen Messverfahren, mit denen unsere Daten gewonnen werden. Ein Beispiel dafür ist ein Satellit mit mehreren Sensoren, der in großer Höhe über die Erde schwebt. Wir haben einen solchen Satelliten mit unterschiedlichen Sensoren aus Lego nachgebaut und programmiert.
Das Praktikum umfasst inzwischen mehr als 30 unterschiedliche Experimente, jeweils mit optischen, magnetischen oder akustischen Sensoren, die in zwei Masterkursen in den Geowissenschaften, aber auch bei Sommerschulen für Doktoranden zum Einsatz kommen. Nun – hat man zwei Bücher geschrieben, jeweils mit mehreren Auflagen, ist ein drittes schnell begonnen!

Wie schiebt man die Arbeit daran zwischen Forschung und Lehre?

Das ist nicht immer einfach, insbesondere weil uns in den Fächern immer mehr Verwaltungsaufgaben – insbesondere in der Verwaltung von Studienangelegenheiten – zugemutet werden. Andererseits habe ich sehr viel Unterstützung aus dem Dekanat und dem Präsidium erhalten, die mir Mittel zur Anstellung einer wissenschaftlichen Hilfskraft bereitstellen. Dafür bin ich sehr dankbar!

Verfasser von Fachlehrbüchern stellt man sich nicht gerade als Bestsellerautoren vor …

Mich hat der Erfolg des ersten Buches tatsächlich überrascht! Kaum erschienen, schoss es innerhalt von wenigen Wochen auf Platz 1 beim SpringerNature Verlag, aus fast 1.500 Büchern in den Erd- und Umweltwissenschaften. Wenn man sein erstes Buch schreibt, ist man auf alles gefasst, auch darauf, dass nicht ein einziges verkauft wird.
Als ich auf einer europäischen Tagung beim Stand des Verlags vorbeischaute, war es nicht zu finden. Enttäuscht fragte ich eine Redakteurin am Stand, die mir aber begeistert erklärte, dass es bereits am Morgen des ersten Tages ausverkauft war und sie auf eine deutlich größere Nachlieferung warteten.

… die auf Lesereisen mit ihren begeisterten Lesern ins Gespräch kommen. Wie bekommen Sie mit, ob Ihre Bücher ihren Zweck erfüllen?

Ich bekomme sehr viele E-Mails von Lesern, teils Studierende, viele Promovierende, aber auch Kollegen/innen, die nach den Büchern unterrichten. Seit zwei Jahren blogge ich auch zu den Büchern, mit inzwischen 600 registrierten Lesern und vielen anderen, die ohne Registrierung mitlesen. Von allen diesen Menschen kommen viele Fragen, Anregungen, auch Korrekturen von Fehlern in den Büchern.

Was lernen Sie selbst (noch) dabei, wenn Sie ein Lehrbuch schreiben?

Ich versuche, die Bücher thematisch sehr viel breiter anzulegen, als ich selbst bin. In meinem ersten Buch finden Sie meine Kernkompetenz zur Zeitreihenanalyse und Signalverarbeitung in Kapitel 5 und 6, aus insgesamt zehn Kapiteln. Im aktuellen Buch ist das noch viel ausgeprägter. Vieles darin muss ich neu lernen, ausprobieren, und wenn es klappt, aufschreiben.

Und was kommt als nächstes? Feld, Labor, Hörsaal oder Schreibtisch?

Wir haben Semesterferien, ich habe vergleichsweise viel Zeit zum Schreiben. Gleichzeitig berichten wir aber gerade auch über unser Äthiopienprojekt. Hier entstehen sehr viele Zeitschriftenaufsätze – und der Abschlussbericht für die Deutsche Forschungsgemeinschaft! Im Mai steht eine Konferenz in Wien an, erst im Juli darf ich wieder nach Afrika!

Das Interview entstand Anfang März statt. Inzwischen befindet sich die Universität Potsdam im Präsenznotbetrieb, die Konferenz in Wien ist abgesagt, ein Workshop zum Äthiopienprojekt wird vermutlich nicht stattfinden. Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten im Home Office weiter an Projekten, Veröffentlichungen – und Büchern wie Martin Trauth. Hier der Anfang eines gerade entstandenen Kapitels:

Dies ist eines der Kapitel des Buches, das während der COVID-19-Krise (Coronavirus SARS-CoV-2) im Frühjahr 2020 geschrieben wurde. Die Universität wurde geschlossen, der Unterricht und die Prüfungen wurden eingestellt, und alle Lehrer und Studenten experimentierten mit eLearning-Methoden. In diesen Zeiten bekommt die Fernerkundung eine ganz neue Bedeutung. Statt Experimente im Büro oder im Klassenzimmer der Universität oder gar im Ausland in geologischen Aufschlüssen durchzuführen, sucht man die Untersuchungsobjekte im heimischen Büro, im Garten oder auf der Dachterrasse. Und so viele der Messreihen wurden genau dort durchgeführt, was nicht bedeutet, dass sie weniger geeignet sind, die zu vermittelnden Prinzipien zu erklären.

Weitere Informationen:

http://www.geo.uni-potsdam.de/mitarbeiterdetails/show/108/Martin+H._Trauth.html